- Tagebuch -


...liest gerade "Miroloi" von Karen Köhler

Eine abgelegene Insel im Meer, fern ab vom Rest der Welt.


Ein archaisches Dorf, das an festen Traditionen und Ritualen festhält.


Eine patriarchalische Gemeinschaft, in der viel gearbeitet, getrunken und geschlagen wird.


Und ein junges Mädchen, das nicht dazugehört.

 

 

Als Kind fand der Vorsteher des Gebetshauses das namenlose Mädchen auf der Treppe und nahm sie auf. Nun ist sie sechzehn und singt einen Totengesang auf ihr Dorf, ein abgelegenes Dorf, in dem Männer bestimmen und Frauen zu gehorchen haben, ein Dorf, in dem häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe nicht selten sind. Die Regeln des Zusammenlebens schreibt der Ältestenrat vor, bestehend aus 13 Männern, und so dürfen Frauen nicht lesen und schreiben lernen. Wer gegen die zahreichen Regeln verstößt, wird an den Schandpfahl gebunden, an dem ihm/ihr der Angstmann manche Knochen bricht. Oder er/sie wird gleich gesteinigt. Es ist das Leben einer Sekte, die dem Fundamentalismus von Islamisten, ultraorthodoxen Juden und strenggläubigen Evangelikalen in nichts nachsteht - und so heißt auch das heilige Buch Khorabel.

 

Und doch wird das Mädchen, das im Dorf als Außenseiterin behandelt wird, bald von ihrem Finder unterrichtet. Durch das Erlernen von Buchstaben öffnet sich dem Mädchen plötzlich eine völlig neue Welt. Mit dem Verstehen der Schrift bestürmen sie neue Gedanken, Zweifel brennen sich in ihr ein, sie hinterfragt die Gegebenheiten und sehnt sich auf die andere Seite des Meeres.

 

Des Menschen größter Antrieb, die Neugier, veranlasst sie dazu, Fragen zu stellen, unbequeme Fragen, doch sie findet keine Antworten. Als Unglücksbotin verschrien, gedemütigt, ausgegrenzt und geschlagen, entzündet sich in ihr eine Wut. Wut auf die Verhältnisse, Wut auf das Patriarchat, Wut auf die eng gesetzten Grenzen des Dorfes. Als sie sich schließlich verliebt und auch noch ihr Beschützer stirbt, wird ihre Wut zu einem Feuer aufgepeitscht, das das ganze Dorf verbrennen wird.

 

Nun habe ich es also auch endlich gelesen und was wurde nicht alles über diesen Roman geschrieben?

 

In den Feuilletons zerrissen - komischwerweise von meist männlichen Kritikern -, musste der Roman als Brennholz für eine Diskussion herhalten, in der es um nichts weniger ging, als um die Literatur an sich, um ihren Begriff und ihre Kritik. Und so ging ich voreingenommen an die Lektüre - und siehe da, es ist nur ein Text, gar nicht der Zerstörer der Literatur, und zudem hat er mich außerordentlich überrascht.

 

Der Roman hat Ecken und Kanten, dem stimme ich zu, aber wecken nicht gerade Unvollkommenheiten das Interesse? Ist es nicht die Reibung an dem Wie und Was der Erzählung, die einen Roman im Gedächtnis verankert?

Was hat die Literaturkritik nicht alles an Geschützen aufgefahren, um diesen Text zu verumglimpfen?

 

Der Roman sei zu unrealistisch und nicht zu verorten? -
Ich wusste gar nicht, dass dies notwendige Kriterien einer fiktiven Erzählung sind.

 

Er sei zu unglaubhaft? -
Da hat wohl jemand das Prinzip der Wahrscheinlichkeit nicht verstanden und gleich mit Glaubwürdigkeit verwechselt.

 

Zu patriarchalisch? -
In den Elfenbeintürmen von Feuilletonisten mag man es vielleicht anders sehen, ein Blick auf unsere Welt genügt allerdings, um zu erkennen, dass wir auch heute noch größtenteils in einem Patriarchat leben.

 

Zu viele Fragen bleiben am Ende zurück? -
Ja wunderbar, ein Text, über dem man auch nach der Lektüre noch nachdenken muss.

 

Die Sprache sei zu naiv? -
Welcher Sprachstil wird denn von einer unterdrückten, ausgeschlossenen, angefeindeten, der Bildung ferngehaltenen 16-Jährigen, die gerade lesen und schreiben lernt, genau erwartet? Schillerische Verse?

 

Und es gebe keinen Erzählanlass? -
Soetwas Verrücktes habe ich noch nie gehört. Woraus genau speist sich denn der Erzählanlass einer Geschichte und wer entscheidet darüber, ob er notwendig sei oder nicht?

 

Bei "Miroloi" handelt sich um einen Coming-of-Age Roman, eine Geschichte über Emanzipation und Selbstbestimmung, eine Erzählung über Neugier als Trieb, über den Tellerrand zu blicken und Gegebenheiten zu hinterfragen, ein Manifest über den Drang nach Freiheit.

 

Mitnichten hat der Roman den Literaturbegriff ins Wanken gebracht, viel eher zeigt die hitzige Debatte, wie Kritik in heutiger Zeit ausarten kann, selbst in den Feuilletons, die womöglich so energisch keifen und beißen, um den Platz auf dem Thron der Literaturkritik mit allen Mitteln zu verteidigen. Bald schon wird deswegen die nächste Sau durchs Dorf gejagt. Das ist gewiss.

 

Diese Sau fand ich allerdings großartig!

 

 

 

Karen Köhler: Miroloi

Roman

Hardcover, 464 Seiten

Carl Hanser Verlag, München 2019

Jahresrückblick 2019

Mein Jahresrückblick - traditionell im Januar.

 

Welche Titel haben mich im letzten Jahr begeistert und welche Titel würde ich uneingeschränkt weiterempfehlen?

 

Hier sind die 5 lesenswertesten Romane des vergangenen Jahres - natürlich aus rein objektiver Sicht :

 

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...liest gerade "Schutzzone" von Nora Bossong

In Genf werden Reden gehalten, langatmige Vorträge, denen man nicht mehr folgen kann.


In Genf finden Verhandlungen statt, zähe Gespräche, die hin und her wiegen, um zu keinem Ergebnis zu kommen.


In Genf werden Deals eingeflochten und kurz darauf wieder aufgelöst, es wird gezögert und taktiert, bei Schnittchen und Wein, in edlen Anzügen und luxuriösem Ambiente.


Denn in Genf residiert die UNO.

 

Mira hat ein Talent: Sie bringt die Menschen zum Reden. Und so arbeitet sie in der Wahrheitskommission und besucht Länder, in denen Massaker und Kriege wüteten. Sie trifft Schwerstverbrecher und interviewt die Hinterbliebenen von Genoziden, um somit aus den einzelnen Fäden der Wirklichkeit eine Geschichte zu spinnen, die sie in Berichten festhält. Diese Berichte werden weitergeleitet, werden in sterilen Büros zu Tabellen und Statistiken verarbeitet, die letztlich in Akten verschwinden, vor denen die Welt die Augen verschließt.

