What goes around, comes around - "American War" von Omar El Akkad

Die USA sind die unangefochtene Supermacht unserer Zeit. Ihr Militär ist unbezwingbar, ihre Wirtschaftskraft allen anderen Staaten überlegen, ihre Kultur kennt man bis in die letzten Ecken der Welt. Im Namen der Demokratie führen sie gerechte und ungerechte Kriege, kämpfen überall mit lauteren und unlauteren Mitteln. Seit dem ersten Weltkrieg haben sie die Vorherrschaft der Welt übernommen und spielen sie in allen Bereichen aus. America First! - Doch das ist Vergangenheit! Denn in Omar El Akkads Roman scheint alles auf die älteste Demokratie der Welt zurückzufallen und niemals mehr werden sie sein, was sie jetzt noch sind. Stattdessen steht ihr Untergang bevor!

Nichts ist mehr, wie es mal war. China und das Bouazizireich, ein arabisches Großreich, das sich von Marokko bis Afghanistan ausdehnt, haben längst die Führung in der Welt übernommen. Die USA taumeln spätestens seit dem Jahre 2075 am Abgrund. Aus der einstigen Weltmacht ist ein Bürgerkiegsland geworden, das zudem von Klimakatastrophen heimgesucht wird und in dem verschiedene Akteure um die Vormacht kämpfen.

 

Wie im Ersten Amerikanischen Bürgerkrieg verläuft auch dieses Mal die Front zwischen dem Norden und dem Süden. Die Südstaaten lehnen sich erneut gegen die Regierung auf, doch dieses Mal geht es nicht um Sklaverei, sondern um Öl. Wegen des Klimawandels hat die Welt fossile Rohstoffe geächtet und verboten. Daraufhin gründen die Südstaaten eine eigene Union, da sie am Öl festhalten wollen. Doch nicht nur die beiden Armeen stehen sich nun feindlich gegenüber. Angrenzende Staaten, aber auch weit entfernte Weltmächte begehren nun ebenso danach, einen Vorteil aus dem Krieg zu ziehen und ein Stück vom Kuchen abzubekommen.

 

Mitten in diesen Kriegswirren wird das Leben von Sarat verfolgt, ein unbedarftes, lebenslustiges Kind, das mit ihrer Familie im Süden lebt. Als der Krieg jedoch immer näher an sie heranrückt und der Vater bei einem Anschlag stirbt, muss sie mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihrem Bruder fliehen. In einem riesigen Flüchtlingscamp finden sie Unterschlumpf und verbingen dort acht Jahre in erbärmlichen Zuständen. Der Bruder wird erwachsen, tritt einer Rebellengruppe bei, die kleinere Anschläge verübt. Sarat hingegen lernt einen alten Mann kennen, mit dem sie viel Zeit verbringt. Sie merkt es nicht, doch er weiß sie zu indoktrinieren. Er flüstert ihr ein und sät Hass und Wut in ihr Herz, besonders auf "die Anderen" im Norden. Als das Camp überfallen wird und Sarat als eine der wenigen überlebt, geht in ihr die Saat auf. Sie radikalisiert sich und beantwortet die Gewalt mit extremer Gegengewalt. Das einst unbedarfte Kind wird zur Terroristin, wird zu einer Maschine. Und sie wird bis zum Äußersten gehen, um ihre Rache zu stillen.

 

 

WELT MIT VERKEHRTEN VORZEICHEN

 

Der Roman lässt sich als eine Allegorie der Gegenwart lesen, gespickt mit ein paar dystopischen Zukunftsvisionen. Denn dieses Mal sind es die USA, die im Krieg versinken und nicht zur Ruhe kommen. Ausländische Agenten befeuern den Krieg, um an Waffenexporten zu verdienen, Flüchtlingscamps sprießen aus dem Boden und drohen durch die Millionen Binnenflüchtlinge aus allen Nähten zu platzen, Selbstmordattentate zersetzen die Gesellschaft und spalten sie immer weiter. Wie konnte es soweit kommen?

 

Als die dritte Spekulationsblase platzte, rutschte die USA in eine tiefe Rezession. China und das Bouazizireich übernahmen die Führung der Welt. Doch auch der Klimawandel spielte eine große Rolle beim wortwörtlichen Untergang der USA. Klimakatastrophen haben die USA verwüstet. Das Meer hat ganze Landschaften verschluckt, Florida existiert nicht mehr, ebenso wenig wie die Küsten. Wüsten breiten sich aus, manche Tierarten sind längst ausgestorben. Klimaflüchtlinge gibt es zu Millionen, was die Gesellschaft strapaziert und noch mehr spaltet.

