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...liest gerade "Die Klavierspielerin" von Elfriede Jelinek

Sie ist Klavierlehrerin, er ist ihr Schüler.
Nach und nach kommen sie sich näher, doch etwas steht zwischen ihnen, etwas, was nicht überwunden werden kann: Es ist ihre Mutter und all das, was sie in ihrer Tochter angerichtet hat.

 

Bereits als Kind wurde Erika Kohut von ihrer Mutter dazu ausersehen, eine Berühmtheit zu werden. Und so drillte sie das Kind dazu, Pianistin zu werden. Doch der große Erfolg blieb aus und so gibt sie zwar hin und wieder öffentliche Konzerte, verdient ihr Geld jedoch als Klavierlehrerin.

 

Viel schlimmer als die Erfolgslosigeit wiegt jedoch etwas anderes. Denn aus der emotionalen Kontrolle ihrer Mutter konnte sich Erika niemals lösen, auch nicht mit 36 Jahren. Immer noch lebt sie mit ihrer Mutter auf engstem Raum zusammen und hat dadurch eine fatale und abnormale Beziehung zu ihr entwickelt. Es ist eine Hassliebe, die Erika an die Mutter bindet. Sie ist eingeschnürt in Zwänge, aus denen sie nicht hinausfindet und die unterdrückte Gefühle evozieren, die sich gegen sie selbst richten. Als ihr eines Tages ein junger Schüler Avancen macht, überfordert sie das. Nur schüchtern lässt sie sich auf seine Annäherungsversuche ein. Doch dann bricht in ihr durch, was sich seit Jahren in ihr angestaut hat.

 

Mein erstes Buch von der Autorin und ich bin schockiert.
Schockiert, dass ich noch nie in den Genuss der sprachmächtigen Prosa Jelineks gekommen bin. Wunderbare Bilder geben sich die Hand und fließen ineinander über, ausgefeilte Assoziationen und Metaphern wechseln sich ab. Und auch wenn genau das die Lektüre anstrengend macht, so ist es doch ein Lesevergügen!

 

Wortgewaltig leuchtet der Roman die Geschichte einer misslichen Verbindung zwischen Bestrafung und Lust, zwischen Demütigung und Aufbegehren aus. Seit Kindesbeinen dressiert und kontrolliert entwickelt die Tochter ein abnormales Verhältnis zur Lust, das im Verlangen nach Bestrafung und Züchtigung mündet, in Sadomasochismus und Zerstörung. Dazu reflektiert der Roman kritisch Gesellschaft und Bürgertum, Rollenbilder und ihre Zuweisungen, jedoch nicht plakativ, sondern stets sarkastisch und amüsant, wenn auch zutiefst bedenklich.

 

 

 

Elfriede Jelinek: Die Klavierspielerin

Roman

Taschenbuch, 336 Seiten

rororo, Hamburg 1986 (1. Auflage)

...liest gerade "Schande" von J.M. Coetzee

Ein Literaturprofessor, der seine Studentin verführt.
Eine Anklage, die ihn die Stellung kostet.
Und ein Gewaltverbechen, das sein Leben verändern wird.

 

David Lurie lebt in Kapstadt. Tagsüber mimt er den Professor für Kommunikationswissenschaften, eine Arbeit, der er nur halbherzig nachgeht, da ihm nicht nur die faulen Studenten zuwider sind, sondern sein eigentlicher Fokus vielmehr auf der Literatur liegt. Abends und nachts vergnügt er sich mit Prostituierten, stellt ihnen nach, wenn sie nicht mehr an den berüchtigten Orten erscheinen, und belästigt sie. Eines Tages beginnt er eine Affäre mit einer Studentin. Halb gewollt, halb gezwungen gibt sie sich ihm hin. Durch Freund und Eltern kommt es zu einer Anzeige, die schnell Kollegen und Studenten gegen ihn aufbringt. Da er keinerlei Reue zeigt, obwohl er sich in allen Anklagepunkten schuldig bekennt, verliert er schließlich seinen Job.

 

Um Abstand zu gewinnen, fährt er aufs Land zu seiner Tochter. Sie lebt allein, nachdem sie sich von ihrer Freundin getrennt hat, und betreibt eine Farm. Nur Petrus, ein Angestellter des Hofes, lebt in nächster Nähe, ein wortkarger Mann, dem David aufgrund seiner Hautfarbe von Anfang an misstraut. Scheint der Aufenthalt anfangs noch idyllisch, gerät David plötzlich in eine Gewaltspirale, die sein Weltbild erschüttert und das Verhältnis zu seiner Tochter in die Knie zwingt. Verzweifelt steht er vor ihr und versteht sie nicht mehr, denn nach einem brutalen Überfall trifft sie immer mehr Entscheidungen, die er nicht nachvollziehen kann, und ordnet sich schließlich ihren Peinigern unter.

 

Schonungslos beschreibt Coetzee die immer noch anhaltenden und nun neueinsetzenden Missstände in Südafrika nach dem offiziellen Ende der Apartheid, beschreibt die Entwicklung des Landes, das sich nun andere Opfer sucht und doch beim gleichen Schema von Herr und Knecht bleibt, beschreibt den Hass, der sich zwischen den Menschen eingebrannt hat und nach Blut dürstet, und beschreibt letztlich einen Generationenkonflikt rund um das Erbe der Apartheid. Zudem spiegeln sich in den großen Themen, die der Roman beleuchtet - das Verhältnis zwischen Mann und Frau, zwischen Schwarz und Weiß, Vater und Tochter, Täter und Opfer - Ungnade und Schande (Originaltitel: "Disgrace") gegenseitig wider und skizzieren am Ende den Beginn von etwas Neuem, den Anfang einer neuen Epoche.

 

Ein beklemmender Roman vom Nobelpreisträger Coetzee, schwer verdaulich und ärgerlich, doch packend und interessant, geschrieben in einem beinahe lapidaren, lakonischen, auf jeden Fall sehr gradlinigen Stil, ausgezeichnet gar mit dem Booker Preis 1999. Lesenswert, aber beunruhigend und verstörend.

 

 

 

J. M. Coetzee, Schande

Roman, aus dem Englischen von Reinhild Böhnke

Taschenbuch, 288 Seiten

Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2001

...liest gerade "Für immer die Alpen" von Benjamin Quaderer

Johann Kaiser ist untergetaucht.
Im Zeugenschutzprogramm blickt er auf sein Leben zurück und dabei wird ihm eines klar: Wenn die Falschen ihn finden, ist seine Geschichte vorbei, bevor er sie zu Ende erzählt hat.

 

Johann Kaiser schreibt seine Memoiren. Er erzählt von seiner Kindheit in Liechtenstein, diesem kleinen Staat zwischen der Schweiz und Österreich, wo jeder jeden kennt, er erzählt vom frühen Verlust seiner Mutter, den er nicht wahrhaben will und auf deren Suche er sich Zeit seines Lebens befindet, und er erzählt von dem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater, der ihn mit solch Gleichgültigkeit behandelt, als wäre er nicht sein Sohn. Er erzählt von den Waisenhäusern, in denen er sein Dasein fristen musste, obwohl er bereits als Kind hoch veranlagt, wenn nicht sogar genial war.

 

Eines Tags findet er eine große Fürsprecherin, die ihn aus der Kälte der Heime herausholt. Es ist keine geringere als die Fürstin von Liechtenstein, die ihm eine angemessene Erziehung und ein sorgenfreieres Leben beschert. Allerdings wird genau diese Verzahnung mit dem Herrscherhaus die Grundsteinlegung für ebenjenes zwiespältige Verhältnis zur Heimat, das ihm zum Verhängnis wird.

 

Als die Fürstin stirbt, sucht er nach Halt in einer Welt, die ihm keinen Halt schenkt und irrt umher. Er versucht sein Umfeld zu bezirzen, prahlt, gibt sich als reicher Erbe aus, kauft Häuser und Yachten, bis er auf die Falschen stößt, die ihn nach Argentinien entführen, gefangenhalten und misshandeln. Nach seinem Martyrium will er Gerechtigkeit, die der Staat Liechtenstein ihm jedoch größtenteils verwehrt. Und als wäre es ein Wink des Schicksals, fallen ihm plötzlich die Steuersünderdatein Liechtensteins in die Hände, mit denen er seinem Wunsch nach Gerechtigkeit Nachdruck verleihen kann.

 

"Für immer die Alpen" ist wahrscheinlich das erstaunlichste Debüt, das ich jemals gelesen habe. Es ist die Lebensbeichte Johann Kaisers, der in der Verbannung lebt, einsam und verlassen, und nur weiter leben kann, solange er erzählt und so lange seine Geschichte weiter erzählt wird. Erzählt wird aber auch mit viel Fachwissen über den tatsächlichen Fall von Heinrich Kieber, dessen Lebensgeschichte den Grundstock der Erzählung bildet.

Es ist ein Hochstaplerroman, beinahe ein Schelmenroman, der mit allerlei literarischen Tricks spielt. So gibt es geschwärzte Passagen, Unmengen an Fußnoten, die mal mehr, mal weniger Sinn ergeben, EMails, doppelte Geschichten, synoptische Gegenüberstellungen, Auszüge aus Sachbüchern und vieles mehr. Dem Leser bietet sich während der Lektüre ein Sammelsurium an literarischen Einfällen, die die Literatur in ihrer ganzen Fülle neben stringend erzählten Welten zu bieten hat.

 

Der Roman ist witzig, schräg, verrückt, großartig und größenwahnsinnig. Er ist mutig und verspielt und von einer besonderen Leichtigkeit des Erzählens durchzogen. Ein Roman über Liechtenstein und seine Machenschaften. Ein Roman über die Literatur und ihre Möglichkeiten. Ein Roman über das Erzählen und dessen Sinn.

