...liest gerade "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell

Was soll man zu diesem Roman noch sagen? Welche Worte soll man über dieses Buch noch verlieren?

 

 Jahrelang lag es auf meinem Tisch, hat mich angestarrt und mit seinen über 1300 Seiten abgeschreckt. Nun habe ich es auch endlich gelesen - und ich bin sprachlos.

 

Tief bin ich in den Sog der menschlichen Abgründe geraten, habe mich darin verloren, habe versucht dagegen anzukämpfen, mich dagegen aufzulehnen und bin doch sehr schnell dem Plauderton des SS-Offiziers verfallen, einem älteren Mann, der nun seine Memoiren schreibt, während er unbehelligt seinen Lebensabend in Frankreich genießt.

 

Natürlich schreibt er über die grausamste Epoche des letzten Jahrhunderts, schreibt über den Zweiten Weltkrieg, über die zahlosen und bestialischen Kriegsverbechen, die begangen wurden, schreibt über den Russlandfeldzug und den Holocaust, denen Millionen Menschen zum Opfer fielen, schreibt über die Feinheiten der alles verschlingenden Maschine namens Vernichtungsfeldzug. Doch er schreibt nicht als ein Opfer, der nur knapp dem Tod entronnen ist, schreibt nicht als jemand, der die Shoa überlebt hat, schreibt nicht als einer, der heldenhaft gegen die Nazis kämpfte, gegen sie operierte, nein - er schreibt als einer der Täter, als Handlanger und Unterstützer, als jemand, der Karriere machte, indem er das millionenfache Morden plante und half, es umzusetzen. Ein Täter, der wenig Reue zeigt und versucht, sich und die Deutschen reinzuwaschen.

 

So stellt er bereits zu Beginn die Schuldfrage. Denn wer ist Schuld, wenn sich die Täter genauso wenig wie die Opfer ihre Rolle aussuchen durften? Wenn alle nur als ein Rädchen im großen Uhrwerk der Politik fungierten? Wer trägt Schuld in einem System, in dem alles ineinandergreift? Alle oder niemand? Und so werden die Deutschen nicht als Bestien dargestellt, sondern als Menschen, als fühlende und rationale Wesen, von denen viele nicht töten wollten, von denen viele Psychosen und Depressionen, Nervenzusammenbrüche und Selbstmordgefühle plagten angesichts des Grauens, das sie erschufen. Doch sie gehorchten und so, schreibt der ehemalige Offizier an den Leser gerichtet, würde jeder in solch einer Gesellschaft zum Täter werden.

 

Es ist eine Geschichte, die so schwer zu verdauen ist wie wohl keine andere. Die Banalität des Bösen kommt hier so offen zum Vorschein wie nirgends sonst, denn jeder Mörder, jeder Täter war auch nur ein Mensch, ein Mensch mit Gefühlen, Träumen, Wünschen, Ängsten. Es waren keine Monster, die den Krieg begangen und millionfach töteten. Und so geschieht das Ungeheuerliche im Roman, denn Täter und Opfer werden gleichgestellt. Die einen können so wenig für ihre Rolle wie die anderen. Auf höchst menschliche Weise zeichnet er den Feldzug samt Holocaust nach, bei denen er involviert war und durch dessen Planung er Karriere machte. Er schreibt über Massenexekutionen in der Ukraine und im Kaukasus, über Babi Jar und Partisanenmorde, schreibt über die Schrecken in Stalingrad und über Auschwitz. Und er schreibt, wie alles auf die Deutschen zurückkkommt, wie jegliche Ordnung zerbricht, wie jeder jeden tötet und selbst Kinder zu Mördern werden, wie ganz Europa ausgelöscht wird durch die wahnhaften Ideen des NS, wie selbst im April '45 immer noch an den Endsieg geglaubt wird und Fahnenflüchtige exekutiert werden, wie absolutes, heute unvorstellbares Chaos herrscht, wo sich jeder der nächste ist und selbst Freundschaften im Angesicht des Todes nichts mehr zählen.

 

Mit unheimlichem Fachwissen über die Ideologien, über den genauen Ablauf des Zweiten Weltkriegs, über all die unterschiedlichen Organisationen und ihre Zuständigkeiten hat Littell hier einen Täterroman geschrieben, der in seiner Detailtreue und Anschaulichkeit verblüfft. Denn klar ist auch, so der alte Offizier, hätten sie den Zweiten Weltkrieg gewonnen, wären die Deutschen nicht als Verbrecher angesehen worden, sondern stünden lediglich in einer Riege mit anderen Kolonialisten wie der USA, die ihre indigene Bevölkerung auslöschte, oder Belgien, das im Kongo wütete und millionenfachen Tod brachte, ganz zu schweigen von Großbritannien und Frankreich.

 

Trotz oder gerade wegen der Schilderungen so vieler Gräuel ist es eine zutiefst menschliche Erzählung, denn alles, was im Zweiten Weltkrieg geschehen ist und später dämonisiert wurde, haben Menschen begangen, haben Menschen anderen Menschen angetan. Das vermeintlich Böse schlummert also im Menschen, es gehört zu ihm, es ist menschlich.

 

"Nach dem Krieg wurde viel geredet, sie versuchten zu erklären, was da an Unmenschlichem geschehen war. Aber das Unmenschliche - ich bitte um Entschuldigung - das gibt es nicht. Es gibt nur das Menschliche, immer nur das Menschliche."

 

Ein Opus magnum, dessen Titel auf den antiken Mythos der Euminiden anspielt, also auf die Erinnyen, die antiken Rachegöttinnen, die zu den Wohlgesinnten wurden, nachdem sie ihre Macht verloren hatten. Ein Roman, der keineswegs leicht zu verdauen ist, der schwer im Magen liegt wie wohl nur wenige andere Romane, der aufwühlt und wütend macht, der Unfassbares erzählt, gegen das sich alles im Innern sträubt, und der doch vielleicht so nah an der Wahrheit ist wie keine andere Geschichte oder Geschichtsschreibung. Eine Erzählung, die wichtig ist, die tief, sehr tief in menschliche Abgründe führt, die ich sonst noch nie so gelesen habe.

 

Ein wirklich bedeutsamer Roman, ein Jahrhundertroman!

 

Der Roman erschien bereits 2006 und als Übersetzung von Hainer Kober 2008 im Berlin Verlag.

 

 

 

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten

Roman, aus dem Französischen von Hainer Kober

Taschenbuch, 1392 Seiten

Berlin Verlag, Berlin 2008