 

Als sie in Genf Milan wiedersieht, den Sohn einer Familie, in der sie als Kind zu Zeiten der Trennung ihrer Eltern lebte, bricht einiges in ihr auf. Hat sie nicht Zeit ihres Lebens auf ihn gewartet? Ist ihre letzte Beziehung nicht sogar an ihm zerbrochen? Die Desillusionierung ihrer Arbeit und die Infragestellung der ganzen UNO schweißt die beiden zusammen. Immer weiter nähern sie sich an, doch irgendwann muss sie einsehen: Bei Milan versagt ihr Talent.

 

"Schutzzone" ist ein Roman über die Arbeit der UNO, über Expats und ihre Annehmlichkeiten in Krisengebieten, über die Gräuel der Menschheit und die Unmöglichkeit der Bearbeitung solcher Verbrechen in weit entfernten Büros. Es ist ein Roman über den sinnlosen Auftrag der UNO, die hehre Ziele verfolgt und dennoch nichts ausrichten kann, denn die Massaker, Kriege und Genozide finden immer weiter statt und Verhandlungen verkommen aus rein taktischen Gründen zur Farce.

 

Der Roman stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, lässt mich aber etwas zwiegespalten zurück. Sprachlich bewegt er sich auf hohem Niveau. Er ist handwerklich sehr gut konstruiert und dennoch irgendwie farblos, ein gut erlernter Sprachstil, der aber wenig Eigenart besitzt. Zudem trieft die Hoffnungslosigkeit und Desillusion durch jeden Satz hindurch. Was anfangs durchaus erschreckend ist, nervt spätestens ab der Hälfte. Auch die Liebesgeschichte, die sich entwickelt, greift tief in die Klischeekiste - Ehemann und Vater eines Kindes in Midlife Crisis beginnt eine Affäre mit jüngeren Frau.

 

Und dennoch ist es kein schlechter Roman. Er ist durchaus gut zu lesen und interessant, hat mich aber einfach aus dargelegten Gründen nicht vollends überzeugen können.

 

 

 

Nora Bossong: Schutzzone

Roman

Hardcover, 332 Seiten

Suhrkamp Verlag, Berlin 2019

...liest gerade "Dort Dort" von Tommy Orange

Das Powwow steht vor der Tür. Es ist das traditionelle Festival der indigenen Bevölkerung Amerikas. Ein Fest der Freude und Ausgelassenheit. Ein Fest der Traditionen und des Gedenkens. Ein Fest des Tanzes und der Musik.
Es wird ein Fest des Todes.

 

Dene möchte das Projekt seines Onkels fortführen und in einem Dokumentarfilm die Spuren der Native Amercians in den heutigen Städten nachzeichnen. Bewaffnet mit einer Kamera begibt er sich auf die Suche nach den letzten Nachfahren der indigenen Bevölkerung.

 

Er findet unter anderem Orvil. Orvil lebt mit seinen zwei kleineren Brüdern bei der Halbschwester seiner Oma. Seine Mutter ist tot, seine Großmutter desinteressiert. Sie sind zwar Native Americans, aber ihre Traditionen sind erloschen. Als der Junge den rituellen Tanz seiner Vorfahren sieht, kennt er jedoch nur noch ein Ziel: Er will zum Powwow und tanzen.

 

Da ist aber auch Tony. Der Alkoholismus seiner Mutter spiegelt sich in seinem Gesicht wider. Er verkauft Drogen für Octavio, mit dessen Gang er plant, das Powwow zu überfallen, um an Geld zu kommen.

 

Ihre Wege, so wie die vieler anderer, werden sich auf dem Festival unausweichlich kreuzen - zum Bedauern aller.

 

Eines vorweg: "Dort Dort" ist erschütternd. Es die Geschichte der Native Americans. Die Geschichte ihrer Ausrottung, Verfolgung, Umsiedlung und Assimilierung. Ein Bild, das die Ahnen der indigenen Bevölkerung in Szene setzt, heimatlose Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, ausgeschlossen, in Armut und Kriminalität, gezeichnet von Alkohol- und Drogenmissbrauch.

 

Tommy Orange, selbst Native, wirft mit seinem Roman die Frage nach der heutigen Verantwortung auf. Wie einen Zopf flicht er eine Geschichte, in der sich die Erzählfäden nach und nach ineinander verstricken. Durch die Vielzahl an Perspektiven, die sich überschneiden und bedingen, wird der Zopf eng und enger, bis er straff auf einen Punkt zuläuft: das Powwow.

 

Aufwühlend. Mitreißend. Bewegend. Und ein Ende, das schockiert. Ich habe den Roman ruhelos gelesen. Das Schicksal der Native Americans wurde wohl noch nie so plastisch dargestellt. Im Stil erinnert es an einen Roman, den ich als einen der besten preise, den ich je gelesen habe: "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" von Marlon James.

 

Und wenn mich "Dort Dort" auch nicht ganz so überwältigt hat wie sein Vorbild, so ist es doch ein grandioses Werk, das den Natives eine Stimme verleiht, eine Stimme, die sich tief einbrennt und nachhallt.

 

 

 

Tommy Orange: Dort Dort

Roman, aus dem Englischen von Hannes Meyer

Hardcover, 288 Seiten

Hanser Verlag, München 2019

...liest gerade "Winterbienen" von Norbert Scheuer

Es summt und brummt in der beschaulichen Eifel. Überall schwirren sie durch die Lüfte, Bienen, die nach Nektar suchen, Bienen, die von Leben zeugen, vom ewigwährenden Zyklus der Natur. Doch auch Flugzeuge verdunkeln den Himmel, Bomber, die ihre Fracht über den Städten des Rheinlandes abwerfen und Vernichtung bringen.
Denn es ist 1944.
Es ist Krieg.

 

Der Ich-Erzähler des Romans wurde wegen seiner Epilepsie durch das nationalsozialistische Regime vom Schuldienst ausgeschlossen. Nun widmet er sich der Bienenzucht und tritt damit in die Fußstapfen seiner Vorfahren. Der Bruder, ein angesehener Flugheld im Krieg, schickt ihm die dringend benötigte Medizin, um seine epileptischen Schübe in Grenzen zu halten. Doch als er keine Nachricht mehr von ihm erhält, muss er auf anderen Wegen an Geld gelangen. Und so betreibt er einen Schmuggelpfad nach Belgien. In seinen doppelbödigen Bienenkästen versteckt er seine Ware, gut getarnt unter tausenden Bienen.
Denn seine Ware ist einmalig.
Seine Ware sind Juden.

 

In Tagebuch ähnlichen Aufzeichnungen beschreibt der Imker die letzten Monate des Krieges, das Leben in der Eifel, seine Krankheit, Affären und Beziehungen zu den anderen Dorfbewohnern, die ihn meistenteils argwöhnisch beäugen. Er schreibt über die nahende Front, über Fieberschübe und Halluzinationen. Und natürlich schreibt er über Bienen. Systematisch in einem Volk organisiert, findet jede Biene ihren Platz in der Gemeinschaft. Jede einzelne trägt einen Teil zu dem Sozialsystem bei, in dem im Winter die nächste Generation herangezogen und geschützt wird. Bienen sind ein friedfertiges Volk, leben unter sich, stacheln keine Revolutionen auf und erobern keine anderen Völker. Sie sind der Gegenentwurf zum nationalsozialistischen Volksgedanken.

