- Tagebuch -


...liest gerade "Bruder und Schwester Lenobel" von Michael Köhlmeier

Was für ein Auftakt in das Lesejahr 2019!

 

"Ich habe mich immer bemüht, der zu sein, der ich bin. Und habe mir trotzdem nicht die Frage gestellt: Wer bin ich?"

 

Der Wiener Psychiater und Psychoanalytiker Robert Lenobel ist plötzlich verschwunden. Seine Frau Hanna bitte Roberts Schwester Jetti, sofort zu ihr zu kommen. Als sie eintrifft, entspinnt sich nach und nach, meist in Erinnerungen, eine Familiengeschichte, die um Selbstlügen und Identitätsprobleme, Sinnkrisen und Befangenheiten kreist. Jeder der drei Protagonisten, alle um die 50 Jahre alt und eigentlich gut aufgestellt, befindet sich auf einer Suche. Auf der Suche nach Liebe, nach Sinn und besonders nach dem eigenen Ich in einem Leben zwischen Verpflichtungen und Wünschen.

 

Märchen, die die enorme Themenvielfalt des Romans umreißen, sind den Kapiteln vorangestellt. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, so dass sich die einzelnen Lebensentwürfe nach und nach zusammensetzen. Doch letztlich entsteht kein Ganzes, denn allesamt bestehen sie aus lauter Brüchen, die nicht gekittet werden können.

 

"Ich war nie, ich war immer nur gewesen."

 

Dieser Roman ist einzigartig. Er ist nicht nur mitreißend und in einer klaren, poetischen Sprache geschrieben. Köhlmeier versteht es anhand literarischer Finessen, den Leser unbemerkt in ein dichtes Netz zu spannen. Der Roman ist zudem auch höchst intellektuell. Die großen Themen der Psychoanalyse und Philosophie werden wie nebenbei aufgeworfen, die Frage nach dem Sein, dem Sinn, dem Leben, dem Ich zwischen Über-Ich und Es und vielem mehr.

 

"Bruder und Schwester Lenobel" ist ein absoluter Lesegenuss, der noch lange nachwirkt. Schon jetzt ein Highlight dieses Jahres!

 

 

Michael Köhlmeier: Bruder und Schwester Lenobel

Roman

gebunden, 544 Seiten

München, Carl Hanser Verlag 2018

...liest gerade "Die Einsamkeit der Primzahlen" von Paolo Giordano

Was für ein fantastischer Roman!

 

Wie zwei Primzahlenpaare schwirren Mattia und Alice ein Leben lang umeinander her, sind sich nah und finden doch nie zusammen. Stets steht etwas zwischen ihnen, trennt sie, genauso wie eine Zahl die Primzahlenpaare voneinander scheidet (11/13, 17/19, 41/43 usw.).

 

Beide erleben in ihrer Kindheit einen Tag, der ihr Leben verändert, einen Moment, der ihnen des Rest des Lebens eine Bürde auflädt, die sie niederdrückt. Sie werden zu Außenseitern, flüchten in die Einsamkeit. Mattia entwickelt zunehmend autistische Züge und stürzt sich auf seine Insel, die Mathematik. Alice entwickelt eine krankhafte Magersucht, durch die sie hofft, mehr und mehr zu verschwinden.

 

 

„Er lehnte die Welt ab, sie fühlte sich von der Welt abgelehnt.“

 

Langsam laufen die Geschichten aufeinander zu, umspielen sich und gehen endlich ein paar Schritte gemeinsam, nur um sich schließlich wieder zu verlieren. Denn obwohl da dieses Band ist, das sie aneinander schweißt - in Gedanken, in Gefühlen - finden und finden sie sich nicht.

 

Es ist eine eindringliche, melancholische Geschichte, die Giordano hier erzählt, so ruhig und doch so schwer beladen. So melancholisch, so romantisch und herzzerreißend, und doch ohne Kitsch und Klischees.

 

Diesen Roman muss man einfach lesen!

 

 

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen

Roman, aus dem Italienischen von Bruno Genzler

Taschenbuch, 368 Seiten

rororo 2017

...liest gerade "Wie hoch die Wasser steigen" von Anja Kampmann

Sie sind Freunde, ein ungleiches Paar zwar, dieser Matyás und Waclaw, doch sie halten zusammen. Seit Jahren arbeiten sie gemeinsam auf Ölplattformen, bohren im Meer vor Mexiko genauso wie vor Spanien. Sie spenden sich Halt in einer rauen Welt, die sich anscheinend vor beiden verschließt.


