- Tagebuch -


...liest gerade "Das Gewicht der Worte" von Pascal Mercier

Der Schrecken: eine Art Schlaganfall.
Die Diagnose: nur noch wenige Monate zu leben.
Die Folge: mit dem Leben abschließen.
Die Überraschung: eine neue Chance.

 

Simon Leyland ist fasziniert von Sprachen, von Wörtern und den Lebenswirklichkeiten, die sie erbauen. Schon als Kind, da er bei seinem Onkel eine alte Karte des Mittelmeers bestaunte, hegte er den Wunsch, alle Sprachen der mediterranen Länder zu erlernen. Tief eingebunden in intellektuelle Zirkel führt er neben seinen Übersetzungsarbeiten den Verlag seiner Frau weiter, die vor Jahren verstorben ist. In Briefen schreibt er ihr weiterhin, um sie nicht gänzlich zu verlieren.

 

Plötzlich bricht er zusammen und erhält eine Diagnose, die sein Leben in Scherben schlägt: Hirntumor, inoperabel. Nur noch wenige Monate werden ihm in Aussicht gestellt, bis der Krebs ihn zersetzt hat. Schockiert zieht er sich zurück, verkauft schweren Herzens den Verlag und versucht mit dem Leben abzuschließen. Im Angesicht des Todes quälen ihn Fragen, ob er eigentlich das Leben geführt habe, das er erträumt hatte, ob er die Zeit wirklich genutzt habe, die ihm gegeben worden war. Seine Kinder und eine Vielzahl an Bekannten begleiten ihn in diesen schweren Tagen, die seine letzten sein sollen.

 

Doch dann eröffnet man ihm, dass es eine Verwechslung gab. Statt eines Hirntumors leidet er lediglich an Migräne. Nach elendigen 77 Tagen steht Leyland plötzlich wie neugeboren da und stellt sich nur noch eine Frage: Was nun anfangen mit der unerhofften zweiten Chance im Leben?

 

Pascal Merciers Romane werden von seinen Fans geliebt und gefeiert, von Kritikern jedoch meist argwöhnisch beäugt. Dieser Roman macht da keine Ausnahme, auch bei mir nicht.

 

Das Thema lässt das Herz jeden Literaturliebhabers höher schlagen. Denn im Mittelpunkt steht die Faszination für Wörter, für die Feinheiten der Sprachen, es geht um Literatur und deren Übersetzungsmöglichkeiten, um das Fühlen und Denken in verschiedenen Sprachen, deren Strukturen eine andere Aneignung der Welt und Wirklichkeit nach sich ziehen. Es geht aber auch um Erinnerungen, vergessenen, und um die drängendsten aller Fragen: Was ist wirklich wichtig im Leben? Was verleiht Sinn? Und nutze ich eigentlich diese einmalige Zeit?

 

So inspirierend die Gedankengänge manchmal wirken, so profan sind sie natürlich auch. Jeder stellt sich diese Fragen wohl öfters in seinem Leben. Zudem geschieht nichts Aufregendes, nichts Überraschendes, es entsteht keinerlei Reibung. Die Geschichte plätschert ein wenig vor sich hin. In den Briefen an seine Frau, die Leyland immer weiter führt, werden alle Geschehnisse des Romans nochmals erzählt. Eine langwierige Wiederholung, derer es wirklich nicht bedurfte. Zudem gleichen sich die Figuren in vielerlei Hinsichten, ausnahmslos sind sie gebildet, kosmopolitisch, sensibel und sinnlich. Stets vertreten sie die gleiche Meinung und lassen sich leicht für die gleichen Dinge faszinieren. Die Menge an Personal, die aufgeboten wird - Verleger, Schriftsteller, Übersetzer, Künstler, Leser - ist in gewisser Weise austauschbar.

 

Gespalten lässt mich der Roman somit zurück, der einen zwar durch die Seiten fliegen lässt, aber nichts Außergewöhnliches birgt. Es ist eine sehr klassisch erzählte Geschichte mit einigen berührenden und kitzelnden Gedankengängen, die aber angesichts von Gleicheit, Langatmigkeit und Wiederholungen ein wenig in ihrem Potential verstocken.

 

 

 

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte

Roman

Hardcover, 576 Seiten

Hanser Verlag, München 2020

...liest gerade "Melancholie des Widerstands" von László Krasznahorkai

Seltsame Vorfälle ereignen sich in der kleinen Stadt.

Zuerst beginnt die seit Jahrzehnten verstummte Kirchenuhr zu ticken.
Dann schwankt der gewaltige städtische Wasserturm ohne Grund.
Und obwohl es klirrend kalt ist - viel zu kalt für die Jahreszeit - fällt kein Schnee.
Als wären die Geschehnisse nicht erschreckend genug, zieht plötzlich ein Zirkus in die Stadt ein.
Und mit ihm dunkle Gestalten, die nur eines im Sinn haben - blinde Zerstörungswut.
 
Eine kleine Stadt in Südostungarn. Die Bewohner sind unruhig. Sie merken, dass sich etwas zusammenbraut. Das beängstigende Gefühl befällt sie, dass etwas passieren wird, etwas Einmaliges, etwas Umwälzendes. Die Anzeichen häufen sich, denn außergewöhliche Dinge geschehen. Die Stadt verfällt und geht zugrunde. Müll und Unrat wachsen auf den Bürgersteigen an. Straßenlaternen funktionieren nicht mehr. Waren werden nicht mehr geliefert. Ämter arbeiten nicht mehr. Es fehlt an Medikamenten, an Kohle zum Heizen, der Verkehr ist eingestellt. Die Welt, so wie sie war, scheint unterzugehen.
 
Nur eine Frau lehnt sich gegen den Verfall auf. Frau Eszter plant eine Kampagne, um Ordnung und Sauberkeit in die Stadt zurückzubringen. Doch dazu muss sie ihren Mann gewinnen, ihren Mann, der als Koryphäe in der Stadt gilt, als zurückgezogener Intellektueller, dessen Wort Gewicht hat. Derselbe Mann, der sie aus dem Haus geworfen hat, um endlich in Ruhe und Weltabgewandtheit seine Tage im Bett zu verbringen. Aber Frau Eszter hat einen Plan. Sie will Valuska, einen romantischen Träumer und den einzigen Vertrauten ihres Mannes, in ihr Vorhaben einbeziehen.
 
Doch dann erscheint auf einmal ein ominöser Zirkus in der Stadt, ein Zirkus, der einen riesigen Wal als Attraktion mit sich führt. Doch nicht nur das. Wie eine Welle überschwemmt eine gespenstische Menge die Stadt. Dunkle Gestalten, die dem Zirkus folgen und wie Zombies umherwanken. In einem der Schausteller wollen sie ihren neuen Führer erkannt haben, den Herzog. Und so ist es, als würde die Apokalypse in die Stadt Einzug halten. Denn plötzlich beginnt der Umsturz - und er ist nicht mehr aufzuhalten.
 
Vor einem Jahr las ich den aktuellen Roman von Krasznahorkai, "Baron Wenckheims Rückkehr", und war begeistert. "Melancholie des Widerstands" erschien bereits 1989. Aber schon hier sind alle Zutaten des erzählerischen Genies Krasznahorkais versammelt, denn auch diese Erzählung ist großartig und lässt mich immer mehr daran glauben, dass Krasznahorkai einer der ganz großen und bedeutsamen Romanciers unserer Tage ist.
 
Natürlich muss man sich auf die seitenlangen Sätze und absatzlosen Kapitel einstellen, doch wenn man sich der eigenwilligen Form hingibt, erhält man eine Geschichte, die an Tief- und Scharfsinn, Intellektualität, Komik und Melancholie ihres gleichen sucht. Es ist geradezu ein Sog, in den man gerät, wenn man in die apokalyptische Welt abtaucht, beschworen durch eine bestechende Präzision der Worte und einer einmaligen Fabulierlust. Die in sich verschachtelten Sätze, die stockenden und springenden Gedankengang simulieren, dazu die Perspektivwechsel entfachen einen Lesewahn, dem man sich nicht entziehen kann.
 
Die beschriebene Apokalypse, die letztlich etwas Neues hervorbringt, könnte man u.a. als Allegorie auf den Zerfall des Kommunismus, auf den Aufstieg des Faschismus oder die Durchdringung des Kapitalismus lesen, man könnte den Roman religiös oder gesellschafts- bzw. sozialkritisch deuten. Der Interpretationsmöglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt.
 
Eigentlich lässt sich nur eines sagen: Wer noch nie etwas von Krasznahorkai gelesen hat, sollte es unbedingt nachholen. Ich bin ihm spätestens jetzt verfallen.

László Krazsnahorkai: Melancholie des Widerstands

Roman, aus dem Ungarischen von Hans Skiecki

Taschenbuch, 464 Seiten

Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2011

...liest gerade "Metropol" von Eugen Ruge

Ein Gespenst geht um in der UdSSR - das Gepenst des Stalinismus.
Es kommt im Gewand der Angst daher. Denn Menschen verschwinden, werden diskreditiert, verhaftet, verurteilt - hingerichtet.
Es sind Dutzende. Hunderte. Tausende.
Und jeder kann der Nächste sein.

 

Charlotte und Wilhelm sind überzeugte Kommunisten. Sie fliehen vor dem Nationalsozialismus und siedeln in die UdSSR über, in das Land ihrer Träume. Dort herrscht Stalin, an dessen Lehren und Wirken sie unbeirrt glauben. Schon in Deutschland arbeitete das Paar für die Kommunistische Internationale, die Weltorganisation der kommunistischen Parteien.

 

Doch dann beginnt der Terror. Die Verhaftungswelle Stalins überschwemmt die Abteilung für Internationale Verbindungen, in der sie arbeiten. Zunehmend geraten die Mitarbeiter ins Fadenkreuz, werden verhaftet und bei Schauprozessen vorgeführt. Als auch noch Bekannte von Charlotte und Werner verurteilt werden, zweifeln sie selbst an ihrem Urteilsvermögen und können nicht fassen, dass sie mit Verrätern befreundet waren. Durch ihre Bekanntschaften machen sie sich allerdings verdächtig und so schnürt sich die Schlinge immer weiter zu. Überall lauern plötzlich Verrat, Angst und Denunziation.

 

Bald schon werden sie gezwungen, ins Hotel Metropol umziehen, ein Ort, an den Menschen geschickt werden, denen der unwiderrufliche Makel des Verrats anhaftet. Immer wieder ziehen neue Kollegen in das Hotel ein, und immer wieder verschwinden alte von einem auf den anderen Tag. Glauben Charlotte und Werner anfangs weiterhin an die Theorien des Kommunismus und damit an die erbarmungslosen Säuberungsaktionen des Regimes, schleichen sich mit der Zeit Zweifel ein. Als sie schließlich aufwachen, ist es jedoch zu spät und sie blicken erschrocken dem entgegen, was ihnen selbst blühen könnte.

 

Anhand von Originaldokumenten rekonstruiert Eugen Ruge mit dieser Erzählung das Leben seiner Großmutter, die am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in der UdSSR lebte und agierte. Neben amtlichen Mitteilungen und Bescheiden sowie Akteneinträgen finden sich Briefe, die wie zur Verifizierung des Geschriebenen in Kopie beigefügt sind. Im Epilog beschreibt der Autor sogar seine Herangehensweise an den Stoff und erklärt, was Dichtung und Wahrheit sei. Die Geschichte stellt also einen Roman dar, der zwischen Dokumentation und Fiktion angesiedelt ist, einen Tatsachenroman, der einerseits das Grauen der stalinistischen Verfolgungen deutlich macht, sich andererseits als eine Annäherung an des Autors Großmutter erweist.

 

In der Literaturkritik wurde der Roman hochgelobt und gefeiert. Auch ich finde ihn durchaus lesenswert. Dennoch kann ich nicht ganz in die Begeisterungsstürme einfallen. Dafür lässt mir die Geschichte zu wenig Raum für Eigeninterpretationen. Lücken, die die eigene Imagination in Gang setzen, kommen nicht vor, vielmehr wird die Angst und Verzweilfung stets aufs Neue nüchtern geschildert, so dass der Effekt irgendwann verpufft.

 

Unweigerlich musste ich bei der Lektüre an "Der Lärm der Zeit" von Julian Barnes denken, da auch dort die stalinistischen Säuberungsaktionen den Hintergrund der Geschichte bilden. Die alltägliche Angst, abgeholt, verurteilt und hingerichtet zu werden, wird hier viel atmosphärischer, da subtiler erzählt. Und so kommen auch Ohnmacht und Verzweiflung meiner Meinunug nach feinfühliger und ergreifender zur Geltung.

 

Dennoch bleibt Eugen Ruges Roman natürlich ein spannender Pageturner, dessen Lektüre sich lohnt.

 

 

 

Eugen Ruge: Metropol

Roman

Hardcover, 432 Seiten

Rowohlt Verlag, Hamburg 2019

...liest gerade "Das Totenschiff" von B. Traven

Gale verbringt die letzte Nacht vor Anker in den Kneipen Antwerpens. Als er morgens zum Hafen zurückkehrt, hat das Schiff, auf dem er als Seemann arbeitet, ohne ihn abgelegt.


An Bord befindet sich jedoch sein Ausweis, seine Seemannskarte. Zunächst unbekümmert, merkt er schon bald, dass er mit der Karte plötzlich seine Identität verloren hat.
Und mit seiner Identität sein Leben.

 

Es beginnt eine Odyssee. Der amerikanische Seefahrer kann sich nicht mehr ausweisen und irrt fortan als Staatenloser von Land zu Land. Selbst in der Botschaft kann ihm nicht geholfen werden, da er keinen Nachweis seiner US-Bürgerschaft erbringen kann. Auf seinem Streifzug durch die Ländern Europas wird er immer wieder von der Polizei verhaftet und ausgewiesen. Nichts scheint wichtiger in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als einen Pass zu besitzen. Und so gibt ihm niemand mehr Arbeit, niemand heuert ihn an, im Gegenteil, er wird vertrieben.

 

In Spanien wird ihm dann doch angeboten, wieder auf einem Schiff zu arbeiten. Die Mannschaft sieht erbärmlich aus, der Kahn ist in katastrophalem Zustand, der Anwerber zwielichtig. Dennoch heuert er an. Es ist seine einzige Chance. Und so landet er auf einem Totenschiff, das dazu verdammt ist, so lange über die Meere zu fahren, bis es sinkt und der Besitzer die Versicherungssumme einstreichen kann. So wird auch nicht nach Ausweisen gefragt, da man den Tod der Mannschaft billigend in Kauf nimmt. Auf dem Schiff verrichtet er lebensgefährliche Arbeiten. Und trotz des Untergangs, dem er entgegenblickt, trotz der Hoffnungslosigkeit, die ihn umgibt, verliert er nie seinen Mut, nie seinen Lebenswillen. Nie seinen Humor. Selbst dann nicht, als das Schiff kentert und es sinkt.

 

Erzählt wird die Geschichte von dem Seefahrer selbst. In seiner groben und harten Seemannssprache, die dennoch von einer Art Bauernschläue zeugt, zeichnet er seine Irrfahrt in einem bissigen, sarkastischen und ironisch gebrochenen Ton nach. So erinnert die Erzählung beinahe an einen Schelmenroman, in dem der Held allerlei Prüfungen zu bestehen hat, Abenteuer, in die er unverschuldet hineinstolpert. In manchen Situationen ergeben sich geradezu Slapstickeinlagen à la Charlie Chaplin, die beim Leser die Tränen fließen lassen.

 

Zwischen den Zeilen finden sich jedoch revolutionäre, vom Geiste des Kommunismus beeinflusste Anklänge. Da wird die moderne Technisierung, die den Menschen zur Maschine degradiert, genauso kritisiert wie der Kapitalismus, dem jedes Mittel recht ist, sein Geld zu vermehren. Kritisiert wird ebenso die Staaterei, die Menschen nach Nationalitäten trennt, genauso wie die Idee der Nation, in der Dokumente wichtiger sind als der Mensch. Denn nur mit solch einem Nachweis bezeugt man, dass man geboren wurde, dass man der Menschenrasse angehört, dass man zu den Lebenden zählt und eben nicht zu den Toten.

 

"Das Totenschiff" ist ein hochamüsanter und dennoch politischer Roman. Mit seiner Thematik der Staatenlosigkeit, der Nation und Migraton als auch mit seiner Kapitalismuskritik schlägt er Brücken bis in unsere Zeit. Schon 1926 erschienen, wurde er in 30 Sprachen übersetzt und sogar mit Mario Adorf verfilmt. Zu dieser Berühmtheit hat wohl auch das Mysterium um den Schriftsteller B. Traven beigetragen, denn immer noch ist nicht gänzlich geklärt, wer sich hinter dem Pseudonym von einst verbirgt.