Vielleicht wiederholen sich manche Spielchen zu oft, vielleicht sind manche Stellen nicht ganz ausgefeilt, und trotzdem ist es für mich einer der großartigsten und ambitioniertesten Romane dieses Jahres!

 

 

 

Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen

Roman

Hardcover, 592 Seiten

Luchterhand Verlag, München 2020

Auf der Suche nach der verlorenen Gelassenheit

Heute aus der kleinen Bibliothek der Weltweisheit: Seneca.

Was kann man gegen diese Unruhe und Unrast, gegen diese Unzufriedenheit und Unausgeglichenheit im Leben machen?

Seneca stellte vor beinahe 2000 Jahren schon etliche Tipps auf, die in heutigen Lebensratgebern immer wieder als neuzeitliche Erkenntnis gepriesen und stets aufs Neue aufgelegt werden.

Er rät dazu, seine Begabung zu finden und daran festzuhalten, ohne Druck seinen Talenten nachzugehen, auf naheliegende und erreichbare Ziele hinzuarbeiten, sich aber auch Ruhepausen und Abwechslung hinzugeben. Zudem sollte man richtige Freunde wählen und negative Personen meiden. Ebenso ist es von Vorteil, wenig zu besitzen, Genügsamkeit zu lernen, im Hier und Jetzt zu leben und Vergänglichkeit und Tod zu akzeptieren. Man sollte Mut zu Veränderung aufbringen, da sich ohnehin alles stets im Wandel befindet. Und man sollte besser über die Dinge lachen als über sie zu jammern. Letzlich ist es besonders wichtig, Kraft und Freude aus sich selbst zu ziehen und sich nicht hinter einer Maske zu verstecken.

"Lernen wir, die Enthaltsamkeit zu steigern, der Genußsucht Schranken zu setzen, das Streben nach Anerkennung zu mäßigen, den Jähzorn zu dämpfen, die Armut gelassen zu betrachten, die Genügsamkeit in Ehren zu halten, auch wenn sich so mancher ihrer schämen wird, den natürlichen Bedürfnissen durch leicht zu beschaffende Mittel Befriedigung zu verschaffen, ungezügelte Hoffnungen und Einstellungen, die ständig auf Künftiges ausgerichtet ist, gleichsam in Fesseln zu halten und es dahin zu bringen, daß wir Reichtum mehr von uns selbst als vom Schicksal erwarten."

Vielleicht sollte man öfter in die klassischen Schriften der Philosophie eintauchen, um in die Erkenntnisse des Lebens einzublicken, die heute noch genauso aktuell sind wie damals.

 

 

 

Zum Gedenken an Paul Thomas Mann

Der Zauberer. Der Stilist. Der Ironist. Der Schriftsteller des Großbürgertums. Der raunende Beschwörer des Imperfekts. Der Nobelpreisträger. Der Exilant. Der Mythologe. Der Kämpfer gegen das Dritte Reich...

 

PAUL THOMAS MANN

 

Heute wird der 145. Geburtstag des Schriftstellers begangen, einer der größten und bedeutsamsten des letzten Jahrhunderts. In einer bewegten und von tiefen Umwälzungen beeinflussten Lebenszeit, die vom alten Kaiserreich über den 1. Weltkrieg, die Weimarer Republik und den 2. Weltkrieg bis in die Anfänge des Kalten Krieges reichte, lebte er ein durchaus bewegtes Leben, geprägt durch Großbürgertum, Zerrissenheit zwischen Künstlertum und Bürgerlichkeit, Verwerfungen mit seinem Bruder Heinrich angesichts seiner eigenen Treue für das Kaiserreich, Arrangement mit der ersten deutschen Demokratie, Flucht und Vertreibung durch die Barberei des Nationalsozialismus, Verlust der Heimat und Leben im Exil, Kampf gegen das Dritte Reich sowie geprägt durch eine große, zwischen Genie und Wahnsinn wankenden Familie, deren schmerzhaftester Höhepunkt sicherlich der Freitod des Sohnes Klaus darstellte.

 

Biographien, Filme, Dokumentationen gibt es zuhauf über Thomas Mann im Speziellen, als auch über die ganze Familie. In all den Annäherungen an den Mythos Thomas Mann, in all den Spekulationen über Homosexualität, Familienbande und politische Einstellungen bleibt seine literarische Leistung jedoch unvergessen, darunter besonders seine beiden Romane "Buddenbrooks", mit dessen Geschichte über den Verfall einer Kaufmannsfamilie er die Epoche des literarischen Realismus beschloss und für den er schließlich Jahre später den Nobelpreis erhielt, als auch "Der Zauberberg", dieses philosophische und politische Großwerk im Stile eines opulenten und ausschweifenden Bildungsromans. Unerwähnt bleiben darf natürlich auch nicht seine Novelle "Der Tod in Venedig", in der er seine Lieblingsthemen vereinte: Künstlerproblematik, Mythologie, Dekadenz und Tod.

 

Vor beinahe 10 Jahren schrieb ich meine Magisterarbeit allerdings über ein Spätwerk Thomas Manns. "Doktor Faustus" greift nicht nur den Faustmythos auf, den Pakt mit dem Teufel, um in Verzicht auf menschliche Wärme und Nähe unmenschliche Kreativität zu erlangen, sondern ist ebenso ein Epochen-, Gesellschafts-, Künstler- und vor allem Musikroman. Scharfsinnig, stilistisch brillant und ironisch gebrochen wird hier das Leben von Adrian Leverkühn erzählt, der - angelehnt an Nietzsche - an der Syphilis erkrankt und sein Leben der Kunst widmet.

 

Auch 145 Jahre nach seiner Geburt sowie 65 Jahre nach seinem Tod sind die Werke Thomas Manns immer noch eine literarische Reise wert, die ich nur jederfrau und jedermann empfehlen kann.

 

 

 

...liest gerade "Der Report der Magd" von Margaret Atwood

Der Präsident wurde erschossen - und mit ihm gleich der ganze Kongress.
Folgerichtig wird der Notstand ausgerufen und die Verfassung aufgehoben.
Nur wenige demonstrieren gegen die immer drastischeren Verfügungen und nur wenige lehnen sich auf, als schließlich auch die Rechte der Frauen beschnitten werden.
Und plötzlich ist die da - die Diktatur.

 

Desfred (im Original: Offred) ist 33 Jahre alt. Sie arbeitet als Magd bei einem Kommandaten. Da die Geburtenzahlen schon seit langem zurückgehen, vermutlich durch die erhöhte Radioaktivität in der Atmosphäre, besteht ihre einzige Aufgabe darin, Kinder zu bekommen. Und so soll sie dem Kommandaten einen Spross schenken. Beim zeremoniellen Akt legt sich die Ehefrau des Kommandanten hinter die Magd und hält sie fest, so dass jene symbolisch geschwängert wird und die Magd nur als Vermittlerin gilt, die das Kind des Ehepaares austragen soll.

 

Mädge gibt es viele in dieser schönen neuen Welt und sie alle führen ein karges Leben. Nach der Indoktrination durch sogenannte Tanten, die Vertrauenspersonen und (Um)Erzieherinnen in einem sind, sollen die jungen Frauen von Haus zu Haus geschickt werden und ihren Vorstehern Nachkömmlinge schenken. Beziehungen zu anderen Menschen sind ihnen verboten, überall lauern Wächter und Augen, die Gesetzesübertretungen ahnden. Als Abschreckungen dienen nicht nur die Kolonien, in denen die Verbannten unter lebensunwürdigen Bedingungen arbeiten müssen, sondern auch öffentliche Hinrichtungen.

 

Desfred lebt in einem diktatorischen Patriarchat, wenn auch nicht alle Männer über gleiche Rechte verfügen. Erinnerungen bestürmen sie manches Mal, Erinnerungen an das alte Leben, das Leben mit ihrer Mutter, mit ihrem Freund, mit ihrem Kind. Seit ihrem Fluchtversuch vor ein paar Jahren weiß sie nicht, wie es ihnen ergeht oder ob sie überhaupt noch leben. In ihrer ausweglosen Situation denkt sie darüber nach, sich das Leben zu nehmen. Doch dann bietet sich plötzlich unverhofft eine Gelegenheit, dem Albtraum zu entkommen. Fragt sich nur, ob sie die Chance nutzen wird.

 

Bereits 1985 erschienen, wird "Der Report der Magd" gerne mit "1984" von Orwell und "Brave New World" von Huxley in einem Atemzug genannt. Haben mich die ersten beiden Romane vor Jahren noch fasziniert, hat mich die Geschichte um Desfred nicht recht packen und berühren können. Womöglich ist es der Tasache geschuldet, dass ich Dystopien immer weniger abgewinnen kann, da sie einem immer gleichen Schema folgen. Die Charaktere waren mir auf jeden Fall zu blass, die Geschichte, besonders hinsichtlich des Gesellschaftsmodells, um das sich hier ja alles dreht, zu dürftig. Allerdings hat mich das Ende (hervorragend!) mit dem Roman versöhnt und die bohrenden Fragen nach Erzählhaltung und Absicht des Reportstils beruhigt.

 

Auch wenn ich nicht so begeistert bin, wie der große Rest der Leserschaft, ist der Roman nichtsdestotrotz eine gelungene Dystopie, die besonders durch den Fokus auf ein diktatorisches Patriarchat und damit auf die Unterdrückung der Frau leider nichts an ihrer Aktualität eingebüßt hat.