 

Die unaufgeregte Erzählweise kommt sehr leichtfüßig daher und bildet einen krassen Kontrast zu der Zeit höchster Aufregung und Chaos zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Krieg wird meist aus der Ferne geschildert. Es schwirren Flugzeuge durch die Luft, Zwangsarbeiter placken am Straßenrand und Feldsoldaten betrinken sich in der Dorfbar.

 

Allerdings bleibt ein verwirrender Rest, der vor dem Hintergrund des Nationalsozialimus schwer im Magen liegt. Denn in einer Zeit, in der der Volksgedanke über allem steht, wird mit ebendiesem Begriff eine andere Gemeinschaft beschrieben, eine Gemeinschaft, die ebenfalls eine Führerin kennt, die Königin des Bienenvolkes, die ihr Volk leitet. Zudem werden einzelne Bienen von ihren Artgenossen aussortiert und getötet, sobald sie ihren Nutzen für die Gemeinschaft verlieren.

 

Das Positivbild des Bienenvolkes ächzt und knarzt, wenn man sich den damaligen Volksgedanken vergegenwärtigt, dessen Konnotation unwiderruflich mitschwingt. Es entstehen Reibung und Spannung, die sich nicht auflösen lassen. Zurück bleibt so ein interessanter Roman, der hinsichtlich des Volksbegriffes Verwirrung hinterlässt. Genau darin liegt jedoch meines Erachtens die Besonderheit dieses Romans. Denn muss Literatur immer auflösbar sein?

 

 

 

Norbert Scheuer: Winterbienen

Roman

Hardcover, 319 Seiten

C.H.Beck Verlag, München 2019

...liest gerade "Auf Erden sind wir kurz grandios" von Ocean Vuong

Ein Brief voller Zärtlichkeiten, voller Liebe und Poesie.
Ein Brief voller Gewalt, voller Auseinandersetzung und Traumata.
Ein Brief, wie es ihn wohl noch nie zuvor gegeben hat.
 
Als sich Little Dog entscheidet seiner Mutter zu schreiben, ist er 28 Jahre alt. Geboren in Vietnam, schlägt er sich in den USA mit der Andersartigkeit herum, die ihn und seine Familie als Migranten an den Rand der Gesellschaft verschlagen hat. Er rekapituliert sein Leben, die Gewalt, die ihm von der Mutter entgegenschlug, aber auch die Fürsorglichkeit, mit der sie ihn umtätschelte. Er erzählt seine Familiengeschichte, erzählt von Vietnam und dem Krieg, von den Frauen seiner Familie, denen Wunden gerissen wurden, die nicht mehr verheilen. Er schreibt über die Muttersprache, die ihm abhandengekommen ist, und die neue Sprache, in der er zu denken und leben gelernt hat. Schreibt über das Leben in der neuen Heimat, über Anpassung und Assimilierung, über Verlust und Erinnerung, Rassismus und Drogen. Und er schreibt über die erste Liebe, das erste Mal, da er sich vollkommen fühlte und sich selbst annahm.
 
Mit dem Brief an seine Mutter folgt er den Spuren seiner Identität, derer er sich Wort für Wort selbstvergewissert. Wie ein Mosaik setzt er sich Buchstabe für Buchstabe selbst zusammen, bis er ein Bild von sich in den Händen hält, in dem er sich wiederfindet. Und so schreibt er sich sein Leben von der Seele - und findet in der Sprache ein neues.
 
Denn diese ist es auch, die den Roman hervorhebt. Die Sprache ist so kraftvoll und zugleich feinfühlig, melancholisch und doch voller Sprachwitz, poetisch und bildhaft, voller Energie und Eleganz. Dass Ocean Vuong Lyriker ist, fällt einem gleich nach den ersten Sätzen auf. Und so braucht man erstmal eine Weile, bis man in die Sprache des Romans findet. Wenn man sich aber schließlich auf ihre Bildhaftigkeit und Nuancen einlässt, wird man geradezu durch die Geschichte getragen. Durch sie entsteht ein Flickenteppich aus zahlreichen Themen, die der Roman streift. Fragmente, die wie Verse in einem Gedicht schillern.
 
Allerdings gleitet diese Virtuosität in manchen Fällen auch ins Pathetische ab. An einigen Stellen sind mir die Bilder doch zu larmoyant und die Geschichte zu schleppend, so dass ich die Begeisterungsstürme der Kritiken nicht ganz teilen kann, die diesen Roman als einen der wichtigsten der letzten Jahre bezeichnen. Fraglos ist es jedoch ein außergewöhnlicher Roman, der durch sein Sprachgefühl heraussticht. Ein Sprachgefühl, das man nur selten findet.
 

 

 

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

Roman, aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag

Hardcover, 240 Seiten

Hanser, Berlin 2019

...liest gerade "Vater Unser" von Angela Lehner

Eva ist redselig. Sie ist klug, intelligent, jung und nervig.
Und vor allem ist sie eins: in der Psychiatrie.

Der Roman beginnt mir ihrer Einlieferung in das Otto-Wagner-Spital in Wien. In den Sitzungen mit ihrem behandelnen Arzt Doktor Korb werden nach und nach Bruchstücke ihrer Kindheit zutage gefördert. Sie gibt zu, dass sie und ihr Bruder vom Vater vergewaltigt worden seien, und sie deshalb eine Kindergartengruppe erschossen habe. Doch bei ihren Aussagen zeigt sie keinerlei Gefühlsregungen, sondern redet flappsig daher und nimmt kein Blatt vor den Mund. Kann man ihr also trauen?

In den Therapiestunden wird schnell klar, dass Eva eine notorische Lügnerin ist. Sie erfindet Geschichten, um ein Bild von sich zu stricken, einen Schutzmantel, hinter dem sie sich versteckt. Und so liegt der wahre Grund ihrer Einweisung wohl in dem Versuch, ihrem Bruder näher zu kommen, der in derselben Klinik wegen seiner Magersüchtigkeit therapiert wird. Sie sucht seine Nähe, will den abgebrochenen Kontakt zu ihm wieder aufnehmen. Doch der Bruder weist sie schroff ab, ist genervt und will nichts mit ihr zu tun haben.

Als schließlich auch noch die Mutter hinzukommt, verwandelt sich die Therapie in eine Familiensitzung. An allem, was diese Familie belastet, gibt Eva dem Vater die Schuld. Der Vater, der sie verlassen hat und eine neue Familie gründete, während Mutter und Kinder dem Untergang entgegen fielen. Und so macht Eva sich eines Tages auf, ihn zu töten. Sie will Rache. Doch statt Genugtuung findet sie die Wahrheit und steht plötzlich vor dem Trauma ihrer Kindheit.

