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...liest gerade "Die Klavierspielerin" von Elfriede Jelinek

Sie ist Klavierlehrerin, er ist ihr Schüler.
Nach und nach kommen sie sich näher, doch etwas steht zwischen ihnen, etwas, was nicht überwunden werden kann: Es ist ihre Mutter und all das, was sie in ihrer Tochter angerichtet hat.

 

Bereits als Kind wurde Erika Kohut von ihrer Mutter dazu ausersehen, eine Berühmtheit zu werden. Und so drillte sie das Kind dazu, Pianistin zu werden. Doch der große Erfolg blieb aus und so gibt sie zwar hin und wieder öffentliche Konzerte, verdient ihr Geld jedoch als Klavierlehrerin.

 

Viel schlimmer als die Erfolgslosigeit wiegt jedoch etwas anderes. Denn aus der emotionalen Kontrolle ihrer Mutter konnte sich Erika niemals lösen, auch nicht mit 36 Jahren. Immer noch lebt sie mit ihrer Mutter auf engstem Raum zusammen und hat dadurch eine fatale und abnormale Beziehung zu ihr entwickelt. Es ist eine Hassliebe, die Erika an die Mutter bindet. Sie ist eingeschnürt in Zwänge, aus denen sie nicht hinausfindet und die unterdrückte Gefühle evozieren, die sich gegen sie selbst richten. Als ihr eines Tages ein junger Schüler Avancen macht, überfordert sie das. Nur schüchtern lässt sie sich auf seine Annäherungsversuche ein. Doch dann bricht in ihr durch, was sich seit Jahren in ihr angestaut hat.

 

Mein erstes Buch von der Autorin und ich bin schockiert.
Schockiert, dass ich noch nie in den Genuss der sprachmächtigen Prosa Jelineks gekommen bin. Wunderbare Bilder geben sich die Hand und fließen ineinander über, ausgefeilte Assoziationen und Metaphern wechseln sich ab. Und auch wenn genau das die Lektüre anstrengend macht, so ist es doch ein Lesevergügen!

 

Wortgewaltig leuchtet der Roman die Geschichte einer misslichen Verbindung zwischen Bestrafung und Lust, zwischen Demütigung und Aufbegehren aus. Seit Kindesbeinen dressiert und kontrolliert entwickelt die Tochter ein abnormales Verhältnis zur Lust, das im Verlangen nach Bestrafung und Züchtigung mündet, in Sadomasochismus und Zerstörung. Dazu reflektiert der Roman kritisch Gesellschaft und Bürgertum, Rollenbilder und ihre Zuweisungen, jedoch nicht plakativ, sondern stets sarkastisch und amüsant, wenn auch zutiefst bedenklich.

 

 

 

Elfriede Jelinek: Die Klavierspielerin

Roman

Taschenbuch, 336 Seiten

rororo, Hamburg 1986 (1. Auflage)