 

Denn die USA sind tief gespalten. Das Verbot von Öl entzündet schließlich den Krieg. Rasch zieht dieser das Interesse des Auslands auf sich und wird bald durch verschiedene Länder finanziert. Die mächtigen Staaten prangern zwar öffentlichkeitswirksam den Krieg an, aber ihre Agenten halten ihn am Leben und unterstützen beide Seiten, damit ihr Land am lukrativen Waffenhandel verdient und zur neuen Weltmacht aufsteigen kann. Dabei wechseln Koalitionen, innerhalb und außerhalb der USA, ganz wie die Umstände es erfordern. Jedes Mittel scheint recht, um sich zu behaupten.

Sezessionskrieg 1861-1865
Sezessionskrieg 1861-1865

Neben den beiden Armeen kämpfen auch verschiedene Rebellengruppen mit jeweils verschiedener Motivation. Auch sie werden durch das Ausland unterstützt und setzen sich aus Glücksuchenden, Flüchtlingen, Touristen, Racheengeln, Erlebnisgeilen und Überzeugten zusammen. Allerdings sind sie es auch, die sich um die Hinterbliebenen der Gefallen kümmern und dadurch Vertrauen schaffen, Vertrauen, auf das sie bei der Rekrutierung neuer Terroristen aufbauen können. Die Einflüsterer müssen die Wahrheit nur mit ein wenig Lüge mischen, schon schüren sie Wut und Hass und die nächsten Selbstmordattentäter stehen bereit.

 

Erscheint alles irgendwie vertraut? Das ist es auch. Der Hass und die endlose Gewaltspirale scheint die gleiche wie heute zu sein, allein die Vorzeichen haben sich geändert.

 

 

DOKUMENTE ALS HERAUSGEBERFIKTION

 

Der Roman ist eine Herausgeberfiktion und stellt Geschichtsbuch und Biographie in einem dar. Der Erzähler kam erst nach dem Krieg zur Welt und erforschte ihn Zeit seines Lebens als Professor. Seine Motivation ist es, über die Zerstörung zu erzählen und gegen die Geschichtsvergessenheit anzukämpfen, gegen den Zweifel an den Quellen, der anscheinend in seiner Zeit vorherrscht. Durch Einspielungen vermeintlicher non-fiktionaler Texte möchte er einen historischen Rückblick bieten. Und so stehen zwischen den biographischen Kapiteln, in denen er das Leben von Sarat erzählt, Auszüge aus anderen Sachbüchern und aus Memoiren großer Persönlichkeiten,  Artikel aus Zeitungen und Manifeste politischer Gruppen, protokollierte Zeugenaussagen und geschwärzte Briefe aus der Hinterlassenschaft von Folteropfern, zudem transkribierte Reden von Präsidenten, Tagebücher, Aktenvermerke u.v.m.

 

Erst all diese Auszüge zusammen ergeben das Gesellschaftsbild der Zeit zwischen 2075 und 2094, ein Panoptikum der Zustände, Gründe und des Verlaufs des Zweiten Amerikanischen Bürgerkrieges, der mit einer noch nie dagewesenen Katastrophe enden sollte.

 

 

 FAZIT

 

American War wurde in beinahe allen Kritiken gerühmt. Obwohl der Text manche Löcher nicht zu füllen weiß - so wird z.B. kein Wort über Technik oder das Internet verloren -, ist er ein Schlag ins Gesicht und erschüttert. Er ist nicht nur packend und spannend erzählt, er zieht einen nicht nur hinab in die Abgründe eines Krieges, in die Hoffnungslosigkeit, die Gewalt, die Korruption, die Trauer und Wut, den Hass, der wieder zu neuem Hass führt. Er hält vor allem der heutigen Zeit und besonders den heutigen USA den Spiegel vor. Zwar spielt die Geschichte in der Zukunft, aber so viele Parallelen und Verweise auf heutige und vergangene Zustände gibt es in dem Roman, dass es lange dauern würde, sie aufzulisten. Zu nennen seien hier nur die letzten Krieg in Aghanistan, im Irak, in Lybien und in Syrien, in die die USA mittelbar oder unmittelbar verflochten sind. El Akkad legt dabei das Augenmerk auf den ewigen Kreislauf der Gewalt, der nicht unterbrochen, sondern immer wieder befeuert wird. So zeigt der Roman eindrücklich, das Gewalt immer nur wieder Gegengewalt erzeugt. Jede neue Aktion zieht eine Gegenaktion nach sich, jeder Tote auf der einen Seite wird wiederum mit zwei Toten auf der anderen Seite vergolten.

 

Der Roman regt zum Nachdenken über die heutige Welt an, auch und besonders über den Kampf gegen den Terror, den Bush einst ausrief und der in den letzten 15 Jahren den Terror nicht tilgte, sondern durch die Gewaltspirale half, dass er explodierte.

 

Omar El Akkads Roman ist deswegen ausdrücklich zu empfehlen!

 

 

 

Omar El Akkad: American War

Roman, aus dem Amerikanischen übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié

Gebunden, 448 Seiten

Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag 2017

 

Mehr Informationen und eine Leseprobe auf der Webseite des Verlags

 

 

 

Bildnachweis: Bacons Military Map of America// Quelle: Planet Wissen

 

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