Ja, das ist tatsächlich der Buchtitel. Deswegen sofort eines vorab:
Was anmutet wie ein Sachbuch, ist in Wirklichkeit ein wahnwitziger, historisch detaillierter, äußerst scharfsinnig komponierter, dichter und kunstvoller Roman. Es ist einer der außergewöhnlichsten, komplexesten und beeindruckendsten Werke, die ich jemals gelesen habe. Ein monumentaler Roman, der aus allem herausragt, was ich bislang lesen durfte.
Aber ganz ruhig!
Beginnen wir von vorne und nähern uns diesem Meisterwerk Schritt für Schritt...
BEIM HÄUTEN DER ZWIEBEL oder EINE HYMNE AN DIE LITERATUR
DAS VORWORT
Der Herausgeber Normen Gangnus legt ein Kompendium der Aufzeichnungen und Briefe eines Mannes namens Arved von Sternheim vor, seines Zeichens Kunsthändler und späterer Kurator der Kunstsammlung Hermann Görings. In einem Vorwort erklärt Gangnus sogleich, dass der erste Band mit den Aufzeichnungen der Jahre 1920 – 1929 vergriffen sei, es lohnt sich also nicht, danach zu suchen. Dafür erfahren wir im Folgenden noch einmal die wichtigsten Lebensdaten dieses Arved von Sternheim, ein Kurzabriss seiner frühen Jahre wird uns präsentiert, die im ersten Band anhand eines Zufallsfunds in einem Antiquariat nachgezeichnet werden konnten.
Demnach wurde Arved von Sternheim 1901 in Pommern auf einem Landgut geboren, besuchte später das Internat von St. Gallen und ging schließlich als Kunststudent nach Florenz. Beschrieben wird er als ein idealistischer Ästhet, stets ruhelos und suchend, mit dem Auge für Details im Alltäglichen. Zugleich war er ein manischer Schreiber von Tagebüchern und Briefen und hielt so sein Leben fest, womöglich als eine Art von Selbstvergewisserung. In Florenz lernte er schließlich Anna Besdoma kennen, eine russische Adlige, die vor der kommunistischen Revolution geflohen war und zur engsten Vertrauten Arveds werden sollte.
Der nun hier vorliegende Band ist wiederum einem Zufallsfund zu verdanken und stellt die historisch-kritische Ausgabe der Jahre 1943 - 1945 dar. Eine Kladde mit Briefen, Notizen und Tagebuchaufzeichnungen fand sich in den der Öffentlichkeit zugänglichen Archivbeständen des Ministeriums für Staatssicherheit. Versehen sind die Unterlagen oft mit Kennzeichnungen und Anmerkungen. Anscheinend wollte bereits die Stasi auf die Fährte jener Kunst kommen, die Arved im Namen Görings kuratierte und von der viele Werke nach dem Krieg bis heute unauffindbar geblieben sind – die Raubkunst des Nationalsozialismus.
DIE AUFZEICHNUNGEN
Nach einem ausufernden Vorwort beginnen schließlich die Aufzeichnungen, in denen wir Zeugen einer unglaublich dichten und verdichteten Geschichte werden, die das Leben Arveds zwischen 1943 und 1945 in seinem Alltag, seinen Wünschen, Begierden, Gedanken und Abgründen nachzeichnet und uns quer durch einen am Abgrund wankenden Kontinent führt. Durch Briefe und Tagebuchnotizen werden wir unmittelbar ins Geschehen hineingezogen und begegnen nun einem gereiften, intelligenten und weltgewandten Menschen, mit dem man sogleich sympathisiert, einem feinfühligen Intellektuellen, der ein tiefes Kunstverständnis aufweist, der jedoch im Auftrag Görings vornehmlich Gemälde aus den besetzten Gebieten kauft, raubt oder entwendet. Ausgestattet mit einer Vollmacht des kunstbegeisterten Vorgesetzten reist er verblüffend leicht quer durch Europa, um immer wieder nach Carinhall, dem Anwesen Görings, oder zu seinem eigenen Landhaus in Pommern zurückzukehren. Krieg und Schrecken, die um ihn herum wüten und ganz Europa in Schutt und Asche legen, werden in den Notizen und Briefen nur angedeutet. Arved schreibt um die Dunkelheit herum, die den Erdball verschluckt, und reiht sich damit in die Riege der Deutschen ein, die nicht genauer hinsehen oder verdrängen wollten, sei es aus Angst, Scham oder gar Eigennutz. Kein Wort findet sich zum Holocaust, zum massenhaften Morden oder zum Krieg, allein die Anspielungen in seinen Notizen häufen sich. Das große Schweigen macht ihn zum Mitläufer, seine Verbindungen sowie seine Tätigkeit gar zum Mittäter, obwohl er bedeutende Kunstwerke durch den Raub zugleich auch der Vernichtung entreißt.
Sein intellektuelles und kunstbesessenes Leben gerät jedoch immer mehr aus den Fugen, als die Witwe seines verstorbenen Bruders samt Kind bei ihm auftaucht und dadurch immer mehr Gewissheiten zerfallen. Als schließlich auch der Krieg immer näher rückt, Fahrten in besetzte und bald befreite Gebiete unmöglich werden, kann auch Arved das Grauen nicht mehr ignorieren. Er gerät in den Strudel der letzten Kriegstage, aus dem es kein Entrinnen mehr zu geben scheint.
Die außergewöhnliche und ambivalente Geschichte Arveds ist natürlich nicht zu erzählen ohne seine Freundin Anna Besdoma, ebenjene russische Adlige, die vor der kommunistischen Revolution nach Paris geflohen und dort der Mittelpunkt für Künstler und Intellektuelle geworden war. Zahlreiche Briefe finden sich im Konvolut, die ihre Beziehung, ihr Kunstverständnis und ihren intellektuellen Austausch, