Der Fremde - "Wir leben hier, seit wir geboren sind" von Andreas Moster

Wie umgehen mit dem, was uns fremd ist? In Angst erstarren oder einfach ignorieren? Verurteilen oder annehmen? Opponieren oder arrangieren? Bringt das Fremde etwas Neues oder zerstört es nur das Alte?  In seinem Debütroman stellt Andreas Moster ein abgelegens Dorf in den Mittelpunkt, ein Dorf, das äußerlich gesund und heil erscheint. Als ein Fremder auftaucht, zeigt sich jedoch das, was unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit liegt. Die fragilen Strukturen zerbrechen und das Archaische tritt zutage.

Es ist ein abgelegenes Bergdorf, in das der fremde Mann plötzlich tritt. Die pubertierenden Mädchen des Dorfes beschauen ihn argwöhnisch. Er durchbricht ihre Langweile und kitzelt nicht nur ihre Neugier. Sie folgen ihm fortan auf Schritt und Tritt.

 

Georg Musiel ist gekommen, um den Steinbruch zu begutachten. Da er nicht mehr rentabel ist, soll er geschlossen werden. Für die Einwohner des Dorfes stellt er jedoch die Lebensgrundlage dar, auch wenn sie selbst wissen, dass sie immer weiter zerfällt.

 

Eine Sprengung, die Musiel demonstrieren soll, dass der Steinbruch noch intakt ist, gerät außer Kontrolle. Ein Unfall ereignet sich, der mehr als Steine ins Rollen bringt. Der Fremde wird plötzlich beschuldigt und gerät zur persona non grata. In den Augen der Gemeinschaft (zer)stört er das Alte. Die Mädchen verstecken ihn in einer Höhle eines nahegelegenen Waldes. Anstatt zu fliehen, ergibt sich Georg wortlos in sein Schicksal.

 

Am Tage des alljährlichen Dorffestes, bei dem die jungen Mädchen vorgeführt und zu Frauen ernannt werden sollen, geschieht plötzlich ein Mord. Schnell ist man sich über die Identität des Mörders einig. Die Männer beschuldigen den Fremden, der in einem Ritus seine Schuld gestehen soll, obwohl jeder den wahren Mörder kennt. So ziehen sie in einer Prozession zum Steinbruch, um eine Entscheidung herbeizuführen.

 

 

DAS ARCHAISCHE DORF

 

Das abgelegene Dorf am Steinbruch ist nur scheinbar Idylle. Im Innern herrschen patriarchalische Gewalt und Unterdrückung. Es ist eine Ordnung, die an vergangene Jahrhunderte erinnert. Die Männer arbeiten hart und vertrinken abends ihren Lohn. Die Frauen fügen sich den Männern. Traditionen und Riten bestimmen das Dorfleben, das von der Außenwelt abgeschnitten scheint. Der Alltag besteht aus Gleichförmigkeit und Wiederholung.

 

Die Männer betrachten den Fremden daher als jemanden, der ihre Traditionen zerstört, auch wenn diese seit langem nur mit Repressionen aufrecht erhalten werden können.  Für den selbst verschuldeten Unfall machen sie ihn verantwortlich und laden damit Schuld und Missmut über ihr eigenes Leben auf ihn ab. Für die Mädchen ist der Fremde jedoch Hoffnungsträger. Sie sehnen sich nach draußen, sehnen sich nach Freiheit und projizieren in seine Person ihre Erlösungsfantasien. Sie fühlen sich zu dem Fremden hingezogen, helfen ihm, in der Hoffnung, durch seine Hilfe dieses Dorf verlassen zu können.

 

Am Ende kommt es zum Zusammenstoß zwischen dem Neuen und dem Archaischen, zwischen den Jungen und den Alten. Die Mädchen als auch die restlichen Bewohner des Dorfes müssen sich entscheiden. Wagen sie das Neue oder bleiben sie beim Alten?

 

 

KAFKAESKE POESIE

 

Der Fremde und das Dorf scheinen aus einer Erzählung Kafkas gefallen zu sein. Befremdlich wirkt der Roman, der Züge einer Novelle trägt. Als Leser werden einem weder Zeit noch Ort genannt. Sonderbarste Begebenheiten werden als gewöhnlich hingenommen. Der Initiationsritus für die jungen Frauen als auch die spätere Prozession, die als Trauergemeinde in einer Höhle ihr Ende findet, muten nicht nur archaisch an, sondern sind auch religiös aufgeladen. Der Angestellte Georg Musiel, der im Namen des Generaldirektors P. als Sachbearbeiter in das Dorf kommt und als Prokurist Bericht abliefern soll, verhält sich ebenfalls merkwürdig. Denn warum flieht er nicht, warum reist er nicht ab, sondern verharrt in der Höhle und erwartet stoisch sein Schicksal?

 

Dabei wechselt stets die Erzählperspektive, springt von Kapitel zu Kapitel, manches Mal gar innerhalb eines Satzes. Der Besonderheit des Romans liegt aber eindeutig in der verdichteten Sprache. Die Sätze sind klar und einfach formuliert und strotzen doch durch ihre körperlichen und naturhaften Vergleiche geradezu vor Sinnlichkeit. Jedes Bild passt, jeder Vergleich ist stimmig. Dazu rhythmisieren viele Wiederholungen den Text und lassen an ein Gebet denken, das zu der archaischen Lebensweise passt.

 

 

FAZIT

 

Andreas Moster hat einen großartigen Roman geschrieben. Auf 175 Seiten beschreibt er eine Welt, die nicht nur an Kafka erinnert, sondern deren Sprache reinste Poesie ist. Hier stimmt einfach alles! Ein verblüffendes Debüt und ein absolutes Highlight weit ab des Mainstreams!

 

 

 

Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind

Roman

Gebunden, 176 Seiten

Köln: Eichborn Verlag (Bastei Lübbe AG) 2017

 

Mehr Informationen und eine Leseprobe auf der Webseite des Verlags