Gute Kritiken führten den Roman bis auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Vor einigen Tagen wurde Angela Lehner dann mit dem Debütpreis des Österreichischen Buchpreises ausgezeichnet. Und wie der Schutzumschlag verrät, würde Joachim Meyerhoff diese Eva sogar am liebsten immerzu würgen und küssen, denn sie geht ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Lobeshymnen, die ich nur schwerlich teilen kann. Natürlich sind manche Szenen witzig gestaltet und man fragt sich als Leser, was denn mit dieser Protagonistin eigentlich nicht stimmt. Doch auf Dauer nervt nicht nur Eva, sondern auch die Lektüre. Von Anfang an versteht man, dass sie nur Geschichten spinnt, um von einem unverarbeiteten Trauma abzulenken, das in ihr schwelt. Aus Selbstschutz tischt sie sich und ihren Mitmenschen deswegen fortwährend Lügen auf. Allerdings wird man dabei kaum auf falsche Fährten gelockt, wie viele Kritiker behaupten, sondern man durchschaut ihr Spiel nach wenigen Seiten. Der Reiz des Themas, von dem ich mir viel mehr erhofft hatte, dieses Spiel von Illusion und Wirklichkeit, von einem unzuverlässigen Erzähler, verlor so schnell an Sogkraft. Zurück bleibt so ein Roman, der die Psyche einer Familie zu beleuchten versucht, doch durch Komposition und Audruck auf der Oberfläche verweilt.

 

 

 

Angela Lehner: Vater Unser

Roman

Hardcover, 284 Seiten

Hanser, Berlin 2019

...liest gerade "Kafka am Strand" von Haruki Murakami

Kafka Tamura ist gerade 15 Jahre alt geworden, da verlässt er sein Zuhause und begibt sich auf eine Reise. Er flieht vor der Prophezeiung seines Vater, die schwer auf ihm lastet, und möchte am liebsten in einer Bibliothek leben. Als er den Ort seiner Sehnsucht findet, trifft er nicht nur auf eine Bücherwelt, sondern auch auf die Frau seiner Träume. Die alternde Inhaberin der Bibliothek übt eine seltsame Aura auf ihn aus und erscheint ihm des Nachts als schmachtende 15jährige, die um ihre verlorene Liebe trauert. Irgendwann befällt Kafka eine dunkle Ahnung. Fühlt er sich so zu ihr hingezogen, weil sie seine Mutter ist?

 

Nakata hingegen, ein einfältiger, älterer Mann, sucht im Auftrag ihrer Herrchen entlaufene Katzen. Durch einen außergewöhlichen Vorfall in seiner Kindheit hat er zwar irreparable kognitive Schäden erlitten, beherrscht seitdem aber die Katzensprache. Als er eines Tages auf die Fährte eines Katzenmörders stößt und gezwungen wird, einen Mord zu begehen, flieht auch er. Er weiß selbst nicht wohin, aber eine Kraft treibt ihn an, treibt ihn immer weiter, als müsste er etwas erledigen. Nur was?

 

Gewohnt surreal verstrickt Murakami in seinem Roman zwei Handlungsstränge miteinander, die in einer Neuerzählung des Ödipuskomplexes gipfeln. Spannung entsteht durch die omnipräsente Frage, was hier eigentlich Traum und was Wirklichkeit ist. Oder ist alles nur Metapher? Nur Allegorie?

 

Ich muss zugeben, dass es mein erster Roman von Murakami war. Und er hinterlässt ein zwiegespaltenes Gefühl. Einerseits war die surreale Erzählweise erfrischend und interessant. Zudem baut sich durch die zwei ineinander verworrenen Handlungsfäden eine Spannung auf, die man als Leser zu entwirren versucht. Auf der anderen Seite nervte mich der infantile Sprachstil auf Dauer gewaltig. Auch die Weisheiten, die sich im Roman finden, gleichen eher Plattitüden, die man wahrscheinlich reifer bei Paolo Coelho finden könnte. Und was der große Namenspatron Franz Kafka mit dem Protagonisten zu tun hat, außer dass dieser sich gezielt nach jenem benennt, da er ein paar seiner Geschichten mag, bleibt mir ebenso ein Rätsel, wie vieles andere, was in dem Roman geschieht.

 

Aber vielleicht ist genau das wiederrum das Besondere des Romans, weil er ist wie das Leben. Auch das geschieht meist ohne Sinn, einfach so, ohne je eine Antwort auf die Frage nach dem Warum zu erhalten.

 

 

 

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Roman

Taschenbuch, 640 Seiten

btb, München 2006

(Erstausgabe: DuMont Literatur- und Kunstverlag, Köln 2004)

...liest gerade "Faserland" von Christan Kracht

Noch eine Zigarette, noch ein Bier, noch ein wenig die Leute angaffen in ihren dekadenten Klamotten, noch ein paar oberflächliche Gespräche führen. Dann die nächste Zigarette, das nächste Bier, das nächste uninteressante Gespräch. Dann endlich weg, die Barbour Jacke schnappen und abhauen. Weiter in die nächste Stadt. Irgendwo einquartieren und erstmal eine Zigarette, dann einen Drink. Und wieder los zur nächsten Party, zur nächsten Zigarette, zum nächsten Bier, zu den nächsten uninteressanten Leuten und immer so weiter und immer so fort...

 

Krachts Roman ist ein witziges und zugleich tieftrauriges Gesellschaftspanorama der Schönen und Reichen in einer untergehenden Epoche. Unter ihnen der namenlose Protagonist, dessen innerer Monolog den Roman füllt und der innerhalb weniger Tage von Sylt über Hamburg, Frankfurt, Heidelberg und München bis nach Zürich gelangt. Überall gibt es die gleichen Partys mit den gleichen langweiligen Menschen. Drogen, Sex, Alkohol und Markenartikel sollen die Leere im Leben füllen, doch man sieht die Brüche, die sich über die Fassade legen und den Körper bald zum Bersten bringen.

 

In diesem Milieu gibt es keine Freundschaften, nur Bekanntschaften. Und wenn man alleine ist, weint man schon mal oder macht seinem Leben gleich ein Ende. Es ist ein Leben, das durch Überfluss zum Überdruss wird. Es ist der Ekel, der einen befällt, der ennui, der einen bestimmt.

 

Und so zeigt Kracht die Oberflächlichkeit der Welt auf, in der nichts heilig ist, sondern alles verloren scheint. Es ist ein witziger und zugleich tief deprimierender Roman, ein Klassiker der deutschen Gegenwartsliteratur und absolut lesenswert.

 

 

 

Christian Kracht: Faserland

Roman

Taschenbuch, 160 Seiten

dtv, München 2002

(Erstausgabe: Kiepenheuer und Witsch, Köln 1995)

...liest gerade "América" von T.C.Boyle

Als Delaney den Canyon hinaufkurvt, geschieht es. Aus dem Busch am Wegesrand springt eine dunkle Gestalt vor seinen Wagen. Delaney kann nicht mehr ausweichen - es gibt einen dumpfen Knall und das Auto kommt zum Stehen. Unter Schock steigt er aus und findet einen schwerverletzten Mann im Graben liegen. Er will den Krankenwagen rufen, doch der Mann winkt ab und bäumt sich unter Schmerzen wieder auf. Um sein Gewissen zu beruhigen, drückt Delaney ihm 20 Dollar in die Hand und verschwindet. Auch der Mann wankt davon - blutüberströmt. Er will so wenig Aufmerksamkeit wie möglich provozieren, denn er ist Ausländer. Mexikaner. Ein Mensch zweiter Klasse.

 

Mit diesem Unfall beginnt der Roman, in dem anhand wechselnder Perspektiven die Lebenswirklichkeiten zweier Einwohner Kaliforniens kontrastiert werden. Da stehen auf der einen Seite Delaney und seine Frau, die über den Dächern von Los Angeles leben, in einem abgeschirmten Villenviertel auf den Hügeln im Hinterland. Sie geben sich weltoffen, umweltbewusst, liberal und achten penibel auf die Ernährung ihres Kindes. Auf der anderen Seite stehen Cándido und seine junge Frau, zwei illegale Immigranten aus Mexiko, die in den Canyons wie Hunde hausen und ums Überleben kämpfen, indem sie ihre Arbeitskraft für wenige Dollar zur Verfügung stellen. Sie hoffen auf eine bessere Zukunft und werden doch nur ausgebeutet und fortgewünscht.

 

Obwohl schon 1995 geschrieben, hat der Roman nichts an seiner Aktualität und Brisanz eingebüßt. Es geht um Migration und Flüchtlinge, Rassismus und Abschottung, das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich, täglichen Überlebenskampf und slavereiähnliche Ausbeutung und natürlich - Donald Trump lässt grüßen - auch um die Mauer. Durch den klug inszenierten Perspektivwechsel wirken dabei die Probleme der Reichen wie Hohn im Leben der Armen. Auch die Doppelmoral der Oberschicht tritt zutage, denn einerseits fühlen die Bürger mit den "armen Schweinen", andererseits profitieren sie von der billigen Arbeitskraft der Migranten und fühlen sich zunehmend bedroht von den Fremden, die ihre Umgebung bevölkern. Zum Ende hin treibt Boyle das Szenario immer weiter auf die Spitze, so dass man sich eines Grinsens nicht erwehren kann. Als zum Schluss auch noch die Natur zuschlägt, überstürzen sich die Ereignisse.

 

"América" ist ein witziger, unterhaltsamer, dennoch ernster und politischer Roman, der die Auswirkungen und Probleme der Migration mit viel Sarkasmus aufzeigt.

 

 

 

T.C. Boyle: América

Roman, übersetzt von Werner Richter

Taschenbuch, 398 Seiten

dtv, München 1998

...liest gerade "Max, Mischa und die Tet-Offensive" von Johan Harstad

"Ich werde von jedem von euch erzählen. Denn ich schreibe das alles für euch, für uns, für mich. Ich schreibe es, bevor es mir abhandenkommt, wie es auch vielleicht längst abhandengekommen ist."

 

So beginnt der Erzähler seine ausschweifende Lebensgeschichte, die er um jeden Preis festhalten möchte, bevor sich der Schleier der Vergessenheit wie ein Leichentuch über sie legt und sein ganzes Leben damit in die Bedeutungslosigkeit reißt.

 

Max ist Norweger und wird Ende der 70er Jahre in Stavanger geboren. Seine Eltern sympathisieren mit dem Kommunismus, wodurch er schon in seiner Kindheit als Außenseiter gilt. "Apocalypse Now" von Francis Ford Coppola stellt schließlich sein Erweckungserlebnis dar und fortan gibt es nicht Schöneres für den Jungen, als den Kampf gegen die Imperialisten nachzuspielen. Doch dann zerbricht seine Welt und mit ihm geht sein Glaube unter. Als der Vater ein lukratives Angebot als Pilot aus den USA erhält, ziehen sie in das Land der dereinst verhassten Unterdrücker. Der Teenager versteht das Leben nicht mehr, verliert sich und verschließt sich der Außenwelt. Erst zwei Begegnungen reißen ihn aus der Einsamkeit. Er trifft auf Mordecai, der ganze Dialoge von "Apocalypse Now" rezitieren kann, und als er wenig später auch noch Mischa kennen und lieben lernt, eine sieben Jahre ältere Künstlerin am Anfang ihrer Karriere, verästeln sich die drei Leben immer mehr ineinander. Sie spenden sich Halt in einer zunehmend unüberschaubareren Welt und über zwanzig Jahre erleben sie Höhen und Tiefen, trennen und finden sich wieder, und kreisen dabei stets um eines - um das Verhältnis von Heimat und Kunst.

 

Der Roman ist nichts weniger als ein Abriss unserer Zeitgeschichte der letzten 50 Jahre. Kollektive (meist amerikanische) Erinnerungen - von Vietnam über das Ende des Kalten Krieges, hin zu 9/11 und der Finanzkrise bis zum Tropensturm Sandy - sind verflochten mit den Leben der drei Protagonisten, ihren Erfolgen und Tragödien. Dabei wirft der Roman eine Vielzahl an Themen auf, wirbelt sie durcheinander, reflektiert und spiegelt sie und stellt dadurch das Lebensgefühl einer ganzen Generation heraus. Kapitalismus und Sozialismus, Auswanderung und Heimatlosigkeit, Freundschaft und Liebe, Sinnsuche und Identität sind nur einige Beispiele aus der endlos scheinenden Themenvielfalt dieses weitschweifigen Panoramas. Im Mittelpunkt stehen jedoch Kunst und Kultur, denn nicht nur Mischa feiert Erfolge als Künstlerin, sondern auch Mordecai, der ein gefeierter Schauspieler wird, und Max, der Ich-Erzähler, Regisseur und Dramatiker.

 

Johan Harstad hat der Generation Pop mit seinem Roman ein Denkmal gesetzt, ein zugegebenermaßen - mit über 1200 Seiten - sehr langes und mehr als ausuferndes Denkmal, das an manchen Stellen durch zu viel Detailverliebtheit und Langatmigkeit Risse aufweist. Dennoch ist es ein intelligenter, scharfsinniger, unterhaltsamer Roman, der trotz des desillusionierenden und melancholischen Erzähltons witzig und berauschend ist.

 

 

 

Johan Harstad: Max, Mischa und die Tet-Offensive

Roman, übersetzt von Ursel Allenstein

gebunden, 1248 Seiten

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2019

...liest gerade "Mogador" von Martin Mosebach

Die Vorladung aufs Polizeipräsidium war zu viel. Er sieht nur einen Ausweg - er muss fliehen. Fliehen vor dem Arm der Justiz, der bereits nach ihm greift. Fliehen vor den Journalisten, die auf ihn warten und wolllüstig danach trachten, ihn zu zerschreiben. Fliehen vor seinem schlechten Gewissen, das tief in ihm nagt und sich immer energischer in ihn hineinbohrt.
Fliehen ins Ungewisse.