 

 

 

B. Traven: Das Totenschiff

Roman

Taschenbuch, 320 Seiten

Diogenes Verlag, Zürich 2015

...liest gerade "Brüder" von Jackie Thomae

Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Der eine ein Hallodri, der in den Tag hineinlebt und das macht, was er für richtig hält, ohne Rücksicht auf die Menschen in seiner Umgebung.
Der andere ein Stararchitekt, der den alltäglichen Anforderungen und Verpflichtungen bis zur Selbstaufgabe nachkommt.
Sie kennen sich nicht, doch sie verbindet mehr als die Hautfarbe, die sie kennzeichnet.
Sie haben denselben Vater.

 

Mick führt ein Leben, das zum Scheitern verurteilt ist. Er ist ein Hippster, bevor sich die Bezeichung überhaupt im trendigen Berlin durchsetzt. Er lebt in den Tag hinein, feiert tagelang, hat zahlreiche Affären und betrügt so seine Frau, die duldsam zuschaut. Doch dann gerät sein Leben ins Wanken. Als der Club, den er mit Freunden führt, wegen Steuernachzahlungen schließen muss und ihn schließlich auch noch seine Frau verlässt, stürzt alles um ihn herum ein und er wagt den Sprung in ein neues Leben.

 

Gabriel ist das Gegenteil. Er führt ein konservatives Leben, ist verheiratet und hat einen Sohn. Pflichtbewusstsein lässt ihn bis zum Umfallen arbeiten. Er lebt für seine Agentur und findet wenig Zeit für andere Dinge. Und so bemerkt er auch nicht, dass seine Frau ihn betrügt. Am Ende bricht auch er unter der Last des Lebens zusammen und erleidet einen Burnout.

 

Als beide schließlich eine EMail vom verschollenen und unbekannten Vater erhalten, scheint das fehlende Puzzleteil ihres Lebens gefunden - oder doch nicht?

 

Eines vorab: Der Roman ist herausragend. Es wird nicht nur eine Familiengeschichte aufgeworfen, deren Wege verschlungen durch die Jahrzehnte irren, es ist vielmehr die Geschichte der Trennung, Annäherung und Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, die sich in den unterschiedlichen Männern widerspiegelt. Es ist ein Roman über die Suche nach dem Sinn in einem Leben, in dem stets etwas fehlt, ein Leben, das nicht komplett erscheint.

 

Mit Scharfsinn, Witz und Humor wird die Geschichte der ungleichen Brüder erzählt. Dabei werden die gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse sowie das Lebensgefühl der 80er, 90er und 2000er auf famose Weise heraufbeschworen. Dazwischen, in leisen Tönen, surrt der alltägliche Rassismus mit, den beide wegen ihrer Hautfarbe erdulden müssen, aber auch die Feinheiten des alltäglichen Lebens, das Geflecht, in dem man sich verirren kann, stechen imposant heraus. Der Roman setzt all dies feinfühlig, witzig und unterhaltsam in einer gelungenen Komposition um. Ein Roman, der meiner Meinung nach den Buchpreis allemal verdient gehabt hätte.

 

 

 

Jackie Thomae: Brüder

Roman

Hardcover, 432 Seiten

Hanser Berlin, Berlin 2019

...liest gerade "Der Tod ist ein mühseliges Geschäft" von Khaled Khalifa

Bubbul, Hussein und Fatima sitzen im Minibus. Sie sind Geschwister, aber sie haben sich nichts zu sagen. Ihre Familienbande ist schon seit langem zerrissen. Doch nun fahren sie quer durch Syrien. Der Gestank ist kaum auszuhalten und nimmt von Minute zu Minute zu.
Denn hinten liegt der Vater und verwest. Er ist tot.

 

Bevor der Vater starb, nahm Bulbul ihm seinen letzten Willen ab: Er will in Anabîja, seinem Heimatdorf, begraben werden. Das Problem ist nur, es ist Krieg. Und so trommelt der Sohn seine Geschwister zusammen und gemeinsam machen sie sich auf die nur wenige hundert Kilometer lange Reise.

 

Doch für die kurze Strecke brauchen sie mehrere Tage. Immer wieder werden sie an Checkpoints angehalten, mal von Kämpfern der Freien Syrischen Armee, mal von regimetreuen Truppen, mal von furchteinflößenden Islamisten. Sie fahren durch ein völlig zerstörtes Land, das überall das Grauen des Krieges aufweist. Leichen pflastern den Weg, Massengräber gibt es in jedem Dorf, zerbombte Städte und Landstriche ziehen an ihnen vorbei, Gegenden, wo nichts mehr sprießt. Ihr Nachname öffnet ihnen in einigen Orten Türen, in anderen riskieren sie mit ihm ihr Leben.

 

Ihr Vater ist in jenen Tagen eines anormalen Todes gestorben, denn er ist eines natürlichen Todes gestorben. Ganz im Gegensatz zu den anderen Toten, die jede Familie zu betrauern hat. Denn der Tod lauert auf jeden, durch Bombardierungen oder in Folterkellern, durch Heckenschützen oder in Gefechten, durch Entführungen und Morde. Der Tod ist allgegenwärtig.

 

Der Roman ist erschütternd. In seiner ganzen Härte und Brutalität stellt er das Leben in Syrien dar, wo an kein Leben mehr gedacht werden kann. In Rückblicken werden die Geschichten der Protagonisten erzählt, ihr Leben in der Diktatur, ihr Aufbegehren oder Stillhalten, ihre Liebschaften und Familienzwiste, Träume und Enttäuschungen, eben jene Wege, die sie zu genau diesem Punkt führten, an dem sie den toten Vater durch ein Land fahren, das nicht mehr wiederzuerkennen ist.

 

Bereits 2016 erschienen (2018 in deutscher Übersetzung) wühlt der Roman auf und wirft den Blick auf ein vom Krieg gebeuteltes Land, das Spielball innerer und äußerer Machtkämpfe ist, in dem jedoch immer noch Menschen leben, die sich an das Letzte klammern, was ihnen in all dem Schrecken geblieben ist: Hoffnung.

 

 

 

Khaled Khalifa: Der Tod ist ein mühseliges Geschäft

Roman, aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich

Hardcover, 224 Seiten

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018

...hört gerade David Wagner zu

Im Rahmen der MEMORY LOSS Woche zum Thema Demenz las David Wagner gestern in Freiburg aus seinem Roman "Der vergessliche Riese".

 

Darin geht es um eine Familie, die keinen engeren Kontakt zueinander pflegte und erst durch die Krankheit des Vaters wieder zusammenfindet. Während sie sich um ihn kümmert, werden die Rollen innerhalb der Familie getauscht, denn der Vater verkommt immer mehr zum Kind, die Kinder werden zu fürsorglichen Eltern. Das Gedächtnis des einstigen Riesen lässt nach, doch dafür wachsen die Gefühle, was in der Freude über eine ewige Gegenwart gipfelt.

 

Wagner weiß, wovon er spricht, denn er hat selbst einen dementen Vater und dadurch im Roman Bruchstücke seiner eigenen Autobiografie literarisiert und verdichtet.

 

Zum Ende überraschte er mit seiner Sicht auf den Schreibprozess, denn wie das Erinnern nur eine Zusammensetzung von Fragmenten ist, so besteht nach Wagner die hohe Kunst der Prosa in ebenjenen Übergangen zwischen den Fragmenten.

 

Ein interessanter Gedanke!

 

 

 

David Wagner: Der vergessliche Riese

Roman

Hardcover, 272 Seiten

Rowohlt Verlag, Hamburg 2019

...liest gerade "Miroloi" von Karen Köhler

Eine abgelegene Insel im Meer, fern ab vom Rest der Welt.


Ein archaisches Dorf, das an festen Traditionen und Ritualen festhält.


Eine patriarchalische Gemeinschaft, in der viel gearbeitet, getrunken und geschlagen wird.


Und ein junges Mädchen, das nicht dazugehört.

 

 

Als Kind fand der Vorsteher des Gebetshauses das namenlose Mädchen auf der Treppe und nahm sie auf. Nun ist sie sechzehn und singt einen Totengesang auf ihr Dorf, ein abgelegenes Dorf, in dem Männer bestimmen und Frauen zu gehorchen haben, ein Dorf, in dem häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe nicht selten sind. Die Regeln des Zusammenlebens schreibt der Ältestenrat vor, bestehend aus 13 Männern, und so dürfen Frauen nicht lesen und schreiben lernen. Wer gegen die zahreichen Regeln verstößt, wird an den Schandpfahl gebunden, an dem ihm/ihr der Angstmann manche Knochen bricht. Oder er/sie wird gleich gesteinigt. Es ist das Leben einer Sekte, die dem Fundamentalismus von Islamisten, ultraorthodoxen Juden und strenggläubigen Evangelikalen in nichts nachsteht - und so heißt auch das heilige Buch Khorabel.

