- Lesungen -


...hört gerade David Wagner zu

Im Rahmen der MEMORY LOSS Woche zum Thema Demenz las David Wagner gestern in Freiburg aus seinem Roman "Der vergessliche Riese".

 

Darin geht es um eine Familie, die keinen engeren Kontakt zueinander pflegte und erst durch die Krankheit des Vaters wieder zusammenfindet. Während sie sich um ihn kümmert, werden die Rollen innerhalb der Familie getauscht, denn der Vater verkommt immer mehr zum Kind, die Kinder werden zu fürsorglichen Eltern. Das Gedächtnis des einstigen Riesen lässt nach, doch dafür wachsen die Gefühle, was in der Freude über eine ewige Gegenwart gipfelt.

 

Wagner weiß, wovon er spricht, denn er hat selbst einen dementen Vater und dadurch im Roman Bruchstücke seiner eigenen Autobiografie literarisiert und verdichtet.

 

Zum Ende überraschte er mit seiner Sicht auf den Schreibprozess, denn wie das Erinnern nur eine Zusammensetzung von Fragmenten ist, so besteht nach Wagner die hohe Kunst der Prosa in ebenjenen Übergangen zwischen den Fragmenten.

 

Ein interessanter Gedanke!

 

 

 

David Wagner: Der vergessliche Riese

Roman

Hardcover, 272 Seiten

Rowohlt Verlag, Hamburg 2019

...hört gerade Anke Stellling zu

Gestern war Anke Stelling zu Gast im Literaturhaus Freiburg und las aus ihrem preisgekrönten Roman "Schäfchen im Trockenen".

 

Vor vollem Haus gab sie einen tiefen Einblick in die Midlife Crises der heutigen Mitvierziger, die plötzlich aufwachen und sind, wie sie niemals sein wollten - wie ihre Eltern.

 

Auf die Frage, ob ihr Roman denn ein Frauenroman sei, bejahte die Autorin schmunzelnd. Allerdings nicht in jenem Sinne, der von meist älteren Herren zur Diffamierung eines literarischen Textes genutzt wird und anhand dessen sie seichte Unterhaltungsliteratur von gehobener Literatur zu trennen versuchen. In ihrem Roman geht es vielmehr um eine weibliche Protagonistin, die sich auf Mutter, Tochter und andere Freundinnen bezieht und damit eine spezifisch weibliche Sicht auf die Gesellschaft zeichnet. Nebenbei entlarvt sie so ein ganzes Milieu, das sich in ihren engen Grenzen um Hausbau, Statussymbole und Familiengründung festgebissen hat.

 

Überragend - fand nicht nur das Publikum, das sich prächtig amüsierte, sondern auch die Jury des Leipziger Buchpreises, die die smarte und gewitzte Autorin Anfang des Jahres für ihr Werk auszeichnete.

 

 

 

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen

Roman

Hardcover, 272 Seiten

Verbrecher Verlag, Berlin 2018

...hört gerade Andreas Speit zu

Diese Woche war Andreas Speit zu Gast in Freiburg. Der Journalist und Rechtsextremismusexperte stellte sein Buch "Das Netzwerk der Identitären. Ideologien und Aktionen der Neuen Rechten" vor.

 

In der überfüllten Jos Fritz Buchhandlung hielt er einen eindrücklichen Vortrag über die Gefahren der Neuen Rechten, die mit medial aufgearbeiteten Aktionen auf sich aufmerksam machen und in die Mitte der Gesellschaft drängen. Zudem zeigte er Verzahnungen zu anderen völkischen und rechten Gruppierungen als auch zur AfD auf, beleuchtete die Rollen der Medien als PR-Maschine und gab tiefe Eindrücke in die Strukturen neurechten Denkens, in ihre von linken und grünen Aktivisten übernommenen Auftritte sowie in ihre Sprache.

 

Dabei kommt heutzutage eine Diskursverschiebung zum Tragen, so Speit, die bereits in den 90er Jahren ihren Anfang nahm, so dass sich die Neue Rechte als Opfer einer rotgrünversifften Meinungsdiktatur und als Widerstand gegen Umvolkung und Zensur gebären kann, die das Ende der Schulddebatte (Stichwort: Fliegenschiss) fordere. Zudem streben sie das Ende einer Konsensform an, das Ende der "Party" und eine vollkommen andere Sprache - unverhohlen antidemokratische Aussagen. Und so verwundert es auch nicht, dass sie sich dazu entscheiden, Wölfe zu sein, Wölfe, die unter die Schafe kommen sollen, um endlich aufzuräumen, die Demokratie abzuschaffen, Andersdenkende auszugrenzen und Migranten (angefangen bei den ersten Gastarbeitern und ihren Nachkommen) zurückzuschicken.