 

Patrick Elff ist jung, doch hat die Karriereleiter schon weit erklommen. Als Abteilungsleiter einer Bank hat er einen steilen Aufstieg hinter sich und könnte ein sorgenfreies Leben genießen. Doch der Selbstmord einer seiner Mitarbeiter wirft Fragen auf. Fragen, die er nicht beantworten kann - oder will. Und so springt er aus dem Fenster des Polizeipräsidiums und lässt von einem auf den anderen Augenblick alles zurück: seinen hochdekorierten Job, seine Ehefrau, sein bisheriges Leben.

 

Marokko ist sein Ziel, wo er einen einflussreichen und gut situierten Geschäftspartner zu finden hofft, für den er vor einigen Jahren ein dubioses Geschäft getätigt hat. Doch vor Ort wird er in eine Welt gezogen, die unter dem Schleier der Sittsamkeit ihren Sündenpfuhl versteckt. Zwischen Religion und Aberglaube, zwischen Huren und Magiern, mitten in einer archaischen und scheinbar vormodernen Zeit begibt er sich auf eine Reise, die sein Leben ins Wanken bringt.

 

Martin Mosebach hat einen verblüffenden Roman geschrieben. Durch die poetische Sprache taucht man tief in die Zauberwelt und den Alltag Marokkos ein. Dabei changiert die Geschichte zwischen den Genres. Was als (Wirtschafts-)Krimi beginnt, blüht immer mehr zum Märchen auf, in dem Realität und Fantasie zusehends ineinander fließen. Ein besonderer Kniff zu Zeiten endloser Flüchtlingsdebatten ist zudem die umgekehrte Fluchtbewegung, bei der die wirtschaftlichen Vorzeichen verkehrt wurden.

 

 

 

Martin Mosebach: Mogador

Roman

gebunden, 368 Seiten

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2016

...liest gerade "Schlafes Bruder" von Robert Schneider

Er ist eigenartig.
Er ist seltsam.
Er ist genial.

 

Als Elias 1803 in einem Vorarlberger Bergdorf das Licht der Welt erblickt, beginnt er erst durch das Singen der Hebamme zu atmen. Den ersten Laut stößt er aus, als er die Orgel der Kirche vernimmt und nachts schrickt er regelmäßig auf, wenn die Schneeflocken als musikalische Intonation hinunterrieseln.

 

Bereits als Kleinkind nimmt er die Welt anders wahr, anders als die Dorfbewohner in ihrem alltäglichen, von Intrigen gesponnenen Leben. Als ihn schließlich ein verführerisch singender Stein zu einem Bach lockt, überkommt ihn eine Art Epiphanie. Die Geräusche des Waldes, des Baches und der Tiere fallen über ihn her und in ihn ein. Die Komposition steigert sich in einem wahnwitzigen Crescendo, dehnt sich aus wie eine Welle um einen ins Wasser geworfenen Stein, bis er die Laute des ganzen Universums in nur einem Augenblick vernimmt. Und dann hört er es. Ein Ton sticht aus der Polyphonie heraus, ein Pochen, das ihn bannt: es ist der Herzschlag eines neugeborenen Menschen, für den seine Liebe sogleich entflammt. Es ist seine Cousine Elsbeth.

 

Obwohl hochtalentiert, nimmt niemand im Dorf seine Begabung wahr. Vielmehr wird er verstoßen, gilt als Sonderling und Außenseiter. Sein musikalischer Aufstieg bleibt begrenzt. Und als seine Cousine als Jugendliche ihren Nachbarn heiratet, erinnert er sich an einen Wanderprediger, der einmal in das Dorf gekommen war und geraunt hatte: "Wer liebt, schläft nicht."
Und so fasst Elias einen Plan.

 

Erzählt werden dem Leser Leben und Leiden des zu früh Gestorbenen durch einen Chronisten, der auch die Lebensumstände in den Bergen detailliert schildert. Immer wieder unterbricht dieser sich, kommentiert, fasst zusammen und schaut voraus, warnt und (ver)tröstet. Seine derbe, altbackene Sprache ist dabei der rauen Bergwelt entlehnt und zeugt von wunderbarem Klang.

 

Der Roman ist eine Künstlergeschichte, beinahe eine Heiligenvita eines verkannten Musikgenies. Zugleich ist sie mit einer tragischen Liebesgeschichte versponnen. Eine imposante Erzählung, die noch lange nachhallt und nicht zu Unrecht als ein moderner Klassiker der deutschen Literatur gilt.

 

"Schlafes Bruder" ist bereits 1992 im Reclam Verlag erschienen.

 

 

 

Robert Schneider: Schlafes Bruder

Roman

Taschenbuch, 212 Seiten

Reclam, Leipzig

...liest gerade "Verschwörung gegen Amerika" von Philip Roth

Keiner hat mit ihm gerechnet, doch jetzt ist er Präsident.

 

Am Tag nach der Wahl herrscht ungläubiges Staunen bei den Meinungsforschern. Es war ein Wahlkampf voller Täuschungsmanöver, in dem sich der Kandidat zu präsentieren wusste und mit seinem Slogan "America First" die Wählerschaft auf seine Seite gerissen hat. Die Menge glaubt, er sei einer von ihnen und werde sie beschützen. Es ist ein Erdrutschsieg.

 

Doch unter seiner Herrschaft verändert sich Amerika plötzlich mit unglaublichem Tempo. Ausgrenzung und Hetze nehmen täglich zu. Die Gesellschaft spaltet sich. Das Klima wird rauer. Übergriffe auf Minderheiten finden statt, Angriffe, die die Politik versucht kleinzureden. Die unabhängige Presse wird immer weiter diskreditiert, bis auch sie sich Übergriffen ausgesetzt sieht. Der Präsident ist egozentrisch und sieht sich über dem Gesetz. Er will sich so weit wie möglich von seinem Vorgänger absetzen und schließt deswegen Verträge mit Despoten und Diktatoren, die er zu seinen Freunden zählt. Seine Präsidentschaft ist unbestritten die größte Bedrohung, die die amerikanische Demokratie jemals erlebt hat.

 

Nein - die Rede ist nicht von Donald Trump. Die Parallelen sind zwar verblüffend, aber in dem Roman aus dem Jahr 2004 (!) geht es um Charles Lindbergh, dem Fliegerheld Amerikas aus den 1920er Jahren. Er ist Antisemit, verehrt den Nationalsozialismus und trägt sogar das Großkreuz des Deutschen Adlerordens, verliehen von Hermann Göring höchstpersönlich.

 

Was wäre gewesen, wenn...

 

Was wäre gewesen, wenn sich der beliebte Held - so wie es einige Republikaner damals tatsächlich anstrebten - 1940 gegen Franklin D. Roosevelt zur Wahl des Präsidenten gestellt und gewonnen hätte?