 

Und doch wird das Mädchen, das im Dorf als Außenseiterin behandelt wird, bald von ihrem Finder unterrichtet. Durch das Erlernen von Buchstaben öffnet sich dem Mädchen plötzlich eine völlig neue Welt. Mit dem Verstehen der Schrift bestürmen sie neue Gedanken, Zweifel brennen sich in ihr ein, sie hinterfragt die Gegebenheiten und sehnt sich auf die andere Seite des Meeres.

 

Des Menschen größter Antrieb, die Neugier, veranlasst sie dazu, Fragen zu stellen, unbequeme Fragen, doch sie findet keine Antworten. Als Unglücksbotin verschrien, gedemütigt, ausgegrenzt und geschlagen, entzündet sich in ihr eine Wut. Wut auf die Verhältnisse, Wut auf das Patriarchat, Wut auf die eng gesetzten Grenzen des Dorfes. Als sie sich schließlich verliebt und auch noch ihr Beschützer stirbt, wird ihre Wut zu einem Feuer aufgepeitscht, das das ganze Dorf verbrennen wird.

 

Nun habe ich es also auch endlich gelesen und was wurde nicht alles über diesen Roman geschrieben?

 

In den Feuilletons zerrissen - komischwerweise von meist männlichen Kritikern -, musste der Roman als Brennholz für eine Diskussion herhalten, in der es um nichts weniger ging, als um die Literatur an sich, um ihren Begriff und ihre Kritik. Und so ging ich voreingenommen an die Lektüre - und siehe da, es ist nur ein Text, gar nicht der Zerstörer der Literatur, und zudem hat er mich außerordentlich überrascht.

 

Der Roman hat Ecken und Kanten, dem stimme ich zu, aber wecken nicht gerade Unvollkommenheiten das Interesse? Ist es nicht die Reibung an dem Wie und Was der Erzählung, die einen Roman im Gedächtnis verankert?

Was hat die Literaturkritik nicht alles an Geschützen aufgefahren, um diesen Text zu verumglimpfen?

 

Der Roman sei zu unrealistisch und nicht zu verorten? -
Ich wusste gar nicht, dass dies notwendige Kriterien einer fiktiven Erzählung sind.

 

Er sei zu unglaubhaft? -
Da hat wohl jemand das Prinzip der Wahrscheinlichkeit nicht verstanden und gleich mit Glaubwürdigkeit verwechselt.

 

Zu patriarchalisch? -
In den Elfenbeintürmen von Feuilletonisten mag man es vielleicht anders sehen, ein Blick auf unsere Welt genügt allerdings, um zu erkennen, dass wir auch heute noch größtenteils in einem Patriarchat leben.

 

Zu viele Fragen bleiben am Ende zurück? -
Ja wunderbar, ein Text, über dem man auch nach der Lektüre noch nachdenken muss.

 

Die Sprache sei zu naiv? -
Welcher Sprachstil wird denn von einer unterdrückten, ausgeschlossenen, angefeindeten, der Bildung ferngehaltenen 16-Jährigen, die gerade lesen und schreiben lernt, genau erwartet? Schillerische Verse?

 

Und es gebe keinen Erzählanlass? -
Soetwas Verrücktes habe ich noch nie gehört. Woraus genau speist sich denn der Erzählanlass einer Geschichte und wer entscheidet darüber, ob er notwendig sei oder nicht?

 

Bei "Miroloi" handelt sich um einen Coming-of-Age Roman, eine Geschichte über Emanzipation und Selbstbestimmung, eine Erzählung über Neugier als Trieb, über den Tellerrand zu blicken und Gegebenheiten zu hinterfragen, ein Manifest über den Drang nach Freiheit.

 

Mitnichten hat der Roman den Literaturbegriff ins Wanken gebracht, viel eher zeigt die hitzige Debatte, wie Kritik in heutiger Zeit ausarten kann, selbst in den Feuilletons, die womöglich so energisch keifen und beißen, um den Platz auf dem Thron der Literaturkritik mit allen Mitteln zu verteidigen. Bald schon wird deswegen die nächste Sau durchs Dorf gejagt. Das ist gewiss.

 

Diese Sau fand ich allerdings großartig!

 

 

 

Karen Köhler: Miroloi

Roman

Hardcover, 464 Seiten

Carl Hanser Verlag, München 2019

Jahresrückblick 2019

Mein Jahresrückblick - traditionell im Januar.

 

Welche Titel haben mich im letzten Jahr begeistert und welche Titel würde ich uneingeschränkt weiterempfehlen?

 

Hier sind die 5 lesenswertesten Romane des vergangenen Jahres - natürlich aus rein objektiver Sicht :

 

 

 

"BRUDER UND SCHWESTER LENOBEL"
von Michael Köhlmeier

 

Hier geht es um die großen Themen der Psychoanalyse und Philosophie, die Frage nach dem Sein, dem Sinn, dem Leben, dem Ich zwischen Über-Ich und Es und vielem mehr. Ein einzigartiger Roman - mitreißend, klar, poetisch und höchst intellektuell.
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"BARON WENCKHEIMS RÜCKKEHR"
von László Krasznahorkai

 

Anstrengend und gewöhnungsbedürftig - aber wenn man sich auf die kapitellangen Sätze einlässt, breitet sich ein weitschweifiges Gesellschaftspanorama aus, vorangetrieben durch ein einzigartiges Geflecht verschiedenster Schicksale und Perspektivwechsel. Ein stimmgewaltiges Werk, verrückt, durchgeknallt und absolut einmalig!
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"MAX, MISCHA UND DIE TET-OFFENSIVE"
von Johan Harstad

 

Nichts weniger als ein Abriss der letzten 50 Jahre. Eine Vielzahl an Themen werden aufgeworfen, durcheinander gewirbelt, reflektiert und gespiegelt, sodass sich das Lebensgefühl der Generation Pop herauskristallisiert. Intelligent, scharfsinnig, unterhaltsam, witzig, melancholisch und vor allem eins - berauschend.
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"WINTERBIENEN"
von Norbert Scheuer

 

Zwei Völker, die auf den ersten Blick nichts gemein haben: jenes der Bienen und das der Deutschen. Doch es ächzt und knarzt, es entstehen Reibung und Spannung, die sich nicht auflösen lassen. Doch muss Literatur immer bis ins kleinste Deitail aufgehen? Ich finde nicht und sehe genau darin die Besonderheit dieses Romans.
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"DORT DORT"
von Tommy Orange

 

Die Geschichte der Native Americans. Die Geschichte ihrer Ausrottung, Verfolgung, Umsiedlung und Assimilierung. Ein Roman, der die Ahnen der indigenen Bevölkerung in Szene setzt, heimatlose Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, ausgeschlossen, in Armut und Kriminalität, gezeichnet von Alkohol- und Drogenmissbrauch. Aufwühlend, mitreißend, bewegend - und ein Ende, das schockiert.

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Zu diesen gesellen sich ältere Titel, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe und uneingeschränkt empfehle:

 

"DIE FRAU IN DEN DÜNEN"
von Kobo Abe

 

"VERSCHWÖRUNG GEGEN AMERIKA"
von Philip Roth

 

"AMÉRICA"
von T.C.Boyle

 

 

Damit endet das Lesejahr 2019 und ich freue mich darauf, auch in diesem Jahr in viele interessante, unterhaltsame, ausgefallene, verworrene, spannende, erschütternde, poetische und verrückte Geschichten eintauchen zu dürfen.

 

 

 

...liest gerade "Schutzzone" von Nora Bossong

In Genf werden Reden gehalten, langatmige Vorträge, denen man nicht mehr folgen kann.


In Genf finden Verhandlungen statt, zähe Gespräche, die hin und her wiegen, um zu keinem Ergebnis zu kommen.


In Genf werden Deals eingeflochten und kurz darauf wieder aufgelöst, es wird gezögert und taktiert, bei Schnittchen und Wein, in edlen Anzügen und luxuriösem Ambiente.


Denn in Genf residiert die UNO.