 

 

 

Margaret Atwood: Der Report der Magd

Roman

Taschenbuch, 416 Seiten

Piper Verlag, München 2017

...liest gerade "Allegro Pastell" von Leif Randt

Das ist die Geschichte von Tanja und Jerome, zweier Kinder der 80er Jahre.
Sie ist Autorin eines vielbeachteten Romans. Er ist Webdesigner.
Zusammen sind sie ein Paar, ein Paar, das sich liebt, ein Paar, das sich verliert.

 

Tanja lebt im hippen Berlin, fliegt zu Lesungen, geht auf Partys, nimmt hin und wieder Drogen, wenn auch nicht mehr so exzessiv wie früher einmal. Geleitet von hohen Idealen, verstößt sie nur allzu oft gegen sie, doch diesen Widerspruch findet sie normal.

 

Jerome hingegen lebt in Maintal, im alten Haus seiner Eltern, das er gekauft hat. Er liebt Ordnung und Struktur. Auch er geht noch auf Partys, doch auch sein Drogenkonsum hat mit den Jahren abgenommen. Tanja und Jerome führen eine Fernbeziehung, offen und liberal, in der jeder machen kann, was er möchte, eine Beziehung, in der die Grenzen nicht wirklich abgesteckt sind. Sie geben sich Raum, weil sie sich lieben und so läuft alles gut, bis irgendwann alles aus dem Ruder läuft.

 

Auf den ersten Blick ist es eine Liebesgeschichte, wie sie banaler nicht sein könnte. Und doch steckt viel mehr in diesem kurzen Roman, der gerade seine Runden durch sämtliche Blogs und Feuilletons dreht. Denn diese Erzählung versucht sich als Geschichte einer ganzen Generation aufzuspielen. Auch wenn natürlich keine stringente Homogenität innerhalb einer Generation vorherrscht, verbindet doch viele Menschen derselben Generation ein Gefühl oder ein Zustand, der sie und/oder ihr Umfeld geprägt hat.

 

Und so stehen hier die Kinder der 80er im Mittelpunkt, die sogenannte Generation Y ("Why"). In dieser gängigen Zuschreibung liegen bereits die Eigenschaften dieser Generation, die der Erzähler wunderbar und zugleich äußerst nervig nachzeichnet. Jedes Wort, jede Aktion, jede Bewegung wird hinterfragt, wird bis zur Unendlichkeit überdacht, analysiert, verglichen, bewertet und berechnet. Daraus entsteht eine Angewohnheit, die Angewohnheit, sich nicht richtig festlegen zu können, denn alles kann man auch von einem anderen Standpunkt aus betrachten. Man schwankt hin und her, möchte sich alles offen halten, denn man will nicht auf Genaueres festgelegt werden. Man kann sich nicht entschließen, denn immer wühlt der Gedanke im Kopf herum, dass noch eine bessere Chance im Leben kommen könne. Alles ist Allegro (italienisch: fröhlich, ausgelassen; oder in der Musik: schnell) und Pastell (zart, blass) zugleich.

 

Hier muss ich wirklich einmal gestehen: Die Lobeshymnen sind absolut berechtigt. Vielleicht berührt mich der Roman auch so sehr, weil er genau meine Generation nachzeichnet und ich mich selbst und andere nur zu gut in vielen Denkmustern wiedererkenne. Der Ton ist lässig und witzig, die Geschichte hingegen melancholisch und nervig aufgrund der Verhaltensweisen und Entscheidungen, die die Protagonisten treffen. Aber der Roman ist vor allem eines: absolut lesenswert!

 

Am Ende stellt sich mir eigentlich nur die Frage: Wer ist dieser Leif Randt? Warum habe ich noch nie etwas von ihm gehört?

 

 

 

Leif Randt: Allegro Pastell

Roman

Hardcover, 288 Seiten

Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2020

...liest gerade "Der Mann mit der Ledertasche" von Charles Bukowski

Vom Aushilfsbriefträger und Alkoholiker zum Romancier.

 

Henry Chinaski schlägt sich durchs Leben. Wechselnde Jobs, wechselnde Freundinnen, wechselndes Glück. Er lebt von der Hand in den Mund. Abends trinkt er sich beinahe bis zur Bewusstlosigkeit.

 

Dann beginnt er als Aushilfsbriefträger. In der Post wird er von den Vorgesetzten schickaniert, muss immer die schwierigsten und dreckigsten Routen übernehmen. Harter Arbeitsalltag und wenig Abwechslung kennzeichnen sein Leben. Mal steigt er aus, verdient Geld bei Pferderennen, mal heiratet er, doch immer wieder kehrt er zurück zur Post, der er nicht zu entkommen scheint und die ihn auffrisst. Eines Tages setzt er sich dann an seinen Tisch und schreibt sein Leben auf.

 

Zugegebenermaßen ist dies mein erster Roman von Bukowski. Geschildert wird das harte Leben des einfachen Mannes im so glorreichen Amerika, eines Menschen zweiter Klasse, der einer stumpfsinnigen Arbeit nachgehen muss und den Vorgesetzten ausgeliefert ist. In solch einem System zählt der Einzelne wenig, dafür herrschen Rassismus, Unterdrückung und Willkür vor.

 

"Der Mann mit der Ledertasche" ist zu einem modernen Klassiker geworden, witzig und erschreckend zugleich. Der Ton ist derb, grob, vulgär und flappsig. Und dennoch mangelt es nicht auch an feinfühligen Szenen, die hin und wieder mal aufleuchten. Was "Faserland" für die Bohème, ist dieser Roman für die Unterschicht - das Spiegelbild einer erniedrigten Gesellschaft, die sich durchschlagen muss.

 

Eine sehr kurzweilige Erzählung, die Lust auf mehr Bukowski macht.

 

 

 

Charles Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche

Roman

Taschenbuch, 208 Seiten

Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2004 (Erstausgabe 1971)

...liest gerade "Solenoid" von Mircea Cărtărescu

Sind es Träume? Sind es Halluzinationen?
Vielleicht Erinnerungen? Oder gar Psychosen?
Eine phantasmagorische Traumwelt bricht mit Gewalt in seinen Wachzustand ein. Die Wirklichkeit scheint zu fließen, unerklärliche Dinge ereignen sich. Das Leben will ihm etwas sagen, will ihn auf etwas stoßen, will ihm etwas zeigen.
Nur was?

 

Als Kind litt er an Tuberkulose, war rachitisch, schwächlich und blässlich. Als Außenseiter fand er Leben und Freude nur in der Literatur. Seitdem er seine Hoffnungen zu Grabe tragen musste, selbst Schriftsteller zu werden, irrt er durchs Leben, verdingt sich als Lehrer, indem er stumpfsinnige Kinder unterrichtet, und verirrt sich durch die Vororte Bukarests.

 

Sein Rückzugsort vor der prosaischen, verwirrenden Welt ist sein Haus, unter dem es wummert und brummt, denn in der Erde liegt ein Solenoid begraben. Vor dem Einschlafen schaut er sich Stücke seiner Vergangenheit an, die er in der Schublade seines Nachttisches sammelt, befremdliche Stücke eines früheren Lebens: Teile seiner Nabelschnur, die Zöpfe seiner Kindheit, die Reste seiner Milchzähne.

 

Seit den Träumen seiner Kindheit beherrscht ihn eine Unruhe, eine Unruhe hinsichtlich des Nichts, das hinter allem lauert. Er ist überspannt, neurotisch und sammelt die Teile seines früheren Ichs, als müsste er sich seiner selbst vergewissern. Nun schreibt er einen Bericht über die Anomalien, die sein Leben kennzeichnen, denn überall sieht er Zeichen und Hinweise. Es stellt sich allein die Frage: Wie soll er sie deuten?

 

Was für ein großartiges, geniales, wahnsinniges, grenzensprengendes Werk!

 

Mircea Cărtărescu versucht nichts weniger, als sich das Universum durch Sprache anzueignen. Essayistische Abhandlungen über das Leben und die Zeit, über die Milliarden Möglichkeiten jeden Augenblicks, über die Literatur und ihre Schattenseiten, über Bücher und ihre Macht, dazu ausführliche Biografien von Wissenschaftlern der Mathematik, Pathologie und Naturkunde, ebenso wie Gedankenexperimente, die einem den Boden unter den Füßen wegreißen und nur auf ein Ziel ausgerichtet sind: die Bestimmung der vierten Dimension.

 

Bei der Lektüre wird einem schwindelig. Fiktion und Realität gehen Hand in Hand und schließlich ineinander auf. Träumerisch wird das Leben des namenlosen Protagonisten erzählt, immer bedrochlich, beängstigend, erschreckend, immer surreal. Man muss sich auf die 900 Seiten Wahnsinn einlassen, die durchaus Längen aufweisen, aber lohnen, denn man taucht daraus als ein anderer hervor.

 

Ein absolut größenwahnsinniges, im wörtlichsten Sinne unfassbares, aber geniales Werk, das ich wirklich nur empfehlen kann!

 

 

 

Mircea Cărtărescu: Solenoid

Roman

Hardcover, 912 Seiten

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2019

...liest gerade "Herbst" von Ali Smith

Das Paar könnte gegensätzlicher nicht sein.
Sie - ein junges Mädchen, aufgeweckt, oft allein gelassen.
Er - Rentner, gebildet und kunstinteressiert.
Doch zwischen ihnen entspinnt sich eine Freundschaft, die ein Leben lang halten wird.

Als Elisabeth vom Zustand ihres Freundes hört, bricht sie ihre Zelte in London ab, wo sie als Kunsthistorikerin an der Universität arbeitet, und quartiert sich bei der Mutter ein. Sie will ihrem alten Freund nahe sein und besucht ihn im Krankenhaus, wo der mittlerweile 101jährige Daniel Gluck vor sich hin phantasiert. An seinem Bett liest sie ihm vor und blickt auf die einmalige Freundschaft zurück, die sie immer noch verbindet.

Als Elisabeth ein Kind war, passte der schon damals uralte Nachbar zeitweise auf sie auf. Zu zweit gingen sie spazieren und unterhielten sich angeregt. Dabei öffnete Daniel ihr nicht nur die Welt der Bücher, sondern auch die Augen für die Kunst und die Wunder des Lebens.

Nun irrt Elisabeth durch ihre Heimatstadt, die genauso zerrissen scheint wie der Rest des Landes. Denn nicht nur der alte Freund siecht dahin, sondern auch das Großbritannien der Gegenwart, in dem Abgrenzung, Hass auf Fremde und Wut auf Eliten ansteigen. Es ist 2016 - die Abstimmung über den Brexit ist erst wenige Wochen alt. Und Elisabeth schaut skeptisch in die Zukunft.

Ali Smith schreibt eine Tetralogie über das gegenwärtige Großbritannien. "Herbst" ist dabei der erste Band der Reihe, der im Original schon 2016 erschienen ist. Eine Besonderheit liegt in der kurzen Zeitspanne zwischen dem Schreibakt und der Veröffentlichung der Bücher. Denn so bewahren die Romane ihre hohe Aktualität. Momentan arbeitet Ali Smith am vierten und letzten Band: "Sommer". Ob es darin um das Corona Virus geht, wird bald zu sehen sein.

In Anlehnung an Pauline Boty, die erste und wohl einzige Künstlerin der britischen Pop-Art, entsteht die Erzählung in "Herbst" wie eine Collage, in der sich aus einzelnen Stücken das Bild ergibt. Die Kritiken überschlagen sich mit Lob über die feinfühlige Poesie der Sprache und betiteln den Roman als DEN Brexitroman.

Ich frage mich derweil allerdings, ob ich denselben Roman gelesen habe, denn mich hat er weder berührt noch bewegt. Die Collagenhaftigkeit finde ich hier eher nervig, die Verbindung zwischen der alten Freundschaft und dem Brexit langweilig, die Sprache - womöglich auch wegen der Übersetzung - keineswegs so poetisch. Viele Themen werden aufgeworfen, aber nur gestreift. Und am Ende weiß ich nichts damit anzufangen. So bleibt ein gepriesener Roman, der keinerlei Nachklang in mir findet.

 

 

 

Ail Smith: Herbst

Roman

Hardcover, 272 Seiten

Luchterhand Literaturverlag, München 2019

...liest gerade "Lincoln im Bardo" von George Saunders

Wieder und wieder wollte er auf seinem neuen Pony reiten. Die Eltern ließen ihn gewähren, obwohl es regnete und spürbar abkühlte.
Dann erkrankt das Kind und stirbt. Der Tod reißt den Vater aus dem Leben und verändert ihn grundlegend - ein Krisenmoment der amerikanischen Geschichte, denn der Vater ist nicht irgendjemand, der Vater ist Abraham Lincoln.

 

An dem Tag, an dem sein Sohn stirbt, lädt Lincoln zu einem seiner prunkvollen Staatsbankette in sein Anwesen. Die Gäste staunen ob der Kostspieligkeiten, die ihnen geboten werden. Prächtige Gerichte und Getränke werden aufgetischt, exotische Blumen und mehrstufige Lüster zieren die Räumlichkeiten. Atemberaubende Düfte umwehen die Anwesenden. Tanz und Musik werden gegeben, obwohl Krieg herrscht, ein Krieg, in dem Tausende sterben. Und obwohl Willie, der junge Sohn der Lincolns, in seinem Bett liegt und vom Fieber dahin gerafft wird.

 

Als das Kind schließlich den Tod findet und begraben wird, kann Lincoln den Verlust des Lieblingssohnes nicht verkraften. Nachts schleicht er auf den Friedhof, öffnet den Sarg, um seinen geliebten Sohn noch einmal in den Arm zu nehmen. Er hadert, mit sich selbst, mit dem Leben, will nicht loslassen, will es nicht wahrhaben.

 

Und plötzlich geschieht etwas mit ihm. Denn ist der Sohn tatsächlich schon im Jenseits? Ist er schon entschwunden? Oder irrt er noch umher, in einer Zwischenwelt, irgendwo zwischen Hier und Da?

 

George Saunders hat eine einfühlsame Geschichte geschrieben, die zutiefst berührt, eine Geschichte über ein doppeltes Loslassen, ein Loslassen von den Toten, aber auch ein Loslassen vom Leben. Das herausstechendste Merkmal ist dabei jedoch die Form, die keinen einheitlichen Erzähler aufweist, sondern sich in zwei Handlungsstränge aufteilt. Die Geschichte um den verzweifelten Vater wird aus Ausschnitten aus Briefen, Büchern, Memoiren, Berichten, Essays, Tagebüchern, Zeitungen u.a. rekonstruiert, die stimmgewaltig nicht nur die damalige Zeit heraufbeschwören, sondern sich auch teilweise widersprechen. Im Bardo, im Zwischenzustand des Geistes, in den Willie eingetreten ist, treten dagegen eine Vielzahl an Geistern aus vielen vorangegangenen Jahrzehnten auf, die munter miteinander plappern und die doch alle dasselbe eint: Sie hängen noch am Leben und können nicht gehen. Sie können nicht loslassen.

 

"Lincoln im Bardo" ist ein Geisterroman, der durch die Themen Trauer und Tod bewegt und zugleich mit Witz und Scharfsinn, mit Komik und schwarzem Humor aufwartet. Es ist ein Pamphlet für das Leben, der durch seine Einzigartigkeit besticht. Ein sehr lesenswerter Roman!

 

 

 

George Saunders: Lincoln im Bardo

Roman

Taschenbuch, 448 Seiten

btb-Verlag, München 2019

...liest gerade "Das flüssige Land" von Raphaela Edelbauer

Ein pittoreskes Dorf, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist.
Eine seltsame Gesellschaft, in der unerklärliche Dinge geschehen.
Und ein Loch, das sich immer weiter unter das Dorf frisst und es zu verschlingen droht.

 

Ruths Eltern sind verstorben. Ihr letzter Wille: Sie wollen in ihrer Heimat begraben werden. Und so macht sich die Physikerin auf, Groß-Einland zu finden, ein Dorf, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist und das niemand zu kennen scheint, ein Dorf, zu dem keine Wege führen und zu dem sie erst über viele Umwege findet. Ein Dorf, das sie verblüfft und erstaunt. Ein Dorf, das sie einnehmen wird.

 

Pittoresk schmiegt es sich in die Landschaft Österreichs, ein Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint. Die Gesellschaft mutet seltsam an, regiert von einer Gräfin, die in einem Schloss auf einem Hügel thront. Als sie einander kennenlernen, ist Ruth überrascht, dass die Gräfin vieles über sie und ihre Eltern weiß. Obwohl sie Abneigungen gegen die Gräfin hegt, nimmt sie ihr Arbeitsangebot an. Pünktlich zur Kunstaktion, zu der Touristen aus der ganzen Welt angelockt werden sollen, soll sie einen Stoff entwickeln, der das Dorf zu stützen vermag. Denn unter dem Dorf gähnt ein weit ausufernder Hohlraum, der immer weiter um sich greift. Das Dorf sackt ab, die Häuser biegen sich und zerfallen. Das Loch frisst das Dorf auf. Doch so dringend es auch wäre, etwas dagegen zu unternehmen, schließen die Einwohner die Augen vor dem Zerfall und arrangieren sich mit den Unannehnlichkeiten, mit den Rissen und Absackungen, mit den Einstürzen und letztlich auch mit den Toten.

 

Während Ruth immer tiefere Wurzeln in die Gesellschaft schlägt, schreibt sie weiter an ihrer Habilitation über das Verhältnis von Zeit und Raum, in der sie aufzeigen will, dass die Zeit nicht existiert, dass alles nur Metapher ist und Vergangenheit und Zukunft nur aus der Gegenwart aufgestellte Projektionen sind, deren Räume sich durch Erinnerungen stets ändern. Den Rest des Tages arbeitet sie für die Gräfin, forscht nach einem Mittel und stellt eigene Nachforschungen an. Wollte sie anfangs nur ein paar Tage bleiben, werden es am Ende Jahre sein, Jahre, in denen sie sich immer tiefer in das Dorf gräbt, das ein Geheimnis zu bergen scheint. Denn was liegt in dem Loch verborgen, das nun ans Tageslicht drängt?

 

Ein Debütroman wie eine Axt für das gefrorene Meer in uns. Ausgefeilte Sätze und eine abstruse Szenerie, irgendwo zwischen "Alice im Wunderland" und "Der Prozess". Dazu wirft er Fragen nach Zeit und Raum auf, nach Erinnerung und Verdrängung, nach Geschichte und Gegenwart, nach Schuld und Sühne. Vielschichtig und tiefgründig erzählt, bietet die Geschichte einen großen Interpretationsspielraum, der auf vielerlei Wegen psychologisch begangen werden kann.

 

Ein großartiger Roman, der zurecht auf der Shortlist des letztjährigen Deutschen Buchpreises stand.

 

 

 

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Roman

Hardcover, 350 Seiten

Klett-Cotta, Stuttgart 2019

...liest gerade "Das Gewicht der Worte" von Pascal Mercier

Der Schrecken: eine Art Schlaganfall.
Die Diagnose: nur noch wenige Monate zu leben.
Die Folge: mit dem Leben abschließen.
Die Überraschung: eine neue Chance.

