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...liest gerade „Melancholie“ von Jon Fosse

Lars Hertervig ist nicht irgendwer.

Lars Hertervig kann malen, und zwar nicht wie die anderen.

Lars Hertervig kann wirklich malen.

Doch das bringt ihn um den Verstand.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts. Der junge Norweger Lars Hertervig studiert an der renommierten Kunsthochschule in Düsseldorf. Sein Talent ist unübersehbar. Doch mit dem Talent gehen Phasen tiefster Selbstzweifel einher, gefolgt von Phasen maßloser Selbstüberschätzung. Es steht außer Frage: Lars Hertervig ist manisch-depressiv.

 

Zur Miete wohnt er bei einer deutschen Familie und zu allem Unglück verliebt er sich in die Tochter des Hauses. Helene ist noch sehr jung, zu jung für ihn, und er ist mittellos, kann ihr nichts bieten. Als die Gastgeber erfahren, dass Lars für Helene schwärmt, verweisen sie ihn der Wohnung. Fortan irrt er ziellos durch die Straßen, immer weiter gepeitscht von seinen Gedanken, die ständig um Helene und seine Malerei kreisen. Immer tiefer verirrt er sich in seinen kreisenden Gedankengängen, bis schwarze und weiße Tücher auf ihn zu fliegen und er den Verstand verliert. Er endet in einer Irrenanstalt und erst Jahrzehnte später erfolgt der Ruhm, der ihm zu Lebzeiten verwehrt geblieben ist.

 

Man könnte die Geschichte als einen klassischen Künstlerroman lesen, allerdings hebt Jon Fosses Stil ihn aus der Masse hervor. So plastisch und lebensnah habe ich noch niemals Gedankengängen eines Manisch-depressiven beigewohnt. Es ist eindrücklich, wie der nie versiegende innere Monolog, die ständig kreisenden Gedanken den Studenten in den Wahnsinn führen. Man erlebt, wie er immer wahnhafter, neurotischer und psychotischer wird, wie er allmählich Stimmen vernimmt und Halluzinationen erspinnt. Zugleich wird man aber auch direkter Zeuge seiner Feinfühligkeit, die ihn zwischen Selbsterniedrigung und Selbsterhöhung hin und her schmeißt.

 

Später erinnert sich ein Schuster an den mittlerweile verstorbenen aber weltbekannten Maler. Und auch hier lässt uns Fosse an den Gedankengängen dieses dementen alten Mannes teilhaben, die immer wieder stolpern und neu ansetzen. Ein großartiger Stil!

 

Ein unvergleichlicher Roman!

 

 

 

Jon Fosse: Melancholie

Roman, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel

Taschenbuch, 448 Seiten

Rowohlt Verlag, 2024