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...liest gerade "Orlando" von Virgina Woolf

Es ist das 16. Jahrhundert unter Elisabeth I.

Ein junger Adliger flieht nach einer unerfüllten Liebe vom Hof und begibt sich auf eine Reise, die ihn nicht nur durch Raum und Zeit trägt, sondern auch die Geschlechtergrenze einreißen lässt. Schließlich wacht er nicht nur im 20. Jahrhundert auf, sondern ist auch - eine Frau.

 

Orlando, Liebhaber Elisabeth I., verbringt seine Zeit mit zahlreichen Affären und an seinem Schreibtisch, an dem er ein bedeutendes Gedicht verfassen will. Gerne wandelt er alleine umher und treibt sich beim niedrigen Volk herum. Dreimal ist er verlobt und löst die Versprechung ein ums andere Mal wieder auf, bis er Sascha kennenlernt. Die Russin erobert sein Herz im Sturm, denn sie spricht nicht viel. Ein Geheimnis scheint sie zu umgeben. Als sie gemeinsam aus der Enge des Adels fliehen wollen, erscheint sie jedoch nicht zum vereinbarten Treffpunkt. Wütend und traurig blickt Orlando nur noch dem russischen Schiff hinterher, auf dem er seine Liebste vermutet, und ist geschlagen.

 

Desillusioniert begibt er sich auf Reisen, fährt aufs Land und bis nach Konstantinopel, feiert mit auserlesenen Gesellschaften und zieht mit fahrendem Volk umher. Er durchstreift die Jahrhunderte, schlüpft in verschiedene Rollen und wechselt schließlich das Geschlecht so selbstverständlich, als zöge er sich neue Kleider an.

 

Auf der Reise durch Raum und Zeit erscheint Orlando stets unruhig und auf der Suche, bis er/sie letztlich einsieht, dass jede Generation sich und ihre Umwelt stets aufs Neue definieren muss, dass Mode und Ideen, Kultur und Erfolg, Rollenbilder und Klischees einem ständigen Wechsel unterliegen. Er/Sie durchschaut, dass zu allen Zeiten und an allen Orten stets auf Neue eruiert wird, was Liebe und Freundschaft bedeuten, was Anstand und Freiheit sind, was einen wahrhaften Mann ausmacht und wie eine Frau zu sein haben soll. Und so dreht sich alles um die Frage nach der Identität. Denn was macht einen Menschen wirklich aus? Und wieviel trägt die Zeit und das Umfeld zu dem bei, was und wie man ist?

 

Als Biografie getarnt, in der der Biograf selbst zu Worte kommt und bei fehlenden Dokumenten hinsichtlich des Lebenslaufes zu spekulieren beginnt, spielt der Text mit dem Genre, ironisiert und durchbricht es. Woolfs sprachmächtige Prosa lässt großartige Bilder und Vergleiche entstehen. Selbst Fotos und Gemälde liegen dem Text mit einem Augenzwinkern bei, einem Text, der die Rolle der Frau in der Gesellschaft, in Kultur und Politik ständig hinterfragt und dabei ironisch und witzig die aktuelle Debatte bezüglich Emanzipation und Transgender vorwegnimmt.

 

"Orlando" war mein erster Roman von Virgina Woolf, ein durchaus unterhaltsamer, aber manches Mal auch anstregender Text, der zum Ende hin zunehmend abstruser wird und letztlich die Frage aufwirft: Wer ist nun eigentlich dieser Orlando?

 

Erschienen ist der Roman bereits 1928, auf Deutsch lag er ein Jahr später vor.

 

 

 

Virgina Woolf: Orlando

Roman, aus dem Englischen von Melanie Walz

Taschenbuch, 302 Seiten

Insel Verlag, Berlin 2012