 

Simon Leyland ist fasziniert von Sprachen, von Wörtern und den Lebenswirklichkeiten, die sie erbauen. Schon als Kind, da er bei seinem Onkel eine alte Karte des Mittelmeers bestaunte, hegte er den Wunsch, alle Sprachen der mediterranen Länder zu erlernen. Tief eingebunden in intellektuelle Zirkel führt er neben seinen Übersetzungsarbeiten den Verlag seiner Frau weiter, die vor Jahren verstorben ist. In Briefen schreibt er ihr weiterhin, um sie nicht gänzlich zu verlieren.

 

Plötzlich bricht er zusammen und erhält eine Diagnose, die sein Leben in Scherben schlägt: Hirntumor, inoperabel. Nur noch wenige Monate werden ihm in Aussicht gestellt, bis der Krebs ihn zersetzt hat. Schockiert zieht er sich zurück, verkauft schweren Herzens den Verlag und versucht mit dem Leben abzuschließen. Im Angesicht des Todes quälen ihn Fragen, ob er eigentlich das Leben geführt habe, das er erträumt hatte, ob er die Zeit wirklich genutzt habe, die ihm gegeben worden war. Seine Kinder und eine Vielzahl an Bekannten begleiten ihn in diesen schweren Tagen, die seine letzten sein sollen.

 

Doch dann eröffnet man ihm, dass es eine Verwechslung gab. Statt eines Hirntumors leidet er lediglich an Migräne. Nach elendigen 77 Tagen steht Leyland plötzlich wie neugeboren da und stellt sich nur noch eine Frage: Was nun anfangen mit der unerhofften zweiten Chance im Leben?

 

Pascal Merciers Romane werden von seinen Fans geliebt und gefeiert, von Kritikern jedoch meist argwöhnisch beäugt. Dieser Roman macht da keine Ausnahme, auch bei mir nicht.

 

Das Thema lässt das Herz jeden Literaturliebhabers höher schlagen. Denn im Mittelpunkt steht die Faszination für Wörter, für die Feinheiten der Sprachen, es geht um Literatur und deren Übersetzungsmöglichkeiten, um das Fühlen und Denken in verschiedenen Sprachen, deren Strukturen eine andere Aneignung der Welt und Wirklichkeit nach sich ziehen. Es geht aber auch um Erinnerungen, vergessenen, und um die drängendsten aller Fragen: Was ist wirklich wichtig im Leben? Was verleiht Sinn? Und nutze ich eigentlich diese einmalige Zeit?

 

So inspirierend die Gedankengänge manchmal wirken, so profan sind sie natürlich auch. Jeder stellt sich diese Fragen wohl öfters in seinem Leben. Zudem geschieht nichts Aufregendes, nichts Überraschendes, es entsteht keinerlei Reibung. Die Geschichte plätschert ein wenig vor sich hin. In den Briefen an seine Frau, die Leyland immer weiter führt, werden alle Geschehnisse des Romans nochmals erzählt. Eine langwierige Wiederholung, derer es wirklich nicht bedurfte. Zudem gleichen sich die Figuren in vielerlei Hinsichten, ausnahmslos sind sie gebildet, kosmopolitisch, sensibel und sinnlich. Stets vertreten sie die gleiche Meinung und lassen sich leicht für die gleichen Dinge faszinieren. Die Menge an Personal, die aufgeboten wird - Verleger, Schriftsteller, Übersetzer, Künstler, Leser - ist in gewisser Weise austauschbar.

 

Gespalten lässt mich der Roman somit zurück, der einen zwar durch die Seiten fliegen lässt, aber nichts Außergewöhnliches birgt. Es ist eine sehr klassisch erzählte Geschichte mit einigen berührenden und kitzelnden Gedankengängen, die aber angesichts von Gleicheit, Langatmigkeit und Wiederholungen ein wenig in ihrem Potential verstocken.

 

 

 

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte

Roman

Hardcover, 576 Seiten

Hanser Verlag, München 2020

...liest gerade "Melancholie des Widerstands" von László Krasznahorkai

Seltsame Vorfälle ereignen sich in der kleinen Stadt.

Zuerst beginnt die seit Jahrzehnten verstummte Kirchenuhr zu ticken.
Dann schwankt der gewaltige städtische Wasserturm ohne Grund.
Und obwohl es klirrend kalt ist - viel zu kalt für die Jahreszeit - fällt kein Schnee.
Als wären die Geschehnisse nicht erschreckend genug, zieht plötzlich ein Zirkus in die Stadt ein.
Und mit ihm dunkle Gestalten, die nur eines im Sinn haben - blinde Zerstörungswut.
 
Eine kleine Stadt in Südostungarn. Die Bewohner sind unruhig. Sie merken, dass sich etwas zusammenbraut. Das beängstigende Gefühl befällt sie, dass etwas passieren wird, etwas Einmaliges, etwas Umwälzendes. Die Anzeichen häufen sich, denn außergewöhliche Dinge geschehen. Die Stadt verfällt und geht zugrunde. Müll und Unrat wachsen auf den Bürgersteigen an. Straßenlaternen funktionieren nicht mehr. Waren werden nicht mehr geliefert. Ämter arbeiten nicht mehr. Es fehlt an Medikamenten, an Kohle zum Heizen, der Verkehr ist eingestellt. Die Welt, so wie sie war, scheint unterzugehen.
 
Nur eine Frau lehnt sich gegen den Verfall auf. Frau Eszter plant eine Kampagne, um Ordnung und Sauberkeit in die Stadt zurückzubringen. Doch dazu muss sie ihren Mann gewinnen, ihren Mann, der als Koryphäe in der Stadt gilt, als zurückgezogener Intellektueller, dessen Wort Gewicht hat. Derselbe Mann, der sie aus dem Haus geworfen hat, um endlich in Ruhe und Weltabgewandtheit seine Tage im Bett zu verbringen. Aber Frau Eszter hat einen Plan. Sie will Valuska, einen romantischen Träumer und den einzigen Vertrauten ihres Mannes, in ihr Vorhaben einbeziehen.
 
Doch dann erscheint auf einmal ein ominöser Zirkus in der Stadt, ein Zirkus, der einen riesigen Wal als Attraktion mit sich führt. Doch nicht nur das. Wie eine Welle überschwemmt eine gespenstische Menge die Stadt. Dunkle Gestalten, die dem Zirkus folgen und wie Zombies umherwanken. In einem der Schausteller wollen sie ihren neuen Führer erkannt haben, den Herzog. Und so ist es, als würde die Apokalypse in die Stadt Einzug halten. Denn plötzlich beginnt der Umsturz - und er ist nicht mehr aufzuhalten.
 
Vor einem Jahr las ich den aktuellen Roman von Krasznahorkai, "Baron Wenckheims Rückkehr", und war begeistert. "Melancholie des Widerstands" erschien bereits 1989. Aber schon hier sind alle Zutaten des erzählerischen Genies Krasznahorkais versammelt, denn auch diese Erzählung ist großartig und lässt mich immer mehr daran glauben, dass Krasznahorkai einer der ganz großen und bedeutsamen Romanciers unserer Tage ist.
 
Natürlich muss man sich auf die seitenlangen Sätze und absatzlosen Kapitel einstellen, doch wenn man sich der eigenwilligen Form hingibt, erhält man eine Geschichte, die an Tief- und Scharfsinn, Intellektualität, Komik und Melancholie ihres gleichen sucht. Es ist geradezu ein Sog, in den man gerät, wenn man in die apokalyptische Welt abtaucht, beschworen durch eine bestechende Präzision der Worte und einer einmaligen Fabulierlust. Die in sich verschachtelten Sätze, die stockenden und springenden Gedankengang simulieren, dazu die Perspektivwechsel entfachen einen Lesewahn, dem man sich nicht entziehen kann.
 
Die beschriebene Apokalypse, die letztlich etwas Neues hervorbringt, könnte man u.a. als Allegorie auf den Zerfall des Kommunismus, auf den Aufstieg des Faschismus oder die Durchdringung des Kapitalismus lesen, man könnte den Roman religiös oder gesellschafts- bzw. sozialkritisch deuten. Der Interpretationsmöglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt.
 
Eigentlich lässt sich nur eines sagen: Wer noch nie etwas von Krasznahorkai gelesen hat, sollte es unbedingt nachholen. Ich bin ihm spätestens jetzt verfallen.

László Krazsnahorkai: Melancholie des Widerstands

Roman, aus dem Ungarischen von Hans Skiecki

Taschenbuch, 464 Seiten

Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2011

...liest gerade "Metropol" von Eugen Ruge

Ein Gespenst geht um in der UdSSR - das Gepenst des Stalinismus.
Es kommt im Gewand der Angst daher. Denn Menschen verschwinden, werden diskreditiert, verhaftet, verurteilt - hingerichtet.
Es sind Dutzende. Hunderte. Tausende.
Und jeder kann der Nächste sein.

 

Charlotte und Wilhelm sind überzeugte Kommunisten. Sie fliehen vor dem Nationalsozialismus und siedeln in die UdSSR über, in das Land ihrer Träume. Dort herrscht Stalin, an dessen Lehren und Wirken sie unbeirrt glauben. Schon in Deutschland arbeitete das Paar für die Kommunistische Internationale, die Weltorganisation der kommunistischen Parteien.

 

Doch dann beginnt der Terror. Die Verhaftungswelle Stalins überschwemmt die Abteilung für Internationale Verbindungen, in der sie arbeiten. Zunehmend geraten die Mitarbeiter ins Fadenkreuz, werden verhaftet und bei Schauprozessen vorgeführt. Als auch noch Bekannte von Charlotte und Werner verurteilt werden, zweifeln sie selbst an ihrem Urteilsvermögen und können nicht fassen, dass sie mit Verrätern befreundet waren. Durch ihre Bekanntschaften machen sie sich allerdings verdächtig und so schnürt sich die Schlinge immer weiter zu. Überall lauern plötzlich Verrat, Angst und Denunziation.

