...liest gerade "Schutzzone" von Nora Bossong

In Genf werden Reden gehalten, langatmige Vorträge, denen man nicht mehr folgen kann.


In Genf finden Verhandlungen statt, zähe Gespräche, die hin und her wiegen, um zu keinem Ergebnis zu kommen.


In Genf werden Deals eingeflochten und kurz darauf wieder aufgelöst, es wird gezögert und taktiert, bei Schnittchen und Wein, in edlen Anzügen und luxuriösem Ambiente.


Denn in Genf residiert die UNO.

 

Mira hat ein Talent: Sie bringt die Menschen zum Reden. Und so arbeitet sie in der Wahrheitskommission und besucht Länder, in denen Massaker und Kriege wüteten. Sie trifft Schwerstverbrecher und interviewt die Hinterbliebenen von Genoziden, um somit aus den einzelnen Fäden der Wirklichkeit eine Geschichte zu spinnen, die sie in Berichten festhält. Diese Berichte werden weitergeleitet, werden in sterilen Büros zu Tabellen und Statistiken verarbeitet, die letztlich in Akten verschwinden, vor denen die Welt die Augen verschließt.

 

Als sie in Genf Milan wiedersieht, den Sohn einer Familie, in der sie als Kind zu Zeiten der Trennung ihrer Eltern lebte, bricht einiges in ihr auf. Hat sie nicht Zeit ihres Lebens auf ihn gewartet? Ist ihre letzte Beziehung nicht sogar an ihm zerbrochen? Die Desillusionierung ihrer Arbeit und die Infragestellung der ganzen UNO schweißt die beiden zusammen. Immer weiter nähern sie sich an, doch irgendwann muss sie einsehen: Bei Milan versagt ihr Talent.

 

"Schutzzone" ist ein Roman über die Arbeit der UNO, über Expats und ihre Annehmlichkeiten in Krisengebieten, über die Gräuel der Menschheit und die Unmöglichkeit der Bearbeitung solcher Verbrechen in weit entfernten Büros. Es ist ein Roman über den sinnlosen Auftrag der UNO, die hehre Ziele verfolgt und dennoch nichts ausrichten kann, denn die Massaker, Kriege und Genozide finden immer weiter statt und Verhandlungen verkommen aus rein taktischen Gründen zur Farce.

 

Der Roman stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, lässt mich aber etwas zwiegespalten zurück. Sprachlich bewegt er sich auf hohem Niveau. Er ist handwerklich sehr gut konstruiert und dennoch irgendwie farblos, ein gut erlernter Sprachstil, der aber wenig Eigenart besitzt. Zudem trieft die Hoffnungslosigkeit und Desillusion durch jeden Satz hindurch. Was anfangs durchaus erschreckend ist, nervt spätestens ab der Hälfte. Auch die Liebesgeschichte, die sich entwickelt, greift tief in die Klischeekiste - Ehemann und Vater eines Kindes in Midlife Crisis beginnt eine Affäre mit jüngeren Frau.

 

Und dennoch ist es kein schlechter Roman. Er ist durchaus gut zu lesen und interessant, hat mich aber einfach aus dargelegten Gründen nicht vollends überzeugen können.

 

 

 

Nora Bossong: Schutzzone

Roman

Hardcover, 332 Seiten

Suhrkamp Verlag, Berlin 2019