 

Es war ein interessanter Vortrag, der die Dringlichkeit des Problems aufgezeigt hat, in das unsere Gesellschaft ungetrübt hineinspaziert.

 

 

 

Andreas Speit: Das Netzwerk der Identitären

Sachbuch

Broschur, 264 Seiten

Ch. Links Verlag, Berlin 2018

...hört gerade Ferdinand von Schirach zu

Ich muss zugeben: Ich habe noch nie etwas von Ferdinand von Schirach gelesen. Aber wenn sogar die New York Times schreibt, dass er ein außergewöhnlicher Stilist sei, dann muss man Kairos am Schopfe packen und eine Lesung besuchen. Und so ging ich diese Woche ins Freiburger Stadttheater, wo der Autor sein neues Buch vorstellte: "Kaffee und Zigaretten".

 

Das Buch ist eine Sammlung von Erzählungen, Notizen und Aperçus, in der es keinen linearen Handlungsstrang gibt. Es sei wie im Leben, so von Schirach, denn wir denken nunmal nicht linear, sondern in Assoziationen. Dennoch gibt es ein wiederkehrendes Motiv. Der Tod spielt eine zentrale Rolle in den Erzählungen, denn allem, was wir tun und lieben, so von Schirach weiter, wird erst durch den Tod Sinn verliehen.

 

Es war ein sehr unterhaltsamer Abend, an dem der Autor das Publikum nicht nur durch Einblicke in das Leben eines Strafverteidigers, sondern auch immer wieder durch seinen Witz begeisterte. Stilecht gab es auf der Bühne natürlich Kaffee und Zigaretten dazu.

 

Ob er nun tatsächlich ein außergewöhnlicher Stilist ist, weiß ich allerdings noch nicht zu beantworten.

 

 

 

Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten

Roman

Hardcover, 192 Seiten

Luchterhand, München 2019

...hört gerade Kenah Cusanit zu

Vorgestern war Kenah Cusanit zu Gast in Freiburg und las aus ihrem Debütroman "Babel", den sogar Denis Scheck "turmhoch allem überlegen" sieht, "was sonst in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur in diesem Frühjahr erscheint."

 

Stilecht vor griechischen und römischen Statuen, in den Räumlichkeiten der Archäologischen Sammlung der Universität Freiburg, gab sie als Altorientalistin Einblicke in die Wiege der Zivilisation, der Kultur und Wissenschaften, redete über Koldewey, den Protagonisten ihres Romans, der vor mehr als hundert Jahren Babylon und den Turm zu Babel entdeckte, und sparte einen Seitenhieb auf das Christentum nicht aus, dessen Wurzeln in heidnischen babylonischen Texten liege, die man heutzutage vergessen habe.

 

Den Lesern ihres Romans gab sie schließlich auch noch einen Tipp an die Hand: So wie Koldewey die Ausgrabungen in ihrer Erzählung leite, müsse nun auch der Leser die Geschichte aus dem vernetzten und vielstimmigen Text ausgraben, der anfangs womöglich verwirrend sei.

 

Ein sehr interessanter Abend, der zu tiefsinnigeren Gedanken über unsere Kultur und Zivilisation anregte.

 

 

 

Kenah Cusanit: Babel

Roman

Hardcover, 272 Seiten

Hanser Verlag, München 2019

...hört gerade Takis Würger zu

Skandalroman oder künstlerische Freiheit?

 

Vorgestern war Takis Würger zu Gast in Freiburg und stellte seinen neuen Roman "Stella" vor. Im Literaturhaus Freiburg gab er im Gespräch mit Torsten Hoffmann Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Romans und ging auch auf die ausufernde Kritik in den Feuilletons ein.

 

Dort wird sein neuer Roman seit Wochen regelrecht zerrissen. Die Kritik entzündet sich insbesondere an der Frage, ob sich Nachfahren der Täter des Nationalsozialismus mit solch einem sensiblen Thema beschäftigen, ihn gar literarisieren dürfen.

 

Was also darf Literatur und was nicht?

 

Für Würger darf sie alles, denn Literatur ist Kunst, und Kunst ist frei. So wählte er für "Stella" ein historisches Thema, bettete es in einen plausiblen Rahmen ein, dessen Recherchen den Autor über Auschwitz bis nach Israel führten, und spann darin eine fiktionale Geschichte.

