- Tagebuch -


...liest gerade "Vom Ende einer Geschichte" von Julian Barnes

Als der Pensionär Tony eines Tages einen Brief mit einem außergewöhlichen Erbe erhält, steht sein Leben Kopf. Bis dahin hatte er ein gewöhnliches Leben geführt, ein durchschnittliches Leben in unaufgeregten Bahnen.

 

Doch nun schleudert ihn der Brief zurück in die Vergangenheit, die er als abgeschlossene Erzählung im Kopf zu tragen meint. Er erinnert sich zurück, erinnert sich an die Schulzeit, an die Freunde, mit denen er damals sein Leben verbrachte. Er denkt zurück an die Begebenheiten, an seine Exfreundin, diese hochnäsige erste Liebe mit ihrer sonderbaren Familie, denkt an den hochbegabten Adrian, der ihnen allen intellektuell überlegen schien. Und natürlich erinnert er sich auch an den Selbstmord seines Freundes, begangen aus der philosophischen Ansicht heraus, das ungefragte Geschenk des Lebens auch wieder zurückgeben zu dürfen.

 

Doch der Brief bringt seine ganze Vergangenheit ins Wanken. Die Gewissheit seiner Erinnerungen stürzt ein und wirft Fragen auf.
Hat sich damals wirklich alles so zugetragen, wie er es in Erinnerung hat?
Ist die Vergangenheit tatsächlich so geschehen, wie er sie aus einzelnen Bildern retrospektiv zusammensetzt?

 

Barnes schreibt auf melancholische Weise über die Ungewissheit von Erinnerungen und den Mantel der Zeit, der sich über die Vergangenheit legt und bis zur Unkenntlichkeit verdeckt. Obwohl der Roman 2011 den Man Booker Prize gewann, konnte er mich dennoch nicht vollends überzeugen. Vielmehr als um falsche Erinnerungen geht es nämlich um einen Butterflyeffekt, der zum Ende hin doch etwas verschroben wirkt.

 

 

 

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Roman, Aus dem Englischen von Gertraude Krueger

gebunden, 192 Seiten

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011

...liest gerade "Jesus und Judas" von Amos Oz

Warum gibt es eigentlich Ostern?

 

Na klar, jeder kennt die Geschichte vom Verrat des Judas Iskariot, der Folter und der Kreuzigung Jesu und seiner wundersamen Auferstehung.

 

Aber wer war eigentlich dieser Judas, der den Stein des Christentums erst ins Rollen brachte?

 

Lange Zeit galt er als Verräter, als das personifizierte Böse, der habgierig 30 Silberlinge einsackte und dafür den Sohn Gottes verriet. Auf vielen Gemälden vom Letzten Abendmahl sticht er daher auch durch seine Hässlichkeit heraus, die schiefe Nase, das boshafte Lächeln.

 

Eine spätere Theorie besagt, dass er lediglich Gottes Plan vollbrachte, dass dieser Apostel demütig ausführte, was von oben bestimmt ward.

Amos Oz schlägt in seinem "Zwischenruf" jedoch einen anderen Weg ein und folgt darin einer neueren Theorie. Er sieht in Judas keinen Verräter, auch keine Marionette eines allmächtigen Gottes, sondern jemanden, der an Jesus glaubte, der mehr und stärker als alle anderen an den Messias glaubte, an seine Wunderkraft, an das Reich Gottes.

 

Aber in seinen Augen unternahm Jesus zu wenig, um die Menschen von seiner Botschaft zu überzeugen, denn in Jerusalem war Jesus nur einer unter vielen Reformjuden. Judas glaubte so fest an ihn, dass er ihn nötigte, das Wunder der Wunder zu vollbringen. Er war so sehr von seiner Göttlichkeit überzeugt, dass er alles arrangierte, Verbindungen zu Priestern spann und zur Primetime den Showdown initiierte. Sein unbändiger Glaube drängte ihn dazu. Jesus sollte vor aller Augen den Tod besiegen und das Himmelreich einläuten.

 

Als Jesus jedoch am Kreuz stirbt, bricht Judas fassungslos zusammen. Er sieht ein, dass er zu viel verlangte, dass er den Menschen, den er am meisten liebte, getötet hatte, und erhängt sich.

 

Was war Judas nun?
Ein Verräter?
Eine Marionette?
Oder war er gar der erste Christ?

 

Wir werden es wohl niemals wissen...

 

In diesem Sinne Frohe Ostern!

 

 

 

Amos Oz: Jesus und Judas. Ein Zwischenruf

Hardcover, 96 Seiten

Patmos Verlag 2019

...liest gerade "Der Circle" von Dave Eggers

Mae ist jung und dynamisch. Als sie durch ihre Freundin Annie eine Stelle beim Circle erhält, kann sie ihr Glück kaum fassen. Der Circle ist nicht nur FacebookGoogleAppleEtcpp in einem, sondern hat auch einen Campus zu bieten, der jene der Internetgiganten noch weit übertrifft. In dieser Wohlfühloase wird unentwegt an neuen Gadgets gefeilt, an Armbändern, implantierten Chips und Kameras, die alle nur eines zum Ziel haben: Daten sammeln.