 

Bald schon werden sie gezwungen, ins Hotel Metropol umziehen, ein Ort, an den Menschen geschickt werden, denen der unwiderrufliche Makel des Verrats anhaftet. Immer wieder ziehen neue Kollegen in das Hotel ein, und immer wieder verschwinden alte von einem auf den anderen Tag. Glauben Charlotte und Werner anfangs weiterhin an die Theorien des Kommunismus und damit an die erbarmungslosen Säuberungsaktionen des Regimes, schleichen sich mit der Zeit Zweifel ein. Als sie schließlich aufwachen, ist es jedoch zu spät und sie blicken erschrocken dem entgegen, was ihnen selbst blühen könnte.

 

Anhand von Originaldokumenten rekonstruiert Eugen Ruge mit dieser Erzählung das Leben seiner Großmutter, die am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in der UdSSR lebte und agierte. Neben amtlichen Mitteilungen und Bescheiden sowie Akteneinträgen finden sich Briefe, die wie zur Verifizierung des Geschriebenen in Kopie beigefügt sind. Im Epilog beschreibt der Autor sogar seine Herangehensweise an den Stoff und erklärt, was Dichtung und Wahrheit sei. Die Geschichte stellt also einen Roman dar, der zwischen Dokumentation und Fiktion angesiedelt ist, einen Tatsachenroman, der einerseits das Grauen der stalinistischen Verfolgungen deutlich macht, sich andererseits als eine Annäherung an des Autors Großmutter erweist.

 

In der Literaturkritik wurde der Roman hochgelobt und gefeiert. Auch ich finde ihn durchaus lesenswert. Dennoch kann ich nicht ganz in die Begeisterungsstürme einfallen. Dafür lässt mir die Geschichte zu wenig Raum für Eigeninterpretationen. Lücken, die die eigene Imagination in Gang setzen, kommen nicht vor, vielmehr wird die Angst und Verzweilfung stets aufs Neue nüchtern geschildert, so dass der Effekt irgendwann verpufft.

 

Unweigerlich musste ich bei der Lektüre an "Der Lärm der Zeit" von Julian Barnes denken, da auch dort die stalinistischen Säuberungsaktionen den Hintergrund der Geschichte bilden. Die alltägliche Angst, abgeholt, verurteilt und hingerichtet zu werden, wird hier viel atmosphärischer, da subtiler erzählt. Und so kommen auch Ohnmacht und Verzweiflung meiner Meinunug nach feinfühliger und ergreifender zur Geltung.

 

Dennoch bleibt Eugen Ruges Roman natürlich ein spannender Pageturner, dessen Lektüre sich lohnt.

 

 

 

Eugen Ruge: Metropol

Roman

Hardcover, 432 Seiten

Rowohlt Verlag, Hamburg 2019

...liest gerade "Das Totenschiff" von B. Traven

Gale verbringt die letzte Nacht vor Anker in den Kneipen Antwerpens. Als er morgens zum Hafen zurückkehrt, hat das Schiff, auf dem er als Seemann arbeitet, ohne ihn abgelegt.


An Bord befindet sich jedoch sein Ausweis, seine Seemannskarte. Zunächst unbekümmert, merkt er schon bald, dass er mit der Karte plötzlich seine Identität verloren hat.
Und mit seiner Identität sein Leben.

 

Es beginnt eine Odyssee. Der amerikanische Seefahrer kann sich nicht mehr ausweisen und irrt fortan als Staatenloser von Land zu Land. Selbst in der Botschaft kann ihm nicht geholfen werden, da er keinen Nachweis seiner US-Bürgerschaft erbringen kann. Auf seinem Streifzug durch die Ländern Europas wird er immer wieder von der Polizei verhaftet und ausgewiesen. Nichts scheint wichtiger in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als einen Pass zu besitzen. Und so gibt ihm niemand mehr Arbeit, niemand heuert ihn an, im Gegenteil, er wird vertrieben.

 

In Spanien wird ihm dann doch angeboten, wieder auf einem Schiff zu arbeiten. Die Mannschaft sieht erbärmlich aus, der Kahn ist in katastrophalem Zustand, der Anwerber zwielichtig. Dennoch heuert er an. Es ist seine einzige Chance. Und so landet er auf einem Totenschiff, das dazu verdammt ist, so lange über die Meere zu fahren, bis es sinkt und der Besitzer die Versicherungssumme einstreichen kann. So wird auch nicht nach Ausweisen gefragt, da man den Tod der Mannschaft billigend in Kauf nimmt. Auf dem Schiff verrichtet er lebensgefährliche Arbeiten. Und trotz des Untergangs, dem er entgegenblickt, trotz der Hoffnungslosigkeit, die ihn umgibt, verliert er nie seinen Mut, nie seinen Lebenswillen. Nie seinen Humor. Selbst dann nicht, als das Schiff kentert und es sinkt.

 

Erzählt wird die Geschichte von dem Seefahrer selbst. In seiner groben und harten Seemannssprache, die dennoch von einer Art Bauernschläue zeugt, zeichnet er seine Irrfahrt in einem bissigen, sarkastischen und ironisch gebrochenen Ton nach. So erinnert die Erzählung beinahe an einen Schelmenroman, in dem der Held allerlei Prüfungen zu bestehen hat, Abenteuer, in die er unverschuldet hineinstolpert. In manchen Situationen ergeben sich geradezu Slapstickeinlagen à la Charlie Chaplin, die beim Leser die Tränen fließen lassen.

 

Zwischen den Zeilen finden sich jedoch revolutionäre, vom Geiste des Kommunismus beeinflusste Anklänge. Da wird die moderne Technisierung, die den Menschen zur Maschine degradiert, genauso kritisiert wie der Kapitalismus, dem jedes Mittel recht ist, sein Geld zu vermehren. Kritisiert wird ebenso die Staaterei, die Menschen nach Nationalitäten trennt, genauso wie die Idee der Nation, in der Dokumente wichtiger sind als der Mensch. Denn nur mit solch einem Nachweis bezeugt man, dass man geboren wurde, dass man der Menschenrasse angehört, dass man zu den Lebenden zählt und eben nicht zu den Toten.

 

"Das Totenschiff" ist ein hochamüsanter und dennoch politischer Roman. Mit seiner Thematik der Staatenlosigkeit, der Nation und Migraton als auch mit seiner Kapitalismuskritik schlägt er Brücken bis in unsere Zeit. Schon 1926 erschienen, wurde er in 30 Sprachen übersetzt und sogar mit Mario Adorf verfilmt. Zu dieser Berühmtheit hat wohl auch das Mysterium um den Schriftsteller B. Traven beigetragen, denn immer noch ist nicht gänzlich geklärt, wer sich hinter dem Pseudonym von einst verbirgt.

 

 

 

B. Traven: Das Totenschiff

Roman

Taschenbuch, 320 Seiten

Diogenes Verlag, Zürich 2015

...liest gerade "Brüder" von Jackie Thomae

Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Der eine ein Hallodri, der in den Tag hineinlebt und das macht, was er für richtig hält, ohne Rücksicht auf die Menschen in seiner Umgebung.
Der andere ein Stararchitekt, der den alltäglichen Anforderungen und Verpflichtungen bis zur Selbstaufgabe nachkommt.
Sie kennen sich nicht, doch sie verbindet mehr als die Hautfarbe, die sie kennzeichnet.
Sie haben denselben Vater.

 

Mick führt ein Leben, das zum Scheitern verurteilt ist. Er ist ein Hippster, bevor sich die Bezeichung überhaupt im trendigen Berlin durchsetzt. Er lebt in den Tag hinein, feiert tagelang, hat zahlreiche Affären und betrügt so seine Frau, die duldsam zuschaut. Doch dann gerät sein Leben ins Wanken. Als der Club, den er mit Freunden führt, wegen Steuernachzahlungen schließen muss und ihn schließlich auch noch seine Frau verlässt, stürzt alles um ihn herum ein und er wagt den Sprung in ein neues Leben.

 

Gabriel ist das Gegenteil. Er führt ein konservatives Leben, ist verheiratet und hat einen Sohn. Pflichtbewusstsein lässt ihn bis zum Umfallen arbeiten. Er lebt für seine Agentur und findet wenig Zeit für andere Dinge. Und so bemerkt er auch nicht, dass seine Frau ihn betrügt. Am Ende bricht auch er unter der Last des Lebens zusammen und erleidet einen Burnout.

 

Als beide schließlich eine EMail vom verschollenen und unbekannten Vater erhalten, scheint das fehlende Puzzleteil ihres Lebens gefunden - oder doch nicht?

 

Eines vorab: Der Roman ist herausragend. Es wird nicht nur eine Familiengeschichte aufgeworfen, deren Wege verschlungen durch die Jahrzehnte irren, es ist vielmehr die Geschichte der Trennung, Annäherung und Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, die sich in den unterschiedlichen Männern widerspiegelt. Es ist ein Roman über die Suche nach dem Sinn in einem Leben, in dem stets etwas fehlt, ein Leben, das nicht komplett erscheint.

 

Mit Scharfsinn, Witz und Humor wird die Geschichte der ungleichen Brüder erzählt. Dabei werden die gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse sowie das Lebensgefühl der 80er, 90er und 2000er auf famose Weise heraufbeschworen. Dazwischen, in leisen Tönen, surrt der alltägliche Rassismus mit, den beide wegen ihrer Hautfarbe erdulden müssen, aber auch die Feinheiten des alltäglichen Lebens, das Geflecht, in dem man sich verirren kann, stechen imposant heraus. Der Roman setzt all dies feinfühlig, witzig und unterhaltsam in einer gelungenen Komposition um. Ein Roman, der meiner Meinung nach den Buchpreis allemal verdient gehabt hätte.