 

Der Roman geht dieser Frage bedrückend und eindringlich nach. Anhand einer jüdischen Familiengeschichte, erzählt aus der Sicht eines Kindes, beschreibt er das Chaos und die Panik, die ein autoritärer Antisemit, Faschist und Egomane als Präsident heraufbeschwört. Er beschreibt, wie eine Gesellschaft umschwenkt, immer mehr Hass und Spaltung erlebt, wie sie zerfällt und durch eine Verschwörung droht, zu kapitulieren, angestachelt durch Worte und Taten des Präsidenten und seiner Regierung.

 

Ich habe den Roman regelrecht verschlungen. Dabei ist es kaum zu glauben, dass er bereits aus dem Jahr 2004 stammt. Geradezu prophetisch hat Roth darin die starke Führungsgsmacht beschrieben, nach der sich so viele Amerikaner (und viele weitere Nationen) sehnen. Die Parallelen zur heutigen Zeit sind so frappierend, dass man fast einen zeitgenössischen Roman zu lesen meint, einen Roman, der einem mehr und mehr die Kehle zudrückt und durch den man eine Ahnung davon bekommt, was es heißt, einer Minderheit in einem autoritärem Regime anzugehören.

 

Ein großartiger Roman! Faszinierend und absolut lesenswert!

 

 

 

Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika

Roman, Deutsch von Werner Schmitz

Taschenbuch, 544 Seiten

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2007

...liest gerade "Babel" von Kenah Cusanit

Es ist eines der größten archäologischen Ereignisse der Menschheit. Der deutsche Architekt und Bauforscher Robert Koldewey entdeckt um 1900 das antike Babylon und gräbt nicht nur das weltbekannte Ischtar-Tor aus, das heute im Berliner Pergamonmuseum zu finden ist, sondern auch den legendären Turm zu Babel.

 

Doch am Ende seiner Ausgrabungen liegt Koldewey erschöpft im Bett und versucht seine eingebildete oder tatsächliche Krankheit mit Rezinusöl zu lindern. Seine Gedankengänge führen uns von den Quellen des jüdisch-christlichen Kulturraums, deren Geschichten nur Abschriften von älteren babylonischen und assyrischen Texten sind, über die weltpolitische Lage kurz vor dem 2. Weltkrieg in Deutschland und Nahost sowie über die Spuren, die Franzosen, Engländer und Deutsche in den größtenteils kolonialisierten Gebieten hinterlassen, hin zu den Ausgrabungen vor Ort.

 

Der Roman gibt schnell zu verstehen, dass die Geschichte der Menschheit seit Anbeginn ein in sich verflochtenes Geben und Nehmen ist. Dabei spielt er mit vielen Formen von Überlieferungen, denn es gibt eine Vielzahl an essayistischen Abhandlungen, es gibt Listen, Dialoge, Briefe, sogar Fotos.

 

Denis Scheck schrieb, der Roman sei "turmhoch allem überlegen, was sonst in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur in diesem Frühjahr erscheint", und so bin ich mit großen Erwartungen an die Lektüre gegangen.

 

Doch die Faszination kann ich leider nicht teilen. Mir ist der Roman zu essayistisch, zu konstruiert, zu gewollt. In jedem Satz merkt man dem Text an, dass eine Altorientalistin versucht, ihr Metier darzustellen, und den Roman dadurch mit Informationen überfrachtet, die den Erzählfluss stören und das Textgefüge sprengen.

 

 

 

Kenah Cusanit: Babel

Roman

gebunden, 272 Seiten

Hanser Verlag, München 2019

...liest gerade "Die Frau in den Dünen" von Kobo Abe

Sein Ziel ist der Strand und das Meer. Eigentlich will er nur raus aus der Stadt und seiner Leidenschaft nachgehen: ein paar der legendären Sandläufer fangen. Diese Käfer locken ihre Beute in die Wüste, um sie dann, wenn sie kraftlos und durstig sterben, aussaugen zu können. Als es Abend wird und er nicht mehr nach Hause zurückkommt, übernachtet er in einem Dorf, das in den Dünen liegt. Untergebracht wird er bei einer Frau, die in einem riesigen Sandloch wohnt. Da es viele dieser Löcher gibt, alle versehen mit Strickleitern, nimmt er das Angebot gerne an. Am nächsten Tag ist die Strickleiter jedoch hochgezogen und er sitzt in der Falle.

 

Fortan soll er der Frau bei ihrer Arbeit helfen. Es ist eine Sisyphosarbeit, denn alles dreht sich in dem Loch um den Sand, der endlos hinabrieselt. Täglich muss er weggeschaufelt werden, um das obenliegende Dorf am Leben zu halten. Der Mann kann sich mit seiner Gefangenschaft nicht abfinden und versucht mehrmals zu fliehen, scheitert jedoch immer wieder. Und so muss er die Situation akzeptieren, bis sich ihm schließlich eine einmalige Gelegenheit bietet, doch noch zu entkommen.

 

Bereits 1962 in Japan veröffentlicht, gilt der Roman heute als ein Klassiker der modernen japanischen Literatur. Und das völlig zurecht!

 

Die surreale Situation, die leisen kafkaesken Untertöne, das Aufwerfen großer Themen von Existenzialismus über Entwurzelung hin zu Gesellschafts- und Systemkritik, gepaart mit einer reinen und klaren Prosa machen diesen Roman einzigartig. Verschiedene Lesarten und Interpretationsmöglichkeiten halten ihn in der Schwebe und verankern ihn so desto stärker im Gedächtnis .

 

Ein wirklich hervorragender Roman!

 

Die Taschenbuchausgabe mit einem langen Nachwort ist im Unionsverlag erschienen.

 

 

 

Kobo Abe: Die Frau in den Dünen

Roman, aus dem Japanischen von Oscar Benl und Mieko Osaki

Taschenbuch, 256 Seiten

Unionsverlag, Zürich 2018

...liest gerade "Das Ungeheuer" von Terézia Mora.

Es ist immer da. Hängt an ihr wie eine zweite Haut. Es gibt kein Entkommen. Gibt kein Entrinnen. Ihr ganzes Leben wird von ihm bestimmt, von diesem Monster, von diesem Ungeheuer. Schließlich sieht sie nur noch einen Ausweg - und erhängt sich.

 

Darius Kopp, ihr Ehemann, kann es nicht verstehen. Warum hat sie sich das Leben genommen? Nach zehn Monaten der Abschottung hält er es nicht mehr aus und begibt sich auf eine zweifache Reise, immer dabei: die Urne seiner Frau. Er versucht sie zu finden, Spuren ihres Daseins aufzuspüren, fährt mit dem Auto in ihre ungarische Heimat, fährt an Orte der Vergangenheit, um das Unbegreifliche zu verstehen. Zugleich reist er in eine andere Welt, in eine düstere Welt, die die ganze Zeit am Abgrund steht, stets fragil und gefährdet ist. Zehn Jahre war er mit Teodóra verheiratet und erkennt erst jetzt, dass er nichts von ihrem Leben wusste. Auf der Reise entlang des Mittelmeers liest er das Tagebuch seiner Frau und stößt auf Unglaubliches, auf das Ungeheuer ihres Lebens, auf ihre lebensverzehrende, todbringende Krankheit. Auf die Depression.

