Dieses Jahr stand besonders im Zeichen meines eigenen Buches, weswegen ich relativ wenige Bücher rezensiert habe. Dennoch habe ich natürlich viel gelesen, bin in viele verschiedene Welten abgetaucht und habe einige Schätze gehoben, die mir im vergangenen Jahr große Freude bereitet haben. Die besten präsentiere ich euch hier.
"SANKOFA"
von Doğan Akhanlı
Doğan Akhanlı schlägt in seinem letzten Roman einen ungeheuren Erzählbogen und führt uns die türkisch-deutsche Geschichte der letzten 50 Jahre vor Augen, eine spezielle Geschichte, die universelle Probleme aufzeigt, denn Rassismus, Faschismus, Nationalismus, Ausgrenzung und Unterdrückung scheinen welt- und zeitumspannende Übel zu sein, die nicht auszurotten sind. Anhand einer Vielzahl an ineinander verflochtenen Geschichten gelingt es Akhanlı, ein ausuferndes Panorama der Zeit von 1980 bis 2020 zu malen. Unzählige Stränge werden aufgeworfen, komplex angelegte Stränge, die durch Zeit und Raum miteinander verflochten und filigran ineinander gesponnen werden, sodass sich am Ende ein kunstvoller Teppich ergibt, der sich aus dutzenden Einzelfäden zusammensetzt.
Lest den ganzen Beitrag zu diesem großartigen Buch hier: Sankofa.
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"DIE VIERZIG TAGE DES MUSA DAGH"
von Franz Werfel
Es ist DER Roman über den Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915/16, begangen von den Jungtürken des Osmanischen Reiches. Hundertausende verloren damals ihr Leben, allein eine kleine Schar auf dem Berg Musa Dagh konnte sich gegen die Auslöschung wehren. Franz Werfel schildert hier das Schicksal derer, die sich mutig der Deportationen entgegenstellten, ihren Berg zur Festung ausbauten und gegen die anstürmenden Soldaten ihr Leben verteidigten. Wie tief Franz Werfel dabei in die Zeit der Jungtürken hinabtaucht, wie plastisch und detailliert er die Zeit, die Menschen, die Kulturen samt ihrer Traditionen, Kleidungen und Sitten beschreibt, welch lebensechte Charaktere er erschafft und ihren Handlungen und Emotionen Dramaturgie verleiht und welch unglaubliche Tragödien er im Großen und Kleinen malt, das alles ist atemberaubend und einzigartig.
Dieser Roman gilt als einer der größten und bedeutendsten Romane des letzten Jahrhunderts... und das zu Recht!
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"DER WURM"
von Barbara Imgrund
Auf nur 150 Seiten lesen wir hier von einem ganzen Leben, das so berührend ist, dass man es nicht mehr vergisst. Dabei ist die klare und nüchterne, dennoch bildreiche Sprache des Romans nicht nur Träger der Geschichte, sondern steht auch im Mittelpunkt des Geschehens. Denn es geht ums Erzählen, ums Wortefinden und Stimmeerheben gegen das Grauen. Die Ideen des Nationalsozialismus fraßen sich einst wie ein Wurm durch die Köpfe der Menschen, zerrissen die Gesellschaften und stürzten die Welt in den Abgrund. Für lange Zeit schien der Wurm verschwunden, doch nun ist er zurück, denn die gleiche Ideologie, die ganz Europa in Schutt und Asche legte, ist längst in die Gesellschaften und auf die Weltbühne zurückgekehrt. Im Untertitel soll „Der Wurm“ eine kleine Geschichte darstellen, doch das ist sie mitnichten. Für mich ist dieser Roman nicht nur ein ganz wichtiger angesichts der Weltlage, sondern einer der Romane des Jahres!
Lest den ganzen Beitrag hier: Der Wurm.
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"DIE FLÜCHTIGEN"
von Alain Damasio
Es klingt wie der Beginn von Stranger Things. Eines Morgens verschwindet ein kleines Kind aus seinem Zimmer, obwohl alle Türen und Fenster verschlossen waren. Spurlos scheint es verschwunden und ist nicht mehr auffindbar. Die Suche bringt die Eltern zu den Flüchtigen, Wesen, die ungesehen in den toten Winkeln unserer Wahrnehmung und damit unserer Welt leben. Wenn man genau hinschaut, hinterlassen sie Zeichen, Zeichen, die sich auch in den Text einschreiben, sobald sich der Plot ihnen annähert. Was hat es nur mit diesen Wesen auf sich? Der Roman ist phantastisch, dystopisch, geheimnisvoll, spielt mit Linguistik und Musikwissenschaft, entwirft eine Welt, in der alles ausgeleuchtet wird und nichts geheim bleibt, eine Welt, die durch und durch dem Konsum geweiht ist. Eine Welt, in der das Andersartige bekämpft und ausgerottet werden muss. Ein außergewöhnlicher Roman!
Hört meine Podcastfolge mit Jakob Leiner dazu: Folge 17: LetteraTour meets Jakob Leiner.