 

Endlose Partizipation und Kommunikation sowie ständige Überwachung lassen den gläsernen Menschen entstehen. Ging es bei "1984" noch um ein von oben auferlegtes autoritäres Regime, wird hier nun die Freiheit der Privatsphäre durch den Menschen selbst aufgegeben. Niemand soll mehr Geheimnisse haben, denn Geheimnisse machen suspekt. Diejenigen, die nicht Teil dieser schönen neuen Welt sein wollen, werden schnell die Schattenseiten ihrer freien Meinung kennenlernen. Und so ist es zuletzt auch Mae, die durch ihre Naivität das totalitäre System selbst initiert.

 

Vor fünf Jahren gefeiert als das Buch der Stunde, hat es literarisch doch nur wenig zu bieten. Der Roman lebt von den Ideen, die der Circle entwirft. Doch die Aktualität des Stoffes verkommt zur Effekthascherei, denn es mangelt an Dramaturgie, Figurentiefe, an literarischen Finessen, an viel zu viel "tell" und zu wenig "show". Dafür gibt es reichlich plakative Darstellungen und einen Spannungsbogen, der über den Boden kriecht.

 

Mich konnte "Der Circle" nur wenig begeistern.

 

 

 

Dave Eggers: Der Circle

Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Taschenbuch, 560 Seiten

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014

...liest gerade "Was dann nachher so schön fliegt" von Hilmar Klute

Wie sieht eigentlich das Leben eines Schriftstellers aus? Eines wahrhaftigen Dichters und Denkers? Und worauf verzichtet man eigentlich, wenn man den steinigen Weg angetreten und sich der Literatur verschrieben hat?

 

Volker Winterberg will genau das herausfinden. Es sind die 80er, Volker ist Zivildienstleistender in einem Altenheim und geht wortwörtlich durch die Scheiße. Doch er hat ein klares Ziel für seine Zukunft. Er schreibt Gedichte und möchte eines Tages davon leben können.

 

Doch wie lebt man eigentlich als Schriftsteller?

 

Volker begibt sich auf die Suche nach dem authentischen Dichterleben. Er imitiert Verhaltensweisen seiner Idole und träumt sich manches Mal in die Zeit der Gruppe 47. Durch die Teilnahme an einem Treffen von Nachwuchsschriftstellern lernt er andere Dichter kennen, darunter auch berühmte Autoren. Immer mehr gelangt ihm ins Bewusstsein: Was nachher so schön in Versen und Romanen klingt, ist knochenharte Arbeit. Das Dichterleben ist ein fragiles Leben zwischen Himmel und Hölle.

 

Ist er wirklich dazu bereit?

 

Hilmar Kluges Roman über einen Nachwuchsschriftsteller kurz vor der Wende ist amüsant und unterhaltsam. Ein Roadmovie durch die deutsche Nachkriegsliteratur.

 

 

 

Hilmar Klute: Was dann nachher so schön fliegt

Roman

gebunden, 368 Seiten

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018

...liest gerade "Die Erfindung des Lebens" von Hanns-Josef Ortheil

Johannes ist stumm. Er folgt darin seiner Mutter, der es durch schwere Schicksalsschläge die Sprache verschlagen hat. In der Schule wird er verlacht, Freunde hat er keine, nur eine intensive Beziehung zu seinem Vater und ein beinah schon symbiotisches Verhältnis zu seiner Mutter. Er ist anders, ein Außenseiter, ein Idiot.

 

Doch Johannes hat eine Begabung. Er spielt Klavier wie nur wenige. Es ist die Kraft der Musik, die die Familie aus ihrer Schockstarre nach dem Zweiten Weltkrieg rettet. Und schließlich lernt er auch noch sprechen, lernt durch genaues Beobachten der Natur schreiben und lesen. Nach der Schule zieht es ihn nach Rom und alles, was früher so schwer erschien, ist plötzlich ganz einfach. La dolce vita. Er studiert am altehrwürdigen Konservatorium und seiner Zukunft als gefeierter Pianist steht nichts mehr im Wege...oder doch?

 

Drei Jahrzehnte später kehrt er zurück nach Rom, an den Ort seines Schreckens, und schreibt die Geschichte seiner Kindheit und Jugend nieder. Aus den Puzzleteilen seiner Erinnerungen, entfacht durch das Klavierspiel der Nachbarstochter, erfindet er sein Leben neu.

