Literarische Preisverleihung 2017

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Schon wieder ist ein Jahr vergangen und unwiderbringlich verronnen. Unaufhörlich rücken wir der Apokalypse entgegen, dem Ende dieser Welt und allen Unfugs. Ein Grund zum Verzweifeln, Melancholie und Nostalgie machen sich breit, aber zum Glück gibt es ja Bücher, die die Vergänglichkeit allen Seins mit (Un)Sinn zu füllen mögen.

Über 10.000 Seiten Belletristik liegen hinter mir. Am Ende des Jahres ist es Tradition zurückzublicken und die besten zu ehren.

Welche Romane sind es also wert, auch noch in Jahren gelesen zu werden? Welche mögen die Zeit überdauern? Welche konnten wenigstens zeitweise Sinn in den Unsinn des Lebens tragen?

Ich habe meine Lektüreerlebnisse von 2017 nach ausgefeilten Kriterien gegeneinander antreten lassen, habe sie nach aufwendiger Art analysiert und verglichen, habe innerlich debattiert und demotorisch abgestimmt. Herausgekommen ist eine absolut objektive Liste von fünf Romanen, die einzig und allein nur einem Kriterium gerecht wird: meiner ganz eigenen Subjektivität.

"DAS KALTE BLUT" von Chris Kraus

Es ist die Geschichte zweier Brüder und einer Schwester, die sich tief in die Schuld des letzten Jahrhunderts verirren. Das Besondere am Roman ist die tiefe Diskrepanz, die er aufwirft. Zwischen dem WIE und dem WAS der Erzählung klafft so ein tiefer Abgrund, dass man sich unweigerlich darin verliert. Der sympathische Ton des Ich-Erzählers ist unvereinbar mit dem, was er erzählt, und bringt dadurch die ganze 'Banalität des Bösen' zum Vorschein. Dabei mutet der Roman an wie ein Film, kommt mit rasant geschnittenen Szenen daher, ist so verdichtet und detailliert zusammengesetzt, wird so packend und aufregend erzählt, dass man nicht zum Atemholen kommt. Auch stilistisch brilliert er, denn Chris Kraus' Sprachgewalt zieht den Leser tief in den Text hinein und lässt ihn nicht mehr entkommen.

Eine ausführliche Besprechung des Romans gibt es hier.

"EINE KURZE GESCHICHTE VON SIEBEN MORDEN" von Marlon James

Jamaica, Reggae, Bob Marley - was will man mehr? Vielleicht noch ein literarisches Meisterwerk? Kein Problem, denn genau das ist dieser Roman!

Alles dreht sich in diesem Meisterwerk um das Attentat auf Bob Marley 1976 und das One Love Peace Konzert 1978. Noch nie zuvor wurden die Zustände Jamaicas, die Verstrickungen der internationalen Politik in die Krise des Landes, die Gewalt und das Chaos so atemberaubend beschrieben, wie Marlon James es tut. Und überall blitzt die grandiose Musikalität des Romans hervor. Die vielen Anspielungen auf Lieder des Reggae und anderer Musikrichtungen sowie die Geschichte um Bob Marley begeistern nicht nur Reggaefans, sondern jeden Literaturliebhaber!

Eine ausführliche Besprechung des Romans gibt es hier.

"DER LÄRM DER ZEIT" von James Barnes

Ein ausgefeilter, tiefsinniger und einfühlsamer Künstlerroman, der der Frage nachgeht, wie es möglich ist, als Künstler in einer Diktatur zu leben und zu arbeiten. Darf man sich der Macht beugen, um Kunst zu schaffen? Oder muss man aufstehen und revoltieren?

Barnes hat einen eindrucksvollen Roman über Dmitri Schostakowitsch geschrieben, den weltberühmten Komponisten in der damaligen Sowjetunion. Die tägliche Angst, das riskante Spiel mit der Macht, das ewige Hinterfragen der eigenen Kunst in dem engen Raum der Diktatur, Gewissensbisse, Reue, Verzweiflung, aber auch Mut und Trotz werden ergreifend und tiefsinnig erzählt.

Was also bleibt übrig von der Kunst?

"Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist."

"EIN GANZES LEBEN" von Robert Seethaler

Auf knapp 200 Seiten entwirft Seethaler in seinem neuen Roman ein Panorama des einfachen Lebens mitten in unruhigen Zeiten, der durch seine Einfachheit, Unaufgeregtheit und Gelassenheit besticht und dadurch wie ein Ruhepol in unserem aufgeregten Leben daherkommt. Dabei werden besonders Fragen nach der Essenz des Lebens aufgeworfen, nach dem, was wirklich wichtig ist und Bedeutung trägt. Durch alle Zeilen des Textes blinzelt einem die Kritik an der Modernisierung und Technologisierung unserer Welt entgegen, durch die wir immer mehr das verlieren, was das Leben ausmacht - Natürlichkeit.

"Wie alle Menschen hatte auch er während seines Lebens Vorstellungen und Träume in sich getragen. Manches davon hatte er sich selbst erfüllt, manches war ihm geschenkt worden. Vieles war unerreichbar geblieben oder war ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden. Aber er war immer noch da. Und wenn er in den Tagen der ersten Schneeschmelze morgens über die taunasse Wiese vor seiner Hütte ging und sich auf einer der verstreuten Flachfelsen legte, in seinem Rücken den kühlen Stein und im Gesicht die ersten warmen Sonnenstrahlen, dann hatte er das Gefühl, dass vieles doch gar nicht so schlecht gelaufen war."

"4 3 2 1" von Paul Auster

Paul Auster at his best!

Was wäre gewesen, wenn...?

Diese Frage stellen wir uns alle irgendwann einmal, wenn wir auf bestimmte Entscheidungen in unserem Leben zurückblicken. Paul Auster spielt mit ebenjenen Möglichkeiten des Lebens genauso wie mit jenen der Literatur. In vier unterschiedlichen Biografien ein und desselben Protagonisten entwirft Paul Auster ein breites Panorama der 50er und 60er Jahre, in dem alles um die obengenannte Frage kreist.
Was bestimmt den Lebenslauf eines Menschen? Ist es Zufall? Schicksal? Sind es äußere Umstände? Gene?
Was wäre eigentlich gewesen, wenn...?

"4 3 2 1" ist über 1200 Seiten lang und jede einzelne zeigt die Meisterklasse dieses Autors!

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