 

Mira hat ein Talent: Sie bringt die Menschen zum Reden. Und so arbeitet sie in der Wahrheitskommission und besucht Länder, in denen Massaker und Kriege wüteten. Sie trifft Schwerstverbrecher und interviewt die Hinterbliebenen von Genoziden, um somit aus den einzelnen Fäden der Wirklichkeit eine Geschichte zu spinnen, die sie in Berichten festhält. Diese Berichte werden weitergeleitet, werden in sterilen Büros zu Tabellen und Statistiken verarbeitet, die letztlich in Akten verschwinden, vor denen die Welt die Augen verschließt.

 

Als sie in Genf Milan wiedersieht, den Sohn einer Familie, in der sie als Kind zu Zeiten der Trennung ihrer Eltern lebte, bricht einiges in ihr auf. Hat sie nicht Zeit ihres Lebens auf ihn gewartet? Ist ihre letzte Beziehung nicht sogar an ihm zerbrochen? Die Desillusionierung ihrer Arbeit und die Infragestellung der ganzen UNO schweißt die beiden zusammen. Immer weiter nähern sie sich an, doch irgendwann muss sie einsehen: Bei Milan versagt ihr Talent.

 

"Schutzzone" ist ein Roman über die Arbeit der UNO, über Expats und ihre Annehmlichkeiten in Krisengebieten, über die Gräuel der Menschheit und die Unmöglichkeit der Bearbeitung solcher Verbrechen in weit entfernten Büros. Es ist ein Roman über den sinnlosen Auftrag der UNO, die hehre Ziele verfolgt und dennoch nichts ausrichten kann, denn die Massaker, Kriege und Genozide finden immer weiter statt und Verhandlungen verkommen aus rein taktischen Gründen zur Farce.

 

Der Roman stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, lässt mich aber etwas zwiegespalten zurück. Sprachlich bewegt er sich auf hohem Niveau. Er ist handwerklich sehr gut konstruiert und dennoch irgendwie farblos, ein gut erlernter Sprachstil, der aber wenig Eigenart besitzt. Zudem trieft die Hoffnungslosigkeit und Desillusion durch jeden Satz hindurch. Was anfangs durchaus erschreckend ist, nervt spätestens ab der Hälfte. Auch die Liebesgeschichte, die sich entwickelt, greift tief in die Klischeekiste - Ehemann und Vater eines Kindes in Midlife Crisis beginnt eine Affäre mit jüngeren Frau.

 

Und dennoch ist es kein schlechter Roman. Er ist durchaus gut zu lesen und interessant, hat mich aber einfach aus dargelegten Gründen nicht vollends überzeugen können.

 

 

 

Nora Bossong: Schutzzone

Roman

Hardcover, 332 Seiten

Suhrkamp Verlag, Berlin 2019

...liest gerade "Dort Dort" von Tommy Orange

Das Powwow steht vor der Tür. Es ist das traditionelle Festival der indigenen Bevölkerung Amerikas. Ein Fest der Freude und Ausgelassenheit. Ein Fest der Traditionen und des Gedenkens. Ein Fest des Tanzes und der Musik.
Es wird ein Fest des Todes.

 

Dene möchte das Projekt seines Onkels fortführen und in einem Dokumentarfilm die Spuren der Native Amercians in den heutigen Städten nachzeichnen. Bewaffnet mit einer Kamera begibt er sich auf die Suche nach den letzten Nachfahren der indigenen Bevölkerung.

 

Er findet unter anderem Orvil. Orvil lebt mit seinen zwei kleineren Brüdern bei der Halbschwester seiner Oma. Seine Mutter ist tot, seine Großmutter desinteressiert. Sie sind zwar Native Americans, aber ihre Traditionen sind erloschen. Als der Junge den rituellen Tanz seiner Vorfahren sieht, kennt er jedoch nur noch ein Ziel: Er will zum Powwow und tanzen.

 

Da ist aber auch Tony. Der Alkoholismus seiner Mutter spiegelt sich in seinem Gesicht wider. Er verkauft Drogen für Octavio, mit dessen Gang er plant, das Powwow zu überfallen, um an Geld zu kommen.

 

Ihre Wege, so wie die vieler anderer, werden sich auf dem Festival unausweichlich kreuzen - zum Bedauern aller.

 

Eines vorweg: "Dort Dort" ist erschütternd. Es die Geschichte der Native Americans. Die Geschichte ihrer Ausrottung, Verfolgung, Umsiedlung und Assimilierung. Ein Bild, das die Ahnen der indigenen Bevölkerung in Szene setzt, heimatlose Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, ausgeschlossen, in Armut und Kriminalität, gezeichnet von Alkohol- und Drogenmissbrauch.

 

Tommy Orange, selbst Native, wirft mit seinem Roman die Frage nach der heutigen Verantwortung auf. Wie einen Zopf flicht er eine Geschichte, in der sich die Erzählfäden nach und nach ineinander verstricken. Durch die Vielzahl an Perspektiven, die sich überschneiden und bedingen, wird der Zopf eng und enger, bis er straff auf einen Punkt zuläuft: das Powwow.

 

Aufwühlend. Mitreißend. Bewegend. Und ein Ende, das schockiert. Ich habe den Roman ruhelos gelesen. Das Schicksal der Native Americans wurde wohl noch nie so plastisch dargestellt. Im Stil erinnert es an einen Roman, den ich als einen der besten preise, den ich je gelesen habe: "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" von Marlon James.

 

Und wenn mich "Dort Dort" auch nicht ganz so überwältigt hat wie sein Vorbild, so ist es doch ein grandioses Werk, das den Natives eine Stimme verleiht, eine Stimme, die sich tief einbrennt und nachhallt.

 

 

 

Tommy Orange: Dort Dort

Roman, aus dem Englischen von Hannes Meyer

Hardcover, 288 Seiten

Hanser Verlag, München 2019

...liest gerade "Winterbienen" von Norbert Scheuer

Es summt und brummt in der beschaulichen Eifel. Überall schwirren sie durch die Lüfte, Bienen, die nach Nektar suchen, Bienen, die von Leben zeugen, vom ewigwährenden Zyklus der Natur. Doch auch Flugzeuge verdunkeln den Himmel, Bomber, die ihre Fracht über den Städten des Rheinlandes abwerfen und Vernichtung bringen.
Denn es ist 1944.
Es ist Krieg.

 

Der Ich-Erzähler des Romans wurde wegen seiner Epilepsie durch das nationalsozialistische Regime vom Schuldienst ausgeschlossen. Nun widmet er sich der Bienenzucht und tritt damit in die Fußstapfen seiner Vorfahren. Der Bruder, ein angesehener Flugheld im Krieg, schickt ihm die dringend benötigte Medizin, um seine epileptischen Schübe in Grenzen zu halten. Doch als er keine Nachricht mehr von ihm erhält, muss er auf anderen Wegen an Geld gelangen. Und so betreibt er einen Schmuggelpfad nach Belgien. In seinen doppelbödigen Bienenkästen versteckt er seine Ware, gut getarnt unter tausenden Bienen.
Denn seine Ware ist einmalig.
Seine Ware sind Juden.

 

In Tagebuch ähnlichen Aufzeichnungen beschreibt der Imker die letzten Monate des Krieges, das Leben in der Eifel, seine Krankheit, Affären und Beziehungen zu den anderen Dorfbewohnern, die ihn meistenteils argwöhnisch beäugen. Er schreibt über die nahende Front, über Fieberschübe und Halluzinationen. Und natürlich schreibt er über Bienen. Systematisch in einem Volk organisiert, findet jede Biene ihren Platz in der Gemeinschaft. Jede einzelne trägt einen Teil zu dem Sozialsystem bei, in dem im Winter die nächste Generation herangezogen und geschützt wird. Bienen sind ein friedfertiges Volk, leben unter sich, stacheln keine Revolutionen auf und erobern keine anderen Völker. Sie sind der Gegenentwurf zum nationalsozialistischen Volksgedanken.

 

Die unaufgeregte Erzählweise kommt sehr leichtfüßig daher und bildet einen krassen Kontrast zu der Zeit höchster Aufregung und Chaos zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Krieg wird meist aus der Ferne geschildert. Es schwirren Flugzeuge durch die Luft, Zwangsarbeiter placken am Straßenrand und Feldsoldaten betrinken sich in der Dorfbar.