 

 

 

Jackie Thomae: Brüder

Roman

Hardcover, 432 Seiten

Hanser Berlin, Berlin 2019

...liest gerade "Der Tod ist ein mühseliges Geschäft" von Khaled Khalifa

Bubbul, Hussein und Fatima sitzen im Minibus. Sie sind Geschwister, aber sie haben sich nichts zu sagen. Ihre Familienbande ist schon seit langem zerrissen. Doch nun fahren sie quer durch Syrien. Der Gestank ist kaum auszuhalten und nimmt von Minute zu Minute zu.
Denn hinten liegt der Vater und verwest. Er ist tot.

 

Bevor der Vater starb, nahm Bulbul ihm seinen letzten Willen ab: Er will in Anabîja, seinem Heimatdorf, begraben werden. Das Problem ist nur, es ist Krieg. Und so trommelt der Sohn seine Geschwister zusammen und gemeinsam machen sie sich auf die nur wenige hundert Kilometer lange Reise.

 

Doch für die kurze Strecke brauchen sie mehrere Tage. Immer wieder werden sie an Checkpoints angehalten, mal von Kämpfern der Freien Syrischen Armee, mal von regimetreuen Truppen, mal von furchteinflößenden Islamisten. Sie fahren durch ein völlig zerstörtes Land, das überall das Grauen des Krieges aufweist. Leichen pflastern den Weg, Massengräber gibt es in jedem Dorf, zerbombte Städte und Landstriche ziehen an ihnen vorbei, Gegenden, wo nichts mehr sprießt. Ihr Nachname öffnet ihnen in einigen Orten Türen, in anderen riskieren sie mit ihm ihr Leben.

 

Ihr Vater ist in jenen Tagen eines anormalen Todes gestorben, denn er ist eines natürlichen Todes gestorben. Ganz im Gegensatz zu den anderen Toten, die jede Familie zu betrauern hat. Denn der Tod lauert auf jeden, durch Bombardierungen oder in Folterkellern, durch Heckenschützen oder in Gefechten, durch Entführungen und Morde. Der Tod ist allgegenwärtig.

 

Der Roman ist erschütternd. In seiner ganzen Härte und Brutalität stellt er das Leben in Syrien dar, wo an kein Leben mehr gedacht werden kann. In Rückblicken werden die Geschichten der Protagonisten erzählt, ihr Leben in der Diktatur, ihr Aufbegehren oder Stillhalten, ihre Liebschaften und Familienzwiste, Träume und Enttäuschungen, eben jene Wege, die sie zu genau diesem Punkt führten, an dem sie den toten Vater durch ein Land fahren, das nicht mehr wiederzuerkennen ist.

 

Bereits 2016 erschienen (2018 in deutscher Übersetzung) wühlt der Roman auf und wirft den Blick auf ein vom Krieg gebeuteltes Land, das Spielball innerer und äußerer Machtkämpfe ist, in dem jedoch immer noch Menschen leben, die sich an das Letzte klammern, was ihnen in all dem Schrecken geblieben ist: Hoffnung.

 

 

 

Khaled Khalifa: Der Tod ist ein mühseliges Geschäft

Roman, aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich

Hardcover, 224 Seiten

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018

...liest gerade "Miroloi" von Karen Köhler

Eine abgelegene Insel im Meer, fern ab vom Rest der Welt.


Ein archaisches Dorf, das an festen Traditionen und Ritualen festhält.


Eine patriarchalische Gemeinschaft, in der viel gearbeitet, getrunken und geschlagen wird.


Und ein junges Mädchen, das nicht dazugehört.

 

 

Als Kind fand der Vorsteher des Gebetshauses das namenlose Mädchen auf der Treppe und nahm sie auf. Nun ist sie sechzehn und singt einen Totengesang auf ihr Dorf, ein abgelegenes Dorf, in dem Männer bestimmen und Frauen zu gehorchen haben, ein Dorf, in dem häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe nicht selten sind. Die Regeln des Zusammenlebens schreibt der Ältestenrat vor, bestehend aus 13 Männern, und so dürfen Frauen nicht lesen und schreiben lernen. Wer gegen die zahreichen Regeln verstößt, wird an den Schandpfahl gebunden, an dem ihm/ihr der Angstmann manche Knochen bricht. Oder er/sie wird gleich gesteinigt. Es ist das Leben einer Sekte, die dem Fundamentalismus von Islamisten, ultraorthodoxen Juden und strenggläubigen Evangelikalen in nichts nachsteht - und so heißt auch das heilige Buch Khorabel.

 

Und doch wird das Mädchen, das im Dorf als Außenseiterin behandelt wird, bald von ihrem Finder unterrichtet. Durch das Erlernen von Buchstaben öffnet sich dem Mädchen plötzlich eine völlig neue Welt. Mit dem Verstehen der Schrift bestürmen sie neue Gedanken, Zweifel brennen sich in ihr ein, sie hinterfragt die Gegebenheiten und sehnt sich auf die andere Seite des Meeres.

 

Des Menschen größter Antrieb, die Neugier, veranlasst sie dazu, Fragen zu stellen, unbequeme Fragen, doch sie findet keine Antworten. Als Unglücksbotin verschrien, gedemütigt, ausgegrenzt und geschlagen, entzündet sich in ihr eine Wut. Wut auf die Verhältnisse, Wut auf das Patriarchat, Wut auf die eng gesetzten Grenzen des Dorfes. Als sie sich schließlich verliebt und auch noch ihr Beschützer stirbt, wird ihre Wut zu einem Feuer aufgepeitscht, das das ganze Dorf verbrennen wird.

 

Nun habe ich es also auch endlich gelesen und was wurde nicht alles über diesen Roman geschrieben?

 

In den Feuilletons zerrissen - komischwerweise von meist männlichen Kritikern -, musste der Roman als Brennholz für eine Diskussion herhalten, in der es um nichts weniger ging, als um die Literatur an sich, um ihren Begriff und ihre Kritik. Und so ging ich voreingenommen an die Lektüre - und siehe da, es ist nur ein Text, gar nicht der Zerstörer der Literatur, und zudem hat er mich außerordentlich überrascht.

 

Der Roman hat Ecken und Kanten, dem stimme ich zu, aber wecken nicht gerade Unvollkommenheiten das Interesse? Ist es nicht die Reibung an dem Wie und Was der Erzählung, die einen Roman im Gedächtnis verankert?

Was hat die Literaturkritik nicht alles an Geschützen aufgefahren, um diesen Text zu verumglimpfen?

 

Der Roman sei zu unrealistisch und nicht zu verorten? -
Ich wusste gar nicht, dass dies notwendige Kriterien einer fiktiven Erzählung sind.

 

Er sei zu unglaubhaft? -
Da hat wohl jemand das Prinzip der Wahrscheinlichkeit nicht verstanden und gleich mit Glaubwürdigkeit verwechselt.

 

Zu patriarchalisch? -
In den Elfenbeintürmen von Feuilletonisten mag man es vielleicht anders sehen, ein Blick auf unsere Welt genügt allerdings, um zu erkennen, dass wir auch heute noch größtenteils in einem Patriarchat leben.

 

Zu viele Fragen bleiben am Ende zurück? -
Ja wunderbar, ein Text, über dem man auch nach der Lektüre noch nachdenken muss.

 

Die Sprache sei zu naiv? -
Welcher Sprachstil wird denn von einer unterdrückten, ausgeschlossenen, angefeindeten, der Bildung ferngehaltenen 16-Jährigen, die gerade lesen und schreiben lernt, genau erwartet? Schillerische Verse?

 

Und es gebe keinen Erzählanlass? -
Soetwas Verrücktes habe ich noch nie gehört. Woraus genau speist sich denn der Erzählanlass einer Geschichte und wer entscheidet darüber, ob er notwendig sei oder nicht?

 

Bei "Miroloi" handelt sich um einen Coming-of-Age Roman, eine Geschichte über Emanzipation und Selbstbestimmung, eine Erzählung über Neugier als Trieb, über den Tellerrand zu blicken und Gegebenheiten zu hinterfragen, ein Manifest über den Drang nach Freiheit.

 

Mitnichten hat der Roman den Literaturbegriff ins Wanken gebracht, viel eher zeigt die hitzige Debatte, wie Kritik in heutiger Zeit ausarten kann, selbst in den Feuilletons, die womöglich so energisch keifen und beißen, um den Platz auf dem Thron der Literaturkritik mit allen Mitteln zu verteidigen. Bald schon wird deswegen die nächste Sau durchs Dorf gejagt. Das ist gewiss.

 

Diese Sau fand ich allerdings großartig!

 

 

 

Karen Köhler: Miroloi

Roman

Hardcover, 464 Seiten

Carl Hanser Verlag, München 2019

Jahresrückblick 2019

Mein Jahresrückblick - traditionell im Januar.

 

Welche Titel haben mich im letzten Jahr begeistert und welche Titel würde ich uneingeschränkt weiterempfehlen?

