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...liest gerade „Der große Gopnik“ von Viktor Jerofejew

Gestern jährte sich zum zweiten Mal der Jahrestag des Großangriffs auf die Ukraine. Und es gibt nur einen, der für dieses unaushaltbare Leid verantwortlich ist, einen, der das verwandte Brudervolk bombardieren lässt, einen, der Mensch und Kultur auslöschen will, einen, der eine ganze Generation seines eigenen Volkes in den Tod treibt, einen allein, wegen dem Zehntausende sterben müssen – es ist der große Gopnik.

 

Dieser Kleinkriminelle stand aus dem zerfallenen Großreich der UdSSR auf und machte sich mit seinen Freunden Land und Leute Untertan. Dabei scheuten sie vor nichts zurück, beseitigten alle, die gegen sie waren, und entfesselten Krieg auf Krieg, während der Westen wegen seiner eigennützigen Motive nur tatenlos zusah.

 

„Das sind sie – die Jungs aus dem Hinterhof, die jetzt in Palästen auf den Sperlingsbergen mit Panoramablick auf Moskau residieren.“

 

Selbst vor dem Großen Gopnik geflüchtet, spürt Viktor Jerofejew in seinem autofiktionalen Text nicht nur seinem Leben, sondern vor allem dem Wesen Russlands nach, seiner Kultur als auch seinem Größenwahn. Mit böser Zunge und scharfer Feder seziert er die Gesellschaft, in der es ein Gopnik bis an die Spitze des Staates geschafft hat, stellt die Macht und Gewalt bloß, die Russland beherrscht und entwirft ein desaströses Bild seines Vaterlandes, dessen Chaos der Übergangsjahre sich einer zunutze machte: ein aufstrebender Hinterhofjunge, der seinem Idol nacheifert und das Stalinovirus durch seine Propagandamaschine unters Volk bringt.

 

Und immer wieder steht der 24.2. im Mittelpunkt, die Fassungslosigkeit darüber, dass man die eigenen Verwandten angreift und tötet. Es ist die Seele Russlands, die Jerofejew hier erkundet, dieser Komplex der Überlegenheit, an die man glaubt und die auf eigenartige Weise nur den jahrhundertealten Minderwertigkeitskomplex überspielt, an dem die russische Seele leidet.

 

„Der große Gopnik“ ist ein schwieriger Text. Er ist verstörend und undurchsichtig, aber auch verrückt und humorvoll, oft in einer teils sehr derben Sprache. Dabei ist er aber vor allem eines: eine Abrechnung mit dem Großen Gopnik und dem russischen Nationalismus.

 

 

 

Viktor Jerofejew: Der große Gopnik

Roman

Hardcover, 614 Seiten

Matthes & Seitz, 2023