 

Terézia Mora erhielt für ihren Roman im Jahr 2011 den Deutschen Buchpreis. Mag der Text auch an manchen Stellen nicht leicht zugänglich sein, so ist die Beschreibung der Krankheit, die Leere und Schwärze, die Sinnlosigkeit und der Verlust der Lebensfreude, erschreckend plastisch und damit verstörend dargestellt. Dazwischen gibt es immer wieder kleine Augenblicke voller Poesie, die die Sprache hervorzaubert und diesen Text zu einem wirklich lesenswerten Roman macht.

 

 

 

Terézia Mora: Das Ungeheuer

Roman

gebunden, 688 Seiten

Luchterhand, München 2013

...liest gerade "Vom Ende einer Geschichte" von Julian Barnes

Als der Pensionär Tony eines Tages einen Brief mit einem außergewöhlichen Erbe erhält, steht sein Leben Kopf. Bis dahin hatte er ein gewöhnliches Leben geführt, ein durchschnittliches Leben in unaufgeregten Bahnen.

 

Doch nun schleudert ihn der Brief zurück in die Vergangenheit, die er als abgeschlossene Erzählung im Kopf zu tragen meint. Er erinnert sich zurück, erinnert sich an die Schulzeit, an die Freunde, mit denen er damals sein Leben verbrachte. Er denkt zurück an die Begebenheiten, an seine Exfreundin, diese hochnäsige erste Liebe mit ihrer sonderbaren Familie, denkt an den hochbegabten Adrian, der ihnen allen intellektuell überlegen schien. Und natürlich erinnert er sich auch an den Selbstmord seines Freundes, begangen aus der philosophischen Ansicht heraus, das ungefragte Geschenk des Lebens auch wieder zurückgeben zu dürfen.

 

Doch der Brief bringt seine ganze Vergangenheit ins Wanken. Die Gewissheit seiner Erinnerungen stürzt ein und wirft Fragen auf.
Hat sich damals wirklich alles so zugetragen, wie er es in Erinnerung hat?
Ist die Vergangenheit tatsächlich so geschehen, wie er sie aus einzelnen Bildern retrospektiv zusammensetzt?

 

Barnes schreibt auf melancholische Weise über die Ungewissheit von Erinnerungen und den Mantel der Zeit, der sich über die Vergangenheit legt und bis zur Unkenntlichkeit verdeckt. Obwohl der Roman 2011 den Man Booker Prize gewann, konnte er mich dennoch nicht vollends überzeugen. Vielmehr als um falsche Erinnerungen geht es nämlich um einen Butterflyeffekt, der zum Ende hin doch etwas verschroben wirkt.

 

 

 

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Roman, Aus dem Englischen von Gertraude Krueger

gebunden, 192 Seiten

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011

...liest gerade "Jesus und Judas" von Amos Oz

Warum gibt es eigentlich Ostern?

 

Na klar, jeder kennt die Geschichte vom Verrat des Judas Iskariot, der Folter und der Kreuzigung Jesu und seiner wundersamen Auferstehung.

 

Aber wer war eigentlich dieser Judas, der den Stein des Christentums erst ins Rollen brachte?

 

Lange Zeit galt er als Verräter, als das personifizierte Böse, der habgierig 30 Silberlinge einsackte und dafür den Sohn Gottes verriet. Auf vielen Gemälden vom Letzten Abendmahl sticht er daher auch durch seine Hässlichkeit heraus, die schiefe Nase, das boshafte Lächeln.

 

Eine spätere Theorie besagt, dass er lediglich Gottes Plan vollbrachte, dass dieser Apostel demütig ausführte, was von oben bestimmt ward.

Amos Oz schlägt in seinem "Zwischenruf" jedoch einen anderen Weg ein und folgt darin einer neueren Theorie. Er sieht in Judas keinen Verräter, auch keine Marionette eines allmächtigen Gottes, sondern jemanden, der an Jesus glaubte, der mehr und stärker als alle anderen an den Messias glaubte, an seine Wunderkraft, an das Reich Gottes.

 

Aber in seinen Augen unternahm Jesus zu wenig, um die Menschen von seiner Botschaft zu überzeugen, denn in Jerusalem war Jesus nur einer unter vielen Reformjuden. Judas glaubte so fest an ihn, dass er ihn nötigte, das Wunder der Wunder zu vollbringen. Er war so sehr von seiner Göttlichkeit überzeugt, dass er alles arrangierte, Verbindungen zu Priestern spann und zur Primetime den Showdown initiierte. Sein unbändiger Glaube drängte ihn dazu. Jesus sollte vor aller Augen den Tod besiegen und das Himmelreich einläuten.

 

Als Jesus jedoch am Kreuz stirbt, bricht Judas fassungslos zusammen. Er sieht ein, dass er zu viel verlangte, dass er den Menschen, den er am meisten liebte, getötet hatte, und erhängt sich.

 

Was war Judas nun?
Ein Verräter?
Eine Marionette?
Oder war er gar der erste Christ?

 

Wir werden es wohl niemals wissen...

 

In diesem Sinne Frohe Ostern!

 

 

 

Amos Oz: Jesus und Judas. Ein Zwischenruf

Hardcover, 96 Seiten

Patmos Verlag 2019

...liest gerade "Der Circle" von Dave Eggers

Mae ist jung und dynamisch. Als sie durch ihre Freundin Annie eine Stelle beim Circle erhält, kann sie ihr Glück kaum fassen. Der Circle ist nicht nur FacebookGoogleAppleEtcpp in einem, sondern hat auch einen Campus zu bieten, der jene der Internetgiganten noch weit übertrifft. In dieser Wohlfühloase wird unentwegt an neuen Gadgets gefeilt, an Armbändern, implantierten Chips und Kameras, die alle nur eines zum Ziel haben: Daten sammeln.

 

Endlose Partizipation und Kommunikation sowie ständige Überwachung lassen den gläsernen Menschen entstehen. Ging es bei "1984" noch um ein von oben auferlegtes autoritäres Regime, wird hier nun die Freiheit der Privatsphäre durch den Menschen selbst aufgegeben. Niemand soll mehr Geheimnisse haben, denn Geheimnisse machen suspekt. Diejenigen, die nicht Teil dieser schönen neuen Welt sein wollen, werden schnell die Schattenseiten ihrer freien Meinung kennenlernen. Und so ist es zuletzt auch Mae, die durch ihre Naivität das totalitäre System selbst initiert.

 

Vor fünf Jahren gefeiert als das Buch der Stunde, hat es literarisch doch nur wenig zu bieten. Der Roman lebt von den Ideen, die der Circle entwirft. Doch die Aktualität des Stoffes verkommt zur Effekthascherei, denn es mangelt an Dramaturgie, Figurentiefe, an literarischen Finessen, an viel zu viel "tell" und zu wenig "show". Dafür gibt es reichlich plakative Darstellungen und einen Spannungsbogen, der über den Boden kriecht.

 

Mich konnte "Der Circle" nur wenig begeistern.

 

 

 

Dave Eggers: Der Circle

Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Taschenbuch, 560 Seiten

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014