 

Hier sind die 5 lesenswertesten Romane des vergangenen Jahres - natürlich aus rein objektiver Sicht :

 

 

 

"BRUDER UND SCHWESTER LENOBEL"
von Michael Köhlmeier

 

Hier geht es um die großen Themen der Psychoanalyse und Philosophie, die Frage nach dem Sein, dem Sinn, dem Leben, dem Ich zwischen Über-Ich und Es und vielem mehr. Ein einzigartiger Roman - mitreißend, klar, poetisch und höchst intellektuell.
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"BARON WENCKHEIMS RÜCKKEHR"
von László Krasznahorkai

 

Anstrengend und gewöhnungsbedürftig - aber wenn man sich auf die kapitellangen Sätze einlässt, breitet sich ein weitschweifiges Gesellschaftspanorama aus, vorangetrieben durch ein einzigartiges Geflecht verschiedenster Schicksale und Perspektivwechsel. Ein stimmgewaltiges Werk, verrückt, durchgeknallt und absolut einmalig!
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"MAX, MISCHA UND DIE TET-OFFENSIVE"
von Johan Harstad

 

Nichts weniger als ein Abriss der letzten 50 Jahre. Eine Vielzahl an Themen werden aufgeworfen, durcheinander gewirbelt, reflektiert und gespiegelt, sodass sich das Lebensgefühl der Generation Pop herauskristallisiert. Intelligent, scharfsinnig, unterhaltsam, witzig, melancholisch und vor allem eins - berauschend.
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"WINTERBIENEN"
von Norbert Scheuer

 

Zwei Völker, die auf den ersten Blick nichts gemein haben: jenes der Bienen und das der Deutschen. Doch es ächzt und knarzt, es entstehen Reibung und Spannung, die sich nicht auflösen lassen. Doch muss Literatur immer bis ins kleinste Deitail aufgehen? Ich finde nicht und sehe genau darin die Besonderheit dieses Romans.
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"DORT DORT"
von Tommy Orange

 

Die Geschichte der Native Americans. Die Geschichte ihrer Ausrottung, Verfolgung, Umsiedlung und Assimilierung. Ein Roman, der die Ahnen der indigenen Bevölkerung in Szene setzt, heimatlose Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, ausgeschlossen, in Armut und Kriminalität, gezeichnet von Alkohol- und Drogenmissbrauch. Aufwühlend, mitreißend, bewegend - und ein Ende, das schockiert.

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Zu diesen gesellen sich ältere Titel, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe und uneingeschränkt empfehle:

 

"DIE FRAU IN DEN DÜNEN"
von Kobo Abe

 

"VERSCHWÖRUNG GEGEN AMERIKA"
von Philip Roth

 

"AMÉRICA"
von T.C.Boyle

 

 

Damit endet das Lesejahr 2019 und ich freue mich darauf, auch in diesem Jahr in viele interessante, unterhaltsame, ausgefallene, verworrene, spannende, erschütternde, poetische und verrückte Geschichten eintauchen zu dürfen.

 

 

 

...liest gerade "Schutzzone" von Nora Bossong

In Genf werden Reden gehalten, langatmige Vorträge, denen man nicht mehr folgen kann.


In Genf finden Verhandlungen statt, zähe Gespräche, die hin und her wiegen, um zu keinem Ergebnis zu kommen.


In Genf werden Deals eingeflochten und kurz darauf wieder aufgelöst, es wird gezögert und taktiert, bei Schnittchen und Wein, in edlen Anzügen und luxuriösem Ambiente.


Denn in Genf residiert die UNO.

 

Mira hat ein Talent: Sie bringt die Menschen zum Reden. Und so arbeitet sie in der Wahrheitskommission und besucht Länder, in denen Massaker und Kriege wüteten. Sie trifft Schwerstverbrecher und interviewt die Hinterbliebenen von Genoziden, um somit aus den einzelnen Fäden der Wirklichkeit eine Geschichte zu spinnen, die sie in Berichten festhält. Diese Berichte werden weitergeleitet, werden in sterilen Büros zu Tabellen und Statistiken verarbeitet, die letztlich in Akten verschwinden, vor denen die Welt die Augen verschließt.

 

Als sie in Genf Milan wiedersieht, den Sohn einer Familie, in der sie als Kind zu Zeiten der Trennung ihrer Eltern lebte, bricht einiges in ihr auf. Hat sie nicht Zeit ihres Lebens auf ihn gewartet? Ist ihre letzte Beziehung nicht sogar an ihm zerbrochen? Die Desillusionierung ihrer Arbeit und die Infragestellung der ganzen UNO schweißt die beiden zusammen. Immer weiter nähern sie sich an, doch irgendwann muss sie einsehen: Bei Milan versagt ihr Talent.

 

"Schutzzone" ist ein Roman über die Arbeit der UNO, über Expats und ihre Annehmlichkeiten in Krisengebieten, über die Gräuel der Menschheit und die Unmöglichkeit der Bearbeitung solcher Verbrechen in weit entfernten Büros. Es ist ein Roman über den sinnlosen Auftrag der UNO, die hehre Ziele verfolgt und dennoch nichts ausrichten kann, denn die Massaker, Kriege und Genozide finden immer weiter statt und Verhandlungen verkommen aus rein taktischen Gründen zur Farce.

 

Der Roman stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, lässt mich aber etwas zwiegespalten zurück. Sprachlich bewegt er sich auf hohem Niveau. Er ist handwerklich sehr gut konstruiert und dennoch irgendwie farblos, ein gut erlernter Sprachstil, der aber wenig Eigenart besitzt. Zudem trieft die Hoffnungslosigkeit und Desillusion durch jeden Satz hindurch. Was anfangs durchaus erschreckend ist, nervt spätestens ab der Hälfte. Auch die Liebesgeschichte, die sich entwickelt, greift tief in die Klischeekiste - Ehemann und Vater eines Kindes in Midlife Crisis beginnt eine Affäre mit jüngeren Frau.

 

Und dennoch ist es kein schlechter Roman. Er ist durchaus gut zu lesen und interessant, hat mich aber einfach aus dargelegten Gründen nicht vollends überzeugen können.

 

 

 

Nora Bossong: Schutzzone

Roman

Hardcover, 332 Seiten

Suhrkamp Verlag, Berlin 2019

...liest gerade "Dort Dort" von Tommy Orange

Das Powwow steht vor der Tür. Es ist das traditionelle Festival der indigenen Bevölkerung Amerikas. Ein Fest der Freude und Ausgelassenheit. Ein Fest der Traditionen und des Gedenkens. Ein Fest des Tanzes und der Musik.
Es wird ein Fest des Todes.

 

Dene möchte das Projekt seines Onkels fortführen und in einem Dokumentarfilm die Spuren der Native Amercians in den heutigen Städten nachzeichnen. Bewaffnet mit einer Kamera begibt er sich auf die Suche nach den letzten Nachfahren der indigenen Bevölkerung.

 

Er findet unter anderem Orvil. Orvil lebt mit seinen zwei kleineren Brüdern bei der Halbschwester seiner Oma. Seine Mutter ist tot, seine Großmutter desinteressiert. Sie sind zwar Native Americans, aber ihre Traditionen sind erloschen. Als der Junge den rituellen Tanz seiner Vorfahren sieht, kennt er jedoch nur noch ein Ziel: Er will zum Powwow und tanzen.

 

Da ist aber auch Tony. Der Alkoholismus seiner Mutter spiegelt sich in seinem Gesicht wider. Er verkauft Drogen für Octavio, mit dessen Gang er plant, das Powwow zu überfallen, um an Geld zu kommen.

 

Ihre Wege, so wie die vieler anderer, werden sich auf dem Festival unausweichlich kreuzen - zum Bedauern aller.

 

Eines vorweg: "Dort Dort" ist erschütternd. Es die Geschichte der Native Americans. Die Geschichte ihrer Ausrottung, Verfolgung, Umsiedlung und Assimilierung. Ein Bild, das die Ahnen der indigenen Bevölkerung in Szene setzt, heimatlose Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, ausgeschlossen, in Armut und Kriminalität, gezeichnet von Alkohol- und Drogenmissbrauch.

 

Tommy Orange, selbst Native, wirft mit seinem Roman die Frage nach der heutigen Verantwortung auf. Wie einen Zopf flicht er eine Geschichte, in der sich die Erzählfäden nach und nach ineinander verstricken. Durch die Vielzahl an Perspektiven, die sich überschneiden und bedingen, wird der Zopf eng und enger, bis er straff auf einen Punkt zuläuft: das Powwow.

 

Aufwühlend. Mitreißend. Bewegend. Und ein Ende, das schockiert. Ich habe den Roman ruhelos gelesen. Das Schicksal der Native Americans wurde wohl noch nie so plastisch dargestellt. Im Stil erinnert es an einen Roman, den ich als einen der besten preise, den ich je gelesen habe: "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" von Marlon James.

 

Und wenn mich "Dort Dort" auch nicht ganz so überwältigt hat wie sein Vorbild, so ist es doch ein grandioses Werk, das den Natives eine Stimme verleiht, eine Stimme, die sich tief einbrennt und nachhallt.

 

 

 

Tommy Orange: Dort Dort

Roman, aus dem Englischen von Hannes Meyer

Hardcover, 288 Seiten

Hanser Verlag, München 2019

...liest gerade "Winterbienen" von Norbert Scheuer

Es summt und brummt in der beschaulichen Eifel. Überall schwirren sie durch die Lüfte, Bienen, die nach Nektar suchen, Bienen, die von Leben zeugen, vom ewigwährenden Zyklus der Natur. Doch auch Flugzeuge verdunkeln den Himmel, Bomber, die ihre Fracht über den Städten des Rheinlandes abwerfen und Vernichtung bringen.
Denn es ist 1944.
Es ist Krieg.

 

Der Ich-Erzähler des Romans wurde wegen seiner Epilepsie durch das nationalsozialistische Regime vom Schuldienst ausgeschlossen. Nun widmet er sich der Bienenzucht und tritt damit in die Fußstapfen seiner Vorfahren. Der Bruder, ein angesehener Flugheld im Krieg, schickt ihm die dringend benötigte Medizin, um seine epileptischen Schübe in Grenzen zu halten. Doch als er keine Nachricht mehr von ihm erhält, muss er auf anderen Wegen an Geld gelangen. Und so betreibt er einen Schmuggelpfad nach Belgien. In