 

Allerdings bleibt ein verwirrender Rest, der vor dem Hintergrund des Nationalsozialimus schwer im Magen liegt. Denn in einer Zeit, in der der Volksgedanke über allem steht, wird mit ebendiesem Begriff eine andere Gemeinschaft beschrieben, eine Gemeinschaft, die ebenfalls eine Führerin kennt, die Königin des Bienenvolkes, die ihr Volk leitet. Zudem werden einzelne Bienen von ihren Artgenossen aussortiert und getötet, sobald sie ihren Nutzen für die Gemeinschaft verlieren.

 

Das Positivbild des Bienenvolkes ächzt und knarzt, wenn man sich den damaligen Volksgedanken vergegenwärtigt, dessen Konnotation unwiderruflich mitschwingt. Es entstehen Reibung und Spannung, die sich nicht auflösen lassen. Zurück bleibt so ein interessanter Roman, der hinsichtlich des Volksbegriffes Verwirrung hinterlässt. Genau darin liegt jedoch meines Erachtens die Besonderheit dieses Romans. Denn muss Literatur immer auflösbar sein?

 

 

 

Norbert Scheuer: Winterbienen

Roman

Hardcover, 319 Seiten

C.H.Beck Verlag, München 2019

...liest gerade "Auf Erden sind wir kurz grandios" von Ocean Vuong

Ein Brief voller Zärtlichkeiten, voller Liebe und Poesie.
Ein Brief voller Gewalt, voller Auseinandersetzung und Traumata.
Ein Brief, wie es ihn wohl noch nie zuvor gegeben hat.
 
Als sich Little Dog entscheidet seiner Mutter zu schreiben, ist er 28 Jahre alt. Geboren in Vietnam, schlägt er sich in den USA mit der Andersartigkeit herum, die ihn und seine Familie als Migranten an den Rand der Gesellschaft verschlagen hat. Er rekapituliert sein Leben, die Gewalt, die ihm von der Mutter entgegenschlug, aber auch die Fürsorglichkeit, mit der sie ihn umtätschelte. Er erzählt seine Familiengeschichte, erzählt von Vietnam und dem Krieg, von den Frauen seiner Familie, denen Wunden gerissen wurden, die nicht mehr verheilen. Er schreibt über die Muttersprache, die ihm abhandengekommen ist, und die neue Sprache, in der er zu denken und leben gelernt hat. Schreibt über das Leben in der neuen Heimat, über Anpassung und Assimilierung, über Verlust und Erinnerung, Rassismus und Drogen. Und er schreibt über die erste Liebe, das erste Mal, da er sich vollkommen fühlte und sich selbst annahm.
 
Mit dem Brief an seine Mutter folgt er den Spuren seiner Identität, derer er sich Wort für Wort selbstvergewissert. Wie ein Mosaik setzt er sich Buchstabe für Buchstabe selbst zusammen, bis er ein Bild von sich in den Händen hält, in dem er sich wiederfindet. Und so schreibt er sich sein Leben von der Seele - und findet in der Sprache ein neues.
 
Denn diese ist es auch, die den Roman hervorhebt. Die Sprache ist so kraftvoll und zugleich feinfühlig, melancholisch und doch voller Sprachwitz, poetisch und bildhaft, voller Energie und Eleganz. Dass Ocean Vuong Lyriker ist, fällt einem gleich nach den ersten Sätzen auf. Und so braucht man erstmal eine Weile, bis man in die Sprache des Romans findet. Wenn man sich aber schließlich auf ihre Bildhaftigkeit und Nuancen einlässt, wird man geradezu durch die Geschichte getragen. Durch sie entsteht ein Flickenteppich aus zahlreichen Themen, die der Roman streift. Fragmente, die wie Verse in einem Gedicht schillern.
 
Allerdings gleitet diese Virtuosität in manchen Fällen auch ins Pathetische ab. An einigen Stellen sind mir die Bilder doch zu larmoyant und die Geschichte zu schleppend, so dass ich die Begeisterungsstürme der Kritiken nicht ganz teilen kann, die diesen Roman als einen der wichtigsten der letzten Jahre bezeichnen. Fraglos ist es jedoch ein außergewöhnlicher Roman, der durch sein Sprachgefühl heraussticht. Ein Sprachgefühl, das man nur selten findet.
 

 

 

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

Roman, aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag

Hardcover, 240 Seiten

Hanser, Berlin 2019

...liest gerade "Vater Unser" von Angela Lehner

Eva ist redselig. Sie ist klug, intelligent, jung und nervig.
Und vor allem ist sie eins: in der Psychiatrie.

Der Roman beginnt mir ihrer Einlieferung in das Otto-Wagner-Spital in Wien. In den Sitzungen mit ihrem behandelnen Arzt Doktor Korb werden nach und nach Bruchstücke ihrer Kindheit zutage gefördert. Sie gibt zu, dass sie und ihr Bruder vom Vater vergewaltigt worden seien, und sie deshalb eine Kindergartengruppe erschossen habe. Doch bei ihren Aussagen zeigt sie keinerlei Gefühlsregungen, sondern redet flappsig daher und nimmt kein Blatt vor den Mund. Kann man ihr also trauen?

In den Therapiestunden wird schnell klar, dass Eva eine notorische Lügnerin ist. Sie erfindet Geschichten, um ein Bild von sich zu stricken, einen Schutzmantel, hinter dem sie sich versteckt. Und so liegt der wahre Grund ihrer Einweisung wohl in dem Versuch, ihrem Bruder näher zu kommen, der in derselben Klinik wegen seiner Magersüchtigkeit therapiert wird. Sie sucht seine Nähe, will den abgebrochenen Kontakt zu ihm wieder aufnehmen. Doch der Bruder weist sie schroff ab, ist genervt und will nichts mit ihr zu tun haben.

Als schließlich auch noch die Mutter hinzukommt, verwandelt sich die Therapie in eine Familiensitzung. An allem, was diese Familie belastet, gibt Eva dem Vater die Schuld. Der Vater, der sie verlassen hat und eine neue Familie gründete, während Mutter und Kinder dem Untergang entgegen fielen. Und so macht Eva sich eines Tages auf, ihn zu töten. Sie will Rache. Doch statt Genugtuung findet sie die Wahrheit und steht plötzlich vor dem Trauma ihrer Kindheit.

Gute Kritiken führten den Roman bis auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Vor einigen Tagen wurde Angela Lehner dann mit dem Debütpreis des Österreichischen Buchpreises ausgezeichnet. Und wie der Schutzumschlag verrät, würde Joachim Meyerhoff diese Eva sogar am liebsten immerzu würgen und küssen, denn sie geht ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Lobeshymnen, die ich nur schwerlich teilen kann. Natürlich sind manche Szenen witzig gestaltet und man fragt sich als Leser, was denn mit dieser Protagonistin eigentlich nicht stimmt. Doch auf Dauer nervt nicht nur Eva, sondern auch die Lektüre. Von Anfang an versteht man, dass sie nur Geschichten spinnt, um von einem unverarbeiteten Trauma abzulenken, das in ihr schwelt. Aus Selbstschutz tischt sie sich und ihren Mitmenschen deswegen fortwährend Lügen auf. Allerdings wird man dabei kaum auf falsche Fährten gelockt, wie viele Kritiker behaupten, sondern man durchschaut ihr Spiel nach wenigen Seiten. Der Reiz des Themas, von dem ich mir viel mehr erhofft hatte, dieses Spiel von Illusion und Wirklichkeit, von einem unzuverlässigen Erzähler, verlor so schnell an Sogkraft. Zurück bleibt so ein Roman, der die Psyche einer Familie zu beleuchten versucht, doch durch Komposition und Audruck auf der Oberfläche verweilt.

 

 

 

Angela Lehner: Vater Unser

Roman

Hardcover, 284 Seiten

Hanser, Berlin 2019

...liest gerade "Kafka am Strand" von Haruki Murakami

Kafka Tamura ist gerade 15 Jahre alt geworden, da verlässt er sein Zuhause und begibt sich auf eine Reise. Er flieht vor der Prophezeiung seines Vater, die schwer auf ihm lastet, und möchte am liebsten in einer Bibliothek leben. Als er den Ort seiner Sehnsucht findet, trifft er nicht nur auf eine Bücherwelt, sondern auch auf die Frau seiner Träume. Die alternde Inhaberin der Bibliothek übt eine seltsame Aura auf ihn aus und erscheint ihm des Nachts als schmachtende 15jährige, die um ihre verlorene Liebe trauert. Irgendwann befällt Kafka eine dunkle Ahnung. Fühlt er sich so zu ihr hingezogen, weil sie seine Mutter ist?