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"FRAU IM MOND"
von Pierre Jarawan
„Frau im Mond“ ist ein grandios komponierter Roman, der vor allem durch seine Erzähltechnik besticht. Hier wird mit Erzählhaltung sowie Leseerwartung gespielt, mal selbstreflexiv, mal ironisch, wobei schon mal Erzählzeit und erzählte Zeit miteinander kollidieren. Mit viel Witz und Leichtigkeit, aber auch Tiefe und Hintergrundwissen wird die Geschichte einer Familie erzählt, die selbst in dritter Generation noch als Migrantenfamilie gilt, verbunden mit der Geschichte des Libanons und der Levante im letzten Jahrhundert. Darüber hinaus ist es aber vor allem ein Roman übers Erzählen an sich, denn Erzählungen verbinden nicht nur eine Familie über die Generationen miteinander, sondern auch Gesellschaften und Nationen. Was geben wir unseren Kindern weiter? Welche Geschichten überdauern die Zeit? Was wird im kollektiven Gedächtnis verankert, was eher verdrängt? Ganz große Erzählkunst!
Lest den ganzen Beitrag hier: Frau im Mond.
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"DAS GLEICHE LEBEN. NUR ANDERS"
von Hannes Jahn
In feinen Zwischentönen entblättert Jahn vor den Augen des Lesers eine Familiengeschichte, deren Mitglieder auf unterschiedliche Weise geprägt worden sind und deren Traumata über Generationen hinweg vererbt werden. Zwischen den Zeilen schwirrt dabei immer die Frage nach der Familie mit. Denn muss man eigentlich diese Menschen lieben, mit denen man zufällig verwandt ist? Beeindruckend ist die Beklommenheit im Roman, die geradezu greifbar wird, wenn es um frühe kindliche Prägungen geht. Die größten Stärken des Romans liegen aber darin, dass genau diese Traumata durch ergreifende Briefe der Mutter kontrastiert werden. Denn sie offenbaren einen ganz anderen Blick auf dieselben Ereignisse. Kann man also das gleiche Leben leben, nur anders? So viel Tiefe und Menschlichkeit, so viel Zwischenmenschlichkeit und Wahrheit, so viel Leben steckt in dieser Erzählung, geschrieben in einer leisen, poetischen Sprache voller Subtilität und Feinheiten.
Lest den ganzen Beitrag hier: Das gleiche Leben. Nur anders.
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"ERKLÄRT PEREIRA"
von Antonio Tabucchi
Es gibt wohl kein anschaulicheren und bewegenderen Roman über Zivilcourage als diesen. Die kurze Geschichte, wie ein kleiner und unscheinbarer Kulturredakteur einer Lissabonner Zeitung über sich hinauswächst, die Schrecken der portugiesischen Salazar-Diktatur immer mehr wahrzunehmen beginnt, mit Übersetzungen aus dem Französischen, was damals als die Sprache des Feindes galt, allmählich beginnt, Widerstand zu leisten, und plötzlich hilft, wo Hilfe dringend nötig ist, obwohl er zeit seines Lebens ein unpolitischer Mensch gewesen ist, ist zutiefst beeindruckend. Angelehnt an eine wahre Begebenheit macht es dieses Roman zu einer Ode an Widerstand und Mut in Zeiten tiefster Finsternis.
Gefunden unter den Lebensbüchern des Kaffeehaussitzers, die allemal einen Blick lohnen: "Die Bücher meines Lebens".
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"IM FRÜHLING STERBEN"
von Ralf Rothmann
Ein erschütternder Roman über die letzten Kriegswochen im eigentlich schon längst gefallenen Deutschland. Obwohl der Krieg schon längst verloren ist, werden weiterhin junge und alte Männer eingezogen, darunter auch die siebzehnjährigen Walter und Fiete, zwei Freunde vom Land. Während Walter nur einfachere Fahrtätigkeiten verrichten muss, wird Fiete an die Front versetzt und verletzt. Sobald er sich auskuriert hat, soll er wieder zurück ins Gemetzel. Verlieren sich die Freunde zunächst aus den Augen, stehen sie sich am Ende in einem der tragischsten Dilemmata der Literaturgeschichte gegenüber. Bedrückend erzählt Rothmann von den letzten Kriegswochen, in denen der Endsieg weiterhin propagiert wird, obwohl sich die Fronten unaufhaltsam verschieben, Wochen, in denen bis zum Schluss jeder Abweichler und Deserteur aufgeknüpft und erschossen wird, um die nationalsozialistische Ordnung aufrecht zu erhalten.
Der Roman ist aufwühlend, erschütternd und wahrlich großartig!
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"EINE KURZE GESCHICHTE DER MENSCHHEIT"
von Yuval Noah Harari
Als ausgebildeter Historiker habe ich mich im letzten Jahr endlich dem Hauptwerk Hararis gewidmet und es nicht bereut. Besonders die Anfänge des Homo und schließlich auch des Homo Sapiens werden in beeindruckender Weise nachgezeichnet. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern nur ein Menschenaffe unter ehemals vielen, die womöglich durch Verdrängung und Ausrottung der anderen zur alleinigen Macht auf Erden avancierten. Wie war das möglich, obwohl zum Beispiel Neanderthaler viel robuster gebaut waren als wir? Dieser und vielen anderen Fragen geht Harari in seinem Buch nach und schreibt die Geschichte des Menschen bis in unsere heutige Zeit nach mit verblüffenden Einsichten darüber, wie wir zu dem geworden sind, was wir heute sind.
Eine bewusstseinserweiternde Erfahrung!

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John (Montag, 16 Februar 2026 16:17)
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