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...liest gerade "Max, Mischa und die Tet-Offensive" von Johan Harstad

"Ich werde von jedem von euch erzählen. Denn ich schreibe das alles für euch, für uns, für mich. Ich schreibe es, bevor es mir abhandenkommt, wie es auch vielleicht längst abhandengekommen ist."

 

So beginnt der Erzähler seine ausschweifende Lebensgeschichte, die er um jeden Preis festhalten möchte, bevor sich der Schleier der Vergessenheit wie ein Leichentuch über sie legt und sein ganzes Leben damit in die Bedeutungslosigkeit reißt.

 

Max ist Norweger und wird Ende der 70er Jahre in Stavanger geboren. Seine Eltern sympathisieren mit dem Kommunismus, wodurch er schon in seiner Kindheit als Außenseiter gilt. "Apocalypse Now" von Francis Ford Coppola stellt schließlich sein Erweckungserlebnis dar und fortan gibt es nicht Schöneres für den Jungen, als den Kampf gegen die Imperialisten nachzuspielen. Doch dann zerbricht seine Welt und mit ihm geht sein Glaube unter. Als der Vater ein lukratives Angebot als Pilot aus den USA erhält, ziehen sie in das Land der dereinst verhassten Unterdrücker. Der Teenager versteht das Leben nicht mehr, verliert sich und verschließt sich der Außenwelt. Erst zwei Begegnungen reißen ihn aus der Einsamkeit. Er trifft auf Mordecai, der ganze Dialoge von "Apocalypse Now" rezitieren kann, und als er wenig später auch noch Mischa kennen und lieben lernt, eine sieben Jahre ältere Künstlerin am Anfang ihrer Karriere, verästeln sich die drei Leben immer mehr ineinander. Sie spenden sich Halt in einer zunehmend unüberschaubareren Welt und über zwanzig Jahre erleben sie Höhen und Tiefen, trennen und finden sich wieder, und kreisen dabei stets um eines - um das Verhältnis von Heimat und Kunst.

 

Der Roman ist nichts weniger als ein Abriss unserer Zeitgeschichte der letzten 50 Jahre. Kollektive (meist amerikanische) Erinnerungen - von Vietnam über das Ende des Kalten Krieges, hin zu 9/11 und der Finanzkrise bis zum Tropensturm Sandy - sind verflochten mit den Leben der drei Protagonisten, ihren Erfolgen und Tragödien. Dabei wirft der Roman eine Vielzahl an Themen auf, wirbelt sie durcheinander, reflektiert und spiegelt sie und stellt dadurch das Lebensgefühl einer ganzen Generation heraus. Kapitalismus und Sozialismus, Auswanderung und Heimatlosigkeit, Freundschaft und Liebe, Sinnsuche und Identität sind nur einige Beispiele aus der endlos scheinenden Themenvielfalt dieses weitschweifigen Panoramas. Im Mittelpunkt stehen jedoch Kunst und Kultur, denn nicht nur Mischa feiert Erfolge als Künstlerin, sondern auch Mordecai, der ein gefeierter Schauspieler wird, und Max, der Ich-Erzähler, Regisseur und Dramatiker.

 

Johan Harstad hat der Generation Pop mit seinem Roman ein Denkmal gesetzt, ein zugegebenermaßen - mit über 1200 Seiten - sehr langes und mehr als ausuferndes Denkmal, das an manchen Stellen durch zu viel Detailverliebtheit und Langatmigkeit Risse aufweist. Dennoch ist es ein intelligenter, scharfsinniger, unterhaltsamer Roman, der trotz des desillusionierenden und melancholischen Erzähltons witzig und berauschend ist.

 

 

 

Johan Harstad: Max, Mischa und die Tet-Offensive

Roman, übersetzt von Ursel Allenstein

gebunden, 1248 Seiten

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2019