 

Nakata hingegen, ein einfältiger, älterer Mann, sucht im Auftrag ihrer Herrchen entlaufene Katzen. Durch einen außergewöhlichen Vorfall in seiner Kindheit hat er zwar irreparable kognitive Schäden erlitten, beherrscht seitdem aber die Katzensprache. Als er eines Tages auf die Fährte eines Katzenmörders stößt und gezwungen wird, einen Mord zu begehen, flieht auch er. Er weiß selbst nicht wohin, aber eine Kraft treibt ihn an, treibt ihn immer weiter, als müsste er etwas erledigen. Nur was?

 

Gewohnt surreal verstrickt Murakami in seinem Roman zwei Handlungsstränge miteinander, die in einer Neuerzählung des Ödipuskomplexes gipfeln. Spannung entsteht durch die omnipräsente Frage, was hier eigentlich Traum und was Wirklichkeit ist. Oder ist alles nur Metapher? Nur Allegorie?

 

Ich muss zugeben, dass es mein erster Roman von Murakami war. Und er hinterlässt ein zwiegespaltenes Gefühl. Einerseits war die surreale Erzählweise erfrischend und interessant. Zudem baut sich durch die zwei ineinander verworrenen Handlungsfäden eine Spannung auf, die man als Leser zu entwirren versucht. Auf der anderen Seite nervte mich der infantile Sprachstil auf Dauer gewaltig. Auch die Weisheiten, die sich im Roman finden, gleichen eher Plattitüden, die man wahrscheinlich reifer bei Paolo Coelho finden könnte. Und was der große Namenspatron Franz Kafka mit dem Protagonisten zu tun hat, außer dass dieser sich gezielt nach jenem benennt, da er ein paar seiner Geschichten mag, bleibt mir ebenso ein Rätsel, wie vieles andere, was in dem Roman geschieht.

 

Aber vielleicht ist genau das wiederrum das Besondere des Romans, weil er ist wie das Leben. Auch das geschieht meist ohne Sinn, einfach so, ohne je eine Antwort auf die Frage nach dem Warum zu erhalten.

 

 

 

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Roman

Taschenbuch, 640 Seiten

btb, München 2006

(Erstausgabe: DuMont Literatur- und Kunstverlag, Köln 2004)

...hört gerade Anke Stellling zu

Gestern war Anke Stelling zu Gast im Literaturhaus Freiburg und las aus ihrem preisgekrönten Roman "Schäfchen im Trockenen".

 

Vor vollem Haus gab sie einen tiefen Einblick in die Midlife Crises der heutigen Mitvierziger, die plötzlich aufwachen und sind, wie sie niemals sein wollten - wie ihre Eltern.

 

Auf die Frage, ob ihr Roman denn ein Frauenroman sei, bejahte die Autorin schmunzelnd. Allerdings nicht in jenem Sinne, der von meist älteren Herren zur Diffamierung eines literarischen Textes genutzt wird und anhand dessen sie seichte Unterhaltungsliteratur von gehobener Literatur zu trennen versuchen. In ihrem Roman geht es vielmehr um eine weibliche Protagonistin, die sich auf Mutter, Tochter und andere Freundinnen bezieht und damit eine spezifisch weibliche Sicht auf die Gesellschaft zeichnet. Nebenbei entlarvt sie so ein ganzes Milieu, das sich in ihren engen Grenzen um Hausbau, Statussymbole und Familiengründung festgebissen hat.

 

Überragend - fand nicht nur das Publikum, das sich prächtig amüsierte, sondern auch die Jury des Leipziger Buchpreises, die die smarte und gewitzte Autorin Anfang des Jahres für ihr Werk auszeichnete.

 

 

 

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen

Roman

Hardcover, 272 Seiten

Verbrecher Verlag, Berlin 2018

...liest gerade "Faserland" von Christan Kracht

Noch eine Zigarette, noch ein Bier, noch ein wenig die Leute angaffen in ihren dekadenten Klamotten, noch ein paar oberflächliche Gespräche führen. Dann die nächste Zigarette, das nächste Bier, das nächste uninteressante Gespräch. Dann endlich weg, die Barbour Jacke schnappen und abhauen. Weiter in die nächste Stadt. Irgendwo einquartieren und erstmal eine Zigarette, dann einen Drink. Und wieder los zur nächsten Party, zur nächsten Zigarette, zum nächsten Bier, zu den nächsten uninteressanten Leuten und immer so weiter und immer so fort...

 

Krachts Roman ist ein witziges und zugleich tieftrauriges Gesellschaftspanorama der Schönen und Reichen in einer untergehenden Epoche. Unter ihnen der namenlose Protagonist, dessen innerer Monolog den Roman füllt und der innerhalb weniger Tage von Sylt über Hamburg, Frankfurt, Heidelberg und München bis nach Zürich gelangt. Überall gibt es die gleichen Partys mit den gleichen langweiligen Menschen. Drogen, Sex, Alkohol und Markenartikel sollen die Leere im Leben füllen, doch man sieht die Brüche, die sich über die Fassade legen und den Körper bald zum Bersten bringen.

 

In diesem Milieu gibt es keine Freundschaften, nur Bekanntschaften. Und wenn man alleine ist, weint man schon mal oder macht seinem Leben gleich ein Ende. Es ist ein Leben, das durch Überfluss zum Überdruss wird. Es ist der Ekel, der einen befällt, der ennui, der einen bestimmt.

 

Und so zeigt Kracht die Oberflächlichkeit der Welt auf, in der nichts heilig ist, sondern alles verloren scheint. Es ist ein witziger und zugleich tief deprimierender Roman, ein Klassiker der deutschen Gegenwartsliteratur und absolut lesenswert.

 

 

 

Christian Kracht: Faserland

Roman

Taschenbuch, 160 Seiten

dtv, München 2002

(Erstausgabe: Kiepenheuer und Witsch, Köln 1995)

...liest gerade "América" von T.C.Boyle

Als Delaney den Canyon hinaufkurvt, geschieht es. Aus dem Busch am Wegesrand springt eine dunkle Gestalt vor seinen Wagen. Delaney kann nicht mehr ausweichen - es gibt einen dumpfen Knall und das Auto kommt zum Stehen. Unter Schock steigt er aus und findet einen schwerverletzten Mann im Graben liegen. Er will den Krankenwagen rufen, doch der Mann winkt ab und bäumt sich unter Schmerzen wieder auf. Um sein Gewissen zu beruhigen, drückt Delaney ihm 20 Dollar in die Hand und verschwindet. Auch der Mann wankt davon - blutüberströmt. Er will so wenig Aufmerksamkeit wie möglich provozieren, denn er ist Ausländer. Mexikaner. Ein Mensch zweiter Klasse.

 

Mit diesem Unfall beginnt der Roman, in dem anhand wechselnder Perspektiven die Lebenswirklichkeiten zweier Einwohner Kaliforniens kontrastiert werden. Da stehen auf der einen Seite Delaney und seine Frau, die über den Dächern von Los Angeles leben, in einem abgeschirmten Villenviertel auf den Hügeln im Hinterland. Sie geben sich weltoffen, umweltbewusst, liberal und achten penibel auf die Ernährung ihres Kindes. Auf der anderen Seite stehen Cándido und seine junge Frau, zwei illegale Immigranten aus Mexiko, die in den Canyons wie Hunde hausen und ums Überleben kämpfen, indem sie ihre Arbeitskraft für wenige Dollar zur Verfügung stellen. Sie hoffen auf eine bessere Zukunft und werden doch nur ausgebeutet und fortgewünscht.

 

Obwohl schon 1995 geschrieben, hat der Roman nichts an seiner Aktualität und Brisanz eingebüßt. Es geht um Migration und Flüchtlinge, Rassismus und Abschottung, das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich, täglichen Überlebenskampf und slavereiähnliche Ausbeutung und natürlich - Donald Trump lässt grüßen - auch um die Mauer. Durch den klug inszenierten Perspektivwechsel wirken dabei die Probleme der Reichen wie Hohn im Leben der Armen. Auch die Doppelmoral der Oberschicht tritt zutage, denn einerseits fühlen die Bürger mit den "armen Schweinen", andererseits profitieren sie von der billigen Arbeitskraft der Migranten und fühlen sich zunehmend bedroht von den Fremden, die ihre Umgebung bevölkern. Zum Ende hin treibt Boyle das Szenario immer weiter auf die Spitze, so dass man sich eines Grinsens nicht erwehren kann. Als zum Schluss auch noch die Natur zuschlägt, überstürzen sich die Ereignisse.