 

Gerade darin liegt laut Hoffmann die dramatische Ironie des Romans, denn natürlich weiß der heutige Leser mehr über die damaligen Verhältnisse im 3. Reich als die handelnden Personen. Würger selbst gibt sich überzeugt davon, dass sich auch die Nachfahren der Täter mit diesem Thema immer wieder auseinandersetzen müssen, in immer neuen Formen, um Verantwortung zu übernehmen, da es ansonsten, angesichts der bald aussterbenden Generation der Zeitzeugen, bald nur noch das große Schweigen gäbe.

 

Die Veranstaltung war nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch erhellend in vielen Punkten der Literaturkritik und Erinnerungskultur.

 

 

 

Takis Würger: Stella

Roman

Hardcover, 224 Seiten

Hanser Verlag, München 2019

...hört gerade Stephan Thome zu

Eine Religion, die einen Aufstand befeuert.
Eine Rebellion, die zu einem Krieg ausartet.
Ein Schlachten, das am Ende 20-30 Millionen Menschenleben verschlingt.

 

Nein, es ist ist nicht der Erste Weltkrieg. Auch nicht der Zweite. Und mitnichten der Dreißigjährige. Es ist ein Krieg an der Peripherie unserer Aufmerksamkeit, der dieses Jahr durch Stephan Thome ins Rampenlicht gerückt wurde.

 

Diese Woche war der Autor in Freiburg und las aus seinem Roman "Gott der Barbaren", der von ebenjenem Krieg im weit entfernten China des 19. Jahrhunderts handelt.

 

Der Roman war nominiert für den diesjährigen Deutschen Buchpreis und hatte es sogar auf die Shortlist geschafft.

 

Thome las aber nicht nur, sondern gab als promovierter Philosoph - der er ebenfalls ist - Einblicke in seine profunden Kenntnisse der chinesischen Geschichte und Philosophie sowie über das seit jeher schwierige und oft auf Missverständnissen beruhende Verhältnis von Ost und West.

 

Es war ein atmosphärischer und äußerst erkenntnisreicher Abend um einen "intellektuellen Abenteuerroman":

Veranstaltet wurde die Lesung von der Buchhandlung zum Weitzstein im "Kunstraum Alexander Bürkle".

 

 

 

Stephan Thome: Gott der Barbaren

Roman

Hardcover, 719 Seiten

Suhrkamp Verlag, Berlin 2018

...hört gerade Alex Capus zu

Alex Capus zu Gast in Freiburg.

 

In der Buchhandlung Rombach stellte er gestern seinen neuen Roman "Königskinder" vor. Dabei rezitierte er nicht nur Textstellen, voller Sprachwitz und Situationskomik, sondern plauderte auch aus dem Nähkästchen. Faszinierend vor allem seine Auffassung über das Geschichtenerzählen im allgemeinen.

 

Demnach habe jede Geschichte seinen eigenen Ton. Nur mit diesem einen Ton könne diese eine Geschichte erzählt werden. Das Problem sei jedoch, ihn zu finden, denn er erschließe sich nicht im Nachdenken, sondern nur intuitiv, sozusagen als Gärungsprozess. Eines Morgens, wenn man sich in Gedanken lange genug mit der Geschichte befasst habe, womöglich schon kurz vor der Resignation, stände er plötzlich vor einem, unvermutet, und erst dann könne man beginnen zu erzählen.

 

Nicht nur die Geschichte um Max und Tina sowie die Binnenerzählung um Jakob und Marie beeindruckten gestern, auch das Unterhaltungstalent des Autors trug zu einem kurzweiligen Abend bei, ein amüsanter und witziger Abend, bei dem das Publikum bestens unterhalten wurde und oft herzhaft lachen musste.

 

 

 

Alex Capus: Königskinder

Roman

Hardcover, 176 Seiten

Hanser Verlag, München 2018

...hört gerade Klaus Modick zu

Was für ein lebhafter und unterhaltsamer Abend gestern im Literaturhaus Köln!

 

Zu Gast war Klaus Modick, der seinen neuen Roman "Keyserlings Geheimnis" vorstellte. Darin geht es um Eduard von Keyserling, Dichter um 1900, oft verglichen mit Fontane, von Thomas Mann gelobt, von Autoren hochgeschätzt und gefeiert, heute leider vergessen. Zu Unrecht, wie Modick meint, der ihn wie Thomas Mann als den besseren Fontane ansieht!