Als Matyás plötzlich verschwindet, mitten auf der Plattform, gibt es nur eine furchtbare Erklärung: Das Meer muss ihn verschluckt haben. Fortan ist für Waclaw nichts mehr, wie es war. Er schmeißt den Job, irrt durch halb Europa, getrieben und ruhelos, bis in seine alte Heimat mitten im Ruhrgebiet. Er begibt sich auf eine Suche. Nur wonach? Nach seiner Vergangenheit? Nach Halt? Nach Sinn? Nach Milena?

 

Kampmann hat dieses Jahr ihr Prosadebüt vorgelegt, ein Roman, zersetzt von Melancholie und Schwere. Denn was macht man, wenn man nirgends mehr Halt findet in dieser Welt, wenn alles weggespült scheint, was einen hielt, was einen band? Was macht man, wenn man nirgends mehr hin zurück kann, sondern alle Wege gekappt sind? Wenn es soetwas wie Heimat nicht (mehr) gibt?

 

Besonders der sachliche, sterile und unsentimentale Ton, der trotzdem poetisch wirkt, wird hochgelobt und so wurde der Roman auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

 

Doch manchmal findet man einfach nicht in eine Geschichte hinein. Nicht in die Personen, nicht in die Handlung, nicht in den Erzählton. Und so erging es mir mit diesem Roman. Der bildhaften Vergleiche waren für mich zu zahlreich, der Erzählton zu holprig, zu steril, die Geschichte zu sprunghaft, die Schwere zu bleiern, die Handlung zu arm.

 

Und so sind Geschmäcker denn anscheinend doch verschieden.

 

 

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Roman

Gebunden, 352 Seiten

München: Hanser Verlag 2018

...liest gerade "Der Kult" von Marlon James

In dem kleinen Dorf Gibbeah ist ein Krieg ausgebrochen. Ein Kampf zwischen Gut und Böse. Zwei selbsternannte Gottesmänner ringen um die Macht und die Menschen. Aber wer ist hier eigentlich gut und wer ist böse?

 

Marlon James hat mich im letzten Jahr mit seinem Roman "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" verzaubert. Dieses Jahr wurde sein Debüt neu aufgelegt und man erkennt auch hier schon die Kraft seiner poetischen Worte.

 

Doch dieser Roman ist anders. Es ist ein seltsames Dorf, dieses Gibbeah, mit seltsamen Vorgängen. Ein bildreicher Kampf wird aufgeführt, beinahe filmisch in Szene gesetzt, mit teilweise derben Worten und Handlungen, die einen den Magen umstülpen. Die Gesellschaft pendelt irgendwo zwischen archaisch-barbarisch und bibelfromm und schlägt immert wieder zu einer Seite aus. Zudem wird sie durchsetzt von Wundern und Magie, die sich scheinbar alltäglich ereignen.

 

Es ist beinahe magischer Realismus, den Marlon James hier heraufbeschwört. Und dennoch durchleuchtet er zwischen den Zeilen auch aktuelle Themen, besonders den Fanatismus, der durch Worte entzündet werden kann und im Namen der Religionen geheiligt wird. Es geht um die Verführbarkeit von Massen, um Aufwiegelung und Verblendung, deren Kräfte sich in Gewaltorgien entladen können.

 

Vielleicht nicht für jedermanns Geschmack geeignet, ist der Roman dennoch einzigartig in seinem bildreichen Feuerwerk.

 

 

Marlon James: Der Kult

Roman

Gebunden, 288 Seiten

München: Wilhelm Heyne Verlag 2018

...liest gerade "Sommerfrauen, Winterfrauen" von Chris Kraus

Es ist 1996, das Ende des Jahrtausends. Jonas, Student bei dem berühmten Regisseur Lila von Dornbusch, soll einen Film über Sex drehen, ausgerechnet in New York, diesem Sündenpfuhl, diesem Moloch, das einen verschlingt. An der Lower Eastside, schlimmer als alle Vortortghettos Berlins zusammen, findet er bei dem Messi und Professor Jeremiah Fulton Unterschlupf. Für seine Recherche und Dreharbeiten wird ihm vom Goethe Institut die bezaubernde Nele zur Seite gestellt. Doch anstatt einen Film über Sex zu drehen, kommt Jonas der Geschichte seiner eigenen Familie auf die Spur. Und die birgt dunkle Geheimnisse.

 

Man merkt, dass in Chris Kraus ein Regisseur steckt, denn der Roman kommt selbst wie ein Film daher. Die skurilen Charaktere, denen Jonas in New York begegnet, suchen an Lebendigkeit und Originalität ihresgleichen und sind vielleicht am ehesten mit denen T.C. Boyles zu vergleichen. Dazu gibt es filmische Zitate und Anspielungen zuhauf.