 

"América" ist ein witziger, unterhaltsamer, dennoch ernster und politischer Roman, der die Auswirkungen und Probleme der Migration mit viel Sarkasmus aufzeigt.

 

 

 

T.C. Boyle: América

Roman, übersetzt von Werner Richter

Taschenbuch, 398 Seiten

dtv, München 1998

...hört gerade Andreas Speit zu

Diese Woche war Andreas Speit zu Gast in Freiburg. Der Journalist und Rechtsextremismusexperte stellte sein Buch "Das Netzwerk der Identitären. Ideologien und Aktionen der Neuen Rechten" vor.

 

In der überfüllten Jos Fritz Buchhandlung hielt er einen eindrücklichen Vortrag über die Gefahren der Neuen Rechten, die mit medial aufgearbeiteten Aktionen auf sich aufmerksam machen und in die Mitte der Gesellschaft drängen. Zudem zeigte er Verzahnungen zu anderen völkischen und rechten Gruppierungen als auch zur AfD auf, beleuchtete die Rollen der Medien als PR-Maschine und gab tiefe Eindrücke in die Strukturen neurechten Denkens, in ihre von linken und grünen Aktivisten übernommenen Auftritte sowie in ihre Sprache.

 

Dabei kommt heutzutage eine Diskursverschiebung zum Tragen, so Speit, die bereits in den 90er Jahren ihren Anfang nahm, so dass sich die Neue Rechte als Opfer einer rotgrünversifften Meinungsdiktatur und als Widerstand gegen Umvolkung und Zensur gebären kann, die das Ende der Schulddebatte (Stichwort: Fliegenschiss) fordere. Zudem streben sie das Ende einer Konsensform an, das Ende der "Party" und eine vollkommen andere Sprache - unverhohlen antidemokratische Aussagen. Und so verwundert es auch nicht, dass sie sich dazu entscheiden, Wölfe zu sein, Wölfe, die unter die Schafe kommen sollen, um endlich aufzuräumen, die Demokratie abzuschaffen, Andersdenkende auszugrenzen und Migranten (angefangen bei den ersten Gastarbeitern und ihren Nachkommen) zurückzuschicken.

 

Es war ein interessanter Vortrag, der die Dringlichkeit des Problems aufgezeigt hat, in das unsere Gesellschaft ungetrübt hineinspaziert.

 

 

 

Andreas Speit: Das Netzwerk der Identitären

Sachbuch

Broschur, 264 Seiten

Ch. Links Verlag, Berlin 2018

...liest gerade "Max, Mischa und die Tet-Offensive" von Johan Harstad

"Ich werde von jedem von euch erzählen. Denn ich schreibe das alles für euch, für uns, für mich. Ich schreibe es, bevor es mir abhandenkommt, wie es auch vielleicht längst abhandengekommen ist."

 

So beginnt der Erzähler seine ausschweifende Lebensgeschichte, die er um jeden Preis festhalten möchte, bevor sich der Schleier der Vergessenheit wie ein Leichentuch über sie legt und sein ganzes Leben damit in die Bedeutungslosigkeit reißt.

 

Max ist Norweger und wird Ende der 70er Jahre in Stavanger geboren. Seine Eltern sympathisieren mit dem Kommunismus, wodurch er schon in seiner Kindheit als Außenseiter gilt. "Apocalypse Now" von Francis Ford Coppola stellt schließlich sein Erweckungserlebnis dar und fortan gibt es nicht Schöneres für den Jungen, als den Kampf gegen die Imperialisten nachzuspielen. Doch dann zerbricht seine Welt und mit ihm geht sein Glaube unter. Als der Vater ein lukratives Angebot als Pilot aus den USA erhält, ziehen sie in das Land der dereinst verhassten Unterdrücker. Der Teenager versteht das Leben nicht mehr, verliert sich und verschließt sich der Außenwelt. Erst zwei Begegnungen reißen ihn aus der Einsamkeit. Er trifft auf Mordecai, der ganze Dialoge von "Apocalypse Now" rezitieren kann, und als er wenig später auch noch Mischa kennen und lieben lernt, eine sieben Jahre ältere Künstlerin am Anfang ihrer Karriere, verästeln sich die drei Leben immer mehr ineinander. Sie spenden sich Halt in einer zunehmend unüberschaubareren Welt und über zwanzig Jahre erleben sie Höhen und Tiefen, trennen und finden sich wieder, und kreisen dabei stets um eines - um das Verhältnis von Heimat und Kunst.

 

Der Roman ist nichts weniger als ein Abriss unserer Zeitgeschichte der letzten 50 Jahre. Kollektive (meist amerikanische) Erinnerungen - von Vietnam über das Ende des Kalten Krieges, hin zu 9/11 und der Finanzkrise bis zum Tropensturm Sandy - sind verflochten mit den Leben der drei Protagonisten, ihren Erfolgen und Tragödien. Dabei wirft der Roman eine Vielzahl an Themen auf, wirbelt sie durcheinander, reflektiert und spiegelt sie und stellt dadurch das Lebensgefühl einer ganzen Generation heraus. Kapitalismus und Sozialismus, Auswanderung und Heimatlosigkeit, Freundschaft und Liebe, Sinnsuche und Identität sind nur einige Beispiele aus der endlos scheinenden Themenvielfalt dieses weitschweifigen Panoramas. Im Mittelpunkt stehen jedoch Kunst und Kultur, denn nicht nur Mischa feiert Erfolge als Künstlerin, sondern auch Mordecai, der ein gefeierter Schauspieler wird, und Max, der Ich-Erzähler, Regisseur und Dramatiker.

 

Johan Harstad hat der Generation Pop mit seinem Roman ein Denkmal gesetzt, ein zugegebenermaßen - mit über 1200 Seiten - sehr langes und mehr als ausuferndes Denkmal, das an manchen Stellen durch zu viel Detailverliebtheit und Langatmigkeit Risse aufweist. Dennoch ist es ein intelligenter, scharfsinniger, unterhaltsamer Roman, der trotz des desillusionierenden und melancholischen Erzähltons witzig und berauschend ist.

 

 

 

Johan Harstad: Max, Mischa und die Tet-Offensive

Roman, übersetzt von Ursel Allenstein

gebunden, 1248 Seiten

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2019

...liest gerade "Mogador" von Martin Mosebach

Die Vorladung aufs Polizeipräsidium war zu viel. Er sieht nur einen Ausweg - er muss fliehen. Fliehen vor dem Arm der Justiz, der bereits nach ihm greift. Fliehen vor den Journalisten, die auf ihn warten und wolllüstig danach trachten, ihn zu zerschreiben. Fliehen vor seinem schlechten Gewissen, das tief in ihm nagt und sich immer energischer in ihn hineinbohrt.
Fliehen ins Ungewisse.

 

Patrick Elff ist jung, doch hat die Karriereleiter schon weit erklommen. Als Abteilungsleiter einer Bank hat er einen steilen Aufstieg hinter sich und könnte ein sorgenfreies Leben genießen. Doch der Selbstmord einer seiner Mitarbeiter wirft Fragen auf. Fragen, die er nicht beantworten kann - oder will. Und so springt er aus dem Fenster des Polizeipräsidiums und lässt von einem auf den anderen Augenblick alles zurück: seinen hochdekorierten Job, seine Ehefrau, sein bisheriges Leben.

 

Marokko ist sein Ziel, wo er einen einflussreichen und gut situierten Geschäftspartner zu finden hofft, für den er vor einigen Jahren ein dubioses Geschäft getätigt hat. Doch vor Ort wird er in eine Welt gezogen, die unter dem Schleier der Sittsamkeit ihren Sündenpfuhl versteckt. Zwischen Religion und Aberglaube, zwischen Huren und Magiern, mitten in einer archaischen und scheinbar vormodernen Zeit begibt er sich auf eine Reise, die sein Leben ins Wanken bringt.

 

Martin Mosebach hat einen verblüffenden Roman geschrieben. Durch die poetische Sprache taucht man tief in die Zauberwelt und den Alltag Marokkos ein. Dabei changiert die Geschichte zwischen den Genres. Was als (Wirtschafts-)Krimi beginnt, blüht immer mehr zum Märchen auf, in dem Realität und Fantasie zusehends ineinander fließen. Ein besonderer Kniff zu Zeiten endloser Flüchtlingsdebatten ist zudem die umgekehrte Fluchtbewegung, bei der die wirtschaftlichen Vorzeichen verkehrt wurden.

 

 

 

Martin Mosebach: Mogador

Roman

gebunden, 368 Seiten

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2016