 

Der Roman von Modick zitiert Keyserlings Schreibweise. Dessen unerschütterbare Ironie wandelt sich zu Modicks Ironie. Das spürt und hört man in jedem Satz. Begeistert lauschte das Publikum den feingeschliffenen Sätzen und konnte manch herzhafte Lacher nicht unterdrücken. Dennoch liegt dem Text eine schwere Melancholie zugrunde, da Keyserling an der Syphilis erkrankt und in einem Prozess des langsamen Verfalls begriffen war.

 

Moderiert wurde der herrliche Abend vom wunderbaren Markus Schwering (Kölner Stadt-Anzeiger).

 

Ein ausführliches Interview von Klaus Modick über seinen neuen Roman findet ihr übrigens hier:
https://www.youtube.com/watch?v=HTA1hDqiYG4

 

 

 

Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis

Roman

Gebunden, 240 Seiten

Köln: Kiepenheuer & Witsch 2018

 

...hört gerade Virginie Despentes zu

Eine Schifffahrt, die ist lustig...vor allem mit so prominenten Gästen.

 

Gestern stellte Virginie Despentes den zweiten Teil ihres Erfolsromans "Das Leben des Vernon Subutex" im Rahmen der lit.COLOGNE vor.

 

In Frankreich brach die Trilogie über den arbeitslosen Musikliebhaber Vernon, der seinen Plattenladen verliert, obdachlos wird und durch den Dschungel der Großstadt und heutigen französischen Gesellschaft irrt, alle Rekorde. Wie Dostojewskis Idiot ist er jemand, der alles verliert, aber Freiheit und einen unverstellten Blick auf die Dinge gewinnt. Durch seine Vielstimmigkeit entwirft der Roman ein Sittengemälde der Gesellschaft und malt ihre Missstände im Wandel der letzten zwanzig Jahre in den buntesten Farben aus. Ironisch und pointiert nimmt Virginie Despentes dabei kein Blatt vor den Mund.

 

Auf der Rheinfahrt las Ulrich Matthes Teile aus der deutschen Übersetzung. Er selbst war begeistert vom zweiten Teil, "weil er so offensiv ist, ohne auf den Wecker zu gehen."

 

Der dritte Teil wird im Herbst erscheinen.

 

 

 

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

Roman, aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz

Gebunden, 400 Seiten

Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 2017

...hört gerade Gunnar Kaiser zu

Am Freitag Abend las Gunnar Kaiser in der wunderschönen Bernstein-Verlagsbuchhandlung, Gebrüder Remmel [R²] in Siegburg aus seinem Roman "Unter der Haut".

 

Es war seine erste öffentliche Lesung und allen Anwesenden wurde schnell klar, dass er nicht nur ein brillanter Romanautor ist, sondern auch ein exzellenter Vorleser, der durch das Zusammenspiel von Text und Stimme die Zuhörer in den Bann seines Romans riss.

 

In diesem geht es vordergründig um die Geschichte eines bibliophilen Dandys, der ein dunkles Geheimnis birgt. Doch in dem Roman schwingt so viel mehr mit. Es geht um die deutsche Geschichte des letzten Jahrhunderts, im Inland sowie im Ausland, um Judentum und Deutschsein, um Literatur und Philosophie, um Liebe und Obsessionen, Erzählung und Verführung und vor allem um Bücher, Bücher, Bücher.

 

Ein fabelhafter Abend! Ein grandioser Roman! Und ein Autor, von dem man noch viel hören wird!

 

 

 

Gunnar Kaiser: Unter der Haut

Roman

Gebunden, 528 Seiten

München: Berlin Verlag (Piper Verlag GmbH) 2018

...hört gerade Sasha Marianna Salzmann zu

Im Rahmen der lit.COLOGNE las Sasha Marianna Salzmann gestern im Alten Pfandhaus aus ihrem Roman "Außer sich".

 

Das Feuilleton ist sich bis heute nicht einig, worum es eigentlich in diesem Roman geht, und stellt immer wieder andere Themen in den Mittelpunkt. Genau daran erfreut sich Salzmann, entspricht es doch ihrer Auffassung von produktiver Verwirrung.

 

Mit dieser Umschreibung kann man wohl am besten zusammenfassen, was "Außer sich" ausmacht. Der Roman sorgt für produktive Verwirrung. Eine Fülle an Themen wird behandelt, allein die Kategorisierungen fehlen. Denn was ist schon Identität? Laut Salzmann ist Identität stets Erinnerung, Erinnerung ist Erzählung und Erzählung ist stets im Fluss. Identität ist daher nichts Festes, sondern fluid.