 

Ortheil hat hier einen größtenteils biographischen Roman geschrieben, in dem sich alles um die Frage dreht, wie man sich durch Sprache die Welt erschließen kann. Es geht um die Nachkriegsjahre eines zerbombten Landes, um Sprachlosigkeit und Selbstfindung. Die Geschichte ist Entwicklungs- und Künstlerroman zugleich, eine Erzählung über Sprache, Kunst und darüber, was es heißt, anders zu sein.

 

 

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens

Roman

gebunden, 592 Seiten

Luchterhand, Stuttgart 2009

...liest gerade "Baron Wenckheims Rückkehr" von László Krasznahorkai

Was für ein imposanter Roman!

 

Eine kleine Stadt in Ungarn, verschlafen, heruntergekommen. Plötzlich macht ein Gerücht die Runde. Der greise Baron Wenckheim ist auf dem Heimweg, um seine alte Liebe Marika wiederzufinden und sich an seinem Geburtstort niederzulassen. Das Dorf steht Kopf. Die Bürger räumen die Straßen von Obdachlosen und werfen die Waisenkinder aus dem verfallenen Schloss. Sie erwarten den Heiland, einen Führer, der das marode Dorf wieder zu Ehren bringt, doch als der schüchterne Baron aus dem Zug tritt, trauen sie ihren Augen nicht. Seine Rückkehr entzündet einen Funken, der rasch um sich greift und die Stadt verbrennen wird.

 

Eines vorweg: Die Lektüre ist anstrengend und gewöhnungsbedürftig. Aber wenn man sich auf die kapitellangen Sätze einlässt, erhält man ein außerordentliches Lektüreerlebnis. In diesem Roman gibt es keinen Erzähler. Die Bürger der Stadt sind die Träger der Geschichte, vorangetrieben durch Dialoge, indirekte Rede und innere Monologe. Ständig springt die Perspektive von einem Bewohner auf den anderen über, so dass ein einzigartiges Geflecht vieler verschiedener Stimmen und Schicksale entsteht.

 

László Krasznahorkai hat nicht nur eine Liebesgeschichte geschrieben, sondern auch ein gesellschaftliches Panorama unserer heutigen Zeit. In jedem Satz schwingt die Kritik an den Umständen des heutigen Ungarns mit, aber auch an der allgemeinen Sensationsgeilheit der Menschen. Nicht umsonst erinnert das Aufheben um den Baron an "Der Besuch der alten Dame".

 

"Baron Wenckheims Rückkehr" ist ein stimmgewaltiges Werk, verrückt, durchgeknallt und absolut einmalig! Unbedingt lesen!

 

 

 

László Krasznahorkai: Baron Wenckheims Rückkehr

Roman, übersetzt aus dem Ungarischen von Christina Viragh

gebunden, 496 Seiten

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018

...liest gerade "Bruder und Schwester Lenobel" von Michael Köhlmeier

Was für ein Auftakt in das Lesejahr 2019!

 

"Ich habe mich immer bemüht, der zu sein, der ich bin. Und habe mir trotzdem nicht die Frage gestellt: Wer bin ich?"

 

Der Wiener Psychiater und Psychoanalytiker Robert Lenobel ist plötzlich verschwunden. Seine Frau Hanna bitte Roberts Schwester Jetti, sofort zu ihr zu kommen. Als sie eintrifft, entspinnt sich nach und nach, meist in Erinnerungen, eine Familiengeschichte, die um Selbstlügen und Identitätsprobleme, Sinnkrisen und Befangenheiten kreist. Jeder der drei Protagonisten, alle um die 50 Jahre alt und eigentlich gut aufgestellt, befindet sich auf einer Suche. Auf der Suche nach Liebe, nach Sinn und besonders nach dem eigenen Ich in einem Leben zwischen Verpflichtungen und Wünschen.

 

Märchen, die die enorme Themenvielfalt des Romans umreißen, sind den Kapiteln vorangestellt. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, so dass sich die einzelnen Lebensentwürfe nach und nach zusammensetzen. Doch letztlich entsteht kein Ganzes, denn allesamt bestehen sie aus lauter Brüchen, die nicht gekittet werden können.

 

"Ich war nie, ich war immer nur gewesen."

 

Dieser Roman ist einzigartig. Er ist nicht nur mitreißend und in einer klaren, poetischen Sprache geschrieben. Köhlmeier versteht es anhand literarischer Finessen, den Leser unbemerkt in ein dichtes Netz zu spannen. Der Roman ist zudem auch höchst intellektuell. Die großen Themen der Psychoanalyse und Philosophie werden wie nebenbei aufgeworfen, die Frage nach dem Sein, dem Sinn, dem Leben, dem Ich zwischen Über-Ich und Es und vielem mehr.

 

"Bruder und Schwester Lenobel" ist ein absoluter Lesegenuss, der noch lange nachwirkt. Schon jetzt ein Highlight dieses Jahres!

 

 

Michael Köhlmeier: Bruder und Schwester Lenobel

Roman

gebunden, 544 Seiten

München, Carl Hanser Verlag 2018