 

Mit "Sommerfrauen, Winterfrauen" ist Kraus ein unterhaltsamer Roman über die Liebe geglückt, über das ausgehende letzte Jahrtausend, über Schuld und Moral. Es ist ein witziger und scharfsinniger Roman mit einem unsäglichen Kern, um den alles kreist. Denn natürlich geht es wie in seinem letzten Roman auch über die Nazizeit und die Frage nach Verantwortung und Vererbung. Und auch wenn dieser neue Roman überzeugen kann, so steht er doch im Schatten seines großen Bruders, den ich im letzten Jahr als Roman des Jahres deklarierte: "Das kalte Blut".

 

 

Chris Kraus: Sommerfrauen Winterfrauen

Roman

Gebunden, 416 Seiten

Zürich: Diogenes 2018

 

Mehr Informationen und eine Leseprobe auf der Webseite des Verlags

 

 

 

 

...liest gerade "Acht Berge" von Paolo Cognetti

Es ist die Erzählung einer Freundschaft, einer Freundschaft der wenigen Worte, einer Freundschaft verschiedener Lebenswege.

 

Pietro und Bruno lernen sich als Kinder in den Bergen der Alpen kennen, irgendwo zwischen der Schweiz und Italien. Pietros Eltern wohnen und arbeiten in Mailand, doch ziehen sich immer wieder zurück in die Idylle der Berge. Bruno hingegen lebt mit seiner Familie in ebendiesen Bergen, in einem Dorf, das mehr und mehr verfällt. Der eine wird studieren, Dokumentarfilmer werden und die Welt bereisen. Der andere wird für immer in den Bergen bleiben und versuchen, die Käserei seiner Eltern wieder aufzubauen. Nach Jahren treffen sie sich wieder. Pietro, weit gereist und gebildet, Bruno, tief verwurzelt und pragmatisch. Und auch wenn sie sich nicht viel zu sagen haben, schweißt sie das Band der Freundschaft zusammen.

 

Ein melacholischer und ruhiger Roman, der in seiner Schlichtheit die großen Fragen des Lebens aufwirft. Denn was ist wirklich wichtig im Leben?

 

 

Paolo Cognetti: Acht Berge

Roman, aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt

Gebunden, 256 Seiten

Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt 2018

 

Mehr Informationen und eine Leseprobe auf der Webseite des Verlags

 

 

 

 

...liest gerade "Dunkelgrün fast schwarz" von Mareike Fallwickl

Eine Geschichte über drei Jugendliche und eine Mutter, die in verschiedenen Abhängigkeiten zueinander stehen: Kontrolle, Manipulation, Zwang. Nach mehr als fünfzehn Jahren stehen sie sich wieder gegenüber und die Geheimnisse von damals werden ans Tageslicht gezerrt.

 

Auf vielen Blogs gehypt, habe ich dem Roman mit großer Spannung entgegengefiebert - und wurde schwer enttäuscht.

 

Zunächst: Das Besondere an dem Roman liegt in der Eigenschaft einer der Protagonisten. Moritz, ein schüchterner, zurüchhaltender, sensibler Junge ist Synästhet. Er verbindet Emotionen, Handlungen und Menschen mit verschiedenen Farben. Farben, die sich ihm aufdrängen, die ihn einnehmen. Eine schöne Idee - die leider im Roman viel zu nebensächlich behandelt wird und dadurch zu einer Randnote verkommt.

 

Der Rest ist leider nicht meins: eindimensionale Charaktere, die keinerlei Tiefe besitzen und über Jahrzehnte hinweg gleich agieren. Charaktere, die klare Eigenschaften zugeschrieben bekommen und diese den ganzen Roman über besetzen. Dialoge, die kaum Fett ansetzen und oft nur als Skelett ohne Fleisch daher kommen. Dazu Behauptungen, Behauptungen, Behauptungen; nichts wird gezeigt, alles nur erzählt. Schließlich mischen sich in den meist vorhersehbaren Plot auch einige seichte und abgedroschene Klischees und Stereotypen, die an Desperate Housewives und 50 Shades of Grey erinnern. Und am Ende wird alles alles gut.

 

Ich wollte den Roman wirklich mögen, weil ich Mareike Fallwickl als Bloggerin (Bücherwurmloch) sehr schätze, aber ich kann es nicht.
Für mich ist er leider eine große Enttäuschung.

 

 

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz

Roman

Gebunden, 480 Seiten

Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt 2018

 

Mehr Informationen und eine Leseprobe auf der Webseite des Verlags