 

Mit ihrem Roman stand sie im letzten Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Zu Recht, wie ich finde, denn auch mich hatte der verwirrende Roman mitgenommen.

 

 

 

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Roman

Gebunden, 366 Seiten

Berlin: Suhrkamp 2017

...hört gerade Dogan Akhanli zu

Diese Woche war Dogan Akhanli zu Gast im Literaturhaus Köln und hat sein neues Buch "Verhaftung in Granada oder Treibt die Türkei in die Diktatur?" vorgestellt.

 

Eindrücklich hat Akhanli, immerhin seit Jahren deutscher Staatsbürger, den Schrecken beschrieben, den er im letzten Jahr in Granada erleiden musste, als ihn spanische Polizisten wegen eines internationalen Haftbefehls der Türkei festnahmen. In der beengten Zelle platzten plötzlich alte Wunden wieder auf und längst vergrabene Erinnerungen kamen wieder hoch. Die Zeit krümmte sich, wie er sagt und schreibt.

 

Denn bereits 1975 kämpfte Dogan Akhanli gegen das Regime in der Türkei, wurde verhaftet und gefoltert. Fortan und bis heute ist er eine persona non grata, musste immer wieder als politischer Häftling Freiheitsentzug sowie Folter erdulden, auch unter der Herrschaft Erdogans, dessen Fänge bis nach Spanien zu reichen schienen.

 

In seinem autobiographischen Text spannt er deshalb gekonnt den Bogen von dem Dichter Lorca, der am 19.8.1936 durch das Regime Francos in Granada getötet wurde, zu seiner eigenen Gefangennahme 81 Jahre später in derselben Stadt. Faschistoide Diktaturen, so eine der Lesarten, scheint es zu jeder Zeit und an jedem Ort geben zu können.

 

Um sich gegen sie zu feien, plädiert Dogan Akhanli für eine transnationale Erinnerungskultur, die über nationale und ethische Grenzen hinausgeht. Nur so könne man sich gegen Diktaturen wappnen.

 

 

 

Dogan Akhanli: Verhaftung in Granada oder Treibt die Türkei in die Diktatur?

Taschenbuch, 124 Seiten

Kiepenheuer & Witsch, 2018

 

Mehr Informationen und eine Leseprobe auf der Webseite des Verlags

 

 

 

...hört gerade Colson Whitehead zu

Gestern war Colson Whitehead zu Gast in Köln. Mit der Professorin Sabine Sielke sprach er über seinen Roman "Underground Railroad".

 

Neben selbstgelesenen und von Marion Mainka aus der deutschen Übersetzung rezitierten Passagen wehrte sich Whitehead vor allem gegen die Anschuldigungen von fake news, die einige Kritiker ihm vorhalten. Romane seien eben nunmal keine Sachbücher und so habe er von seiner künstlerischen Freiheit Gebrauch gemacht und historische Ereignisse mit Fiktion gepaart. Im Verlauf des Abends kam die Rede natürlich auch auf Trump, die gespaltene USA sowie die Verbindungen zwischen Sklaverei und Holocaust.

 

Besonders einprägsam war aber seine Kapitalismuskritik, denn dieser sei nicht ohne Sklaverei zu haben. Erst durch die Sklaverei und dem damit verbundenen Gewinn aus dem Baumwoll-, Indigo- und Tabakhandel seien die USA zu der ökonomischen Weltmacht geworden, die sie heute sind.

 

Starke Worte eines starken Mannes.

 

Veranstaltet wurde der Abend vom Amerika Haus NRW und der Buchhandlung Klaus Bittner. Ein großes Dankeschön geht deswegen an sie!

 

 

 

Colson Whitehead: Underground Railroad

Roman, aus dem Englischen übersetzt von Nikolaus Stingl

Gebunden, 352 Seiten

München: Carl Hanser Verlag 2017

...hört gerade Jan Wagner zu

Gestern war Jan Wagner zu Gast im Literaturhaus Köln.

 

Der frisch gekürte Georg-Büchner-Preisträger stellte im Interview mit Frank Olbert sein neues Buch vor: "Der verschlossene Raum. Beiläufige Prosa", erschienen bei Hanser Literaturverlage, eine Essaysammlung, die vor Wortwitz, Beobachtungsgabe und Reflexion nur so strotzt.

 

Daneben ließ er das Publikum an sprachphilosophischen Gedankengängen über Gedichte sowie deren (Un)Möglichkeit der Übersetzung teilhaben, Gedankengänge, die so scharfsinnig waren, dass man wieder Lust auf Lyrik bekommen hat!

 

Aber ein Abend mit Jan Wagner wäre natürlich nichts ohne seine eigenen Gedichte, von denen er schließlich auch einige vorlas. Schnell wurde klar: Jan Wagner ist nicht nur ein ausgezeichneter Poet, sondern auch ein begnadeter Rezitator, der erst durch den Vortrag die eigentliche Kraft der Lyrik entfesseln kann. Denn Lyrik entfaltet sich gerade erst in der Rezitation.

 

Ein ungemein geistreicher Abend!

 

 

 

Jan Wagner: Der verschlossene Raum. Beiläufige Prose

Gedichtband

Hardcover, 272 Seiten

Hanser Verlag, München 2017

...hört gerade Péter Nádas zu

Péter Nádas im Gespräch mit Iris Radisch in der Stadtbibliothek Köln.

 

Neben eindringlichen Beschreibungen seiner Nahtoderfahrungen stellte Nádas gestern Abend auch sein neues Buch "Aufleuchtende Details" vor. Es sind seine Lebenserinnerungen, aber nicht im Gewande einer schnöden Autobiographie, sondern anhand einer Vielzahl einzelner Ereignisse, die ihm zu dem machten, was er ist.

 

Seine Memoiren bieten durch eine sechs Generationen umfassende Familiengeschichte ein breites Panorama des letzten Jahrhunderts, denn - wie er sagt - kein Mensch fängt bei seiner Geburt bei Null an, sondern hat ererbte Erinnerungen. Jeder Mensch ist die Summe aller bereits vorangegangenen Geschichten und trägt diese Prägungen in sich.

 

Eine sehr interessante These!

 

 

 

Péter Nádas: Aufleuchtende Details

Roman

Hardcover, 1280 Seiten

Rowohlt Verlag, Hamburg 2017

...hört gerade Terézia Mora zu

Die Preisträgerin der Literaturhäuser 2017 zu Gast im Literaturhaus Köln.

 

Anlässlich ihres Preisgewinns und ihrer Buchvorstellung las die Autorin und Übersetzerin Terézia Mora gestern im Literaturhaus Köln aus ihrem Erzählband "Die Liebe zwischen Aliens". Der Preis wurde ihr verliehen, da sie "bislang ein Werk vorgelegt [hat], das fraglos zum Aufregendsten und stilistisch Verblüffendsten gehört, was die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu bieten hat."

 

Ihre Geschichten erzählen meist von Außenseitern der modernen Welt, von fragilen Persönlichkeiten und ihren Sehnsüchten sowie Träumen im Alltag, von Gefühlen der Irritation und Heimatlosigkeit.

 

Ein gelungener Abend mit Einblicken in die interessante Schreibbiographie der Autorin sowie in das ungarische Herz und seiner blühenden Kulturlandschaft!

 

 

 

Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens

Erzählungen

Hardcover, 272 Seiten

Luchterhand, 2016

 

Mehr Informationen und eine Leseprobe auf der Webseite des Verlags

 

 

 

 

...hört gerade Martin Walser zu

Auch mit 90 Jahren ist Martin Walser noch nicht müde. Das hat er gestern eindrucksvoll in seiner Lesung im COMEDIA Theater, veranstaltet vom Literaturhaus Köln (Foto vom Literaturhaus Köln), unter Beweis gestellt. Voller Hingabe war seine Performance, voller Witz sein Gespräch mit Denis Scheck. Hut ab!

 

"Ich war nicht Herr meiner Gedanken. Ich konnte nicht denken, was ich wollte. Ich kriegte mit, was ich dachte. Oft genug sah ich mich gezwungen, mich gegen meine Gedanken zu wehren. Meine Gedanken waren, wenn ich es politisch ausdrücke, Opposition."

 

"Wir haben viel mitgemacht mit einander, meine Gedanken und ich. Wenn ich zum Beispiel geglaubt habe, ich müsse mich umbringen, waren meine Gedanken dagegen. Meine Gedanken haben mir beigebacht, dass man unter allen Umständen leben kann oder muss."

 

- aus: Statt etwas oder Der letzte Rank -

 

 

 

Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank

Roman

Hardcover, 176 Seiten

Rowohlt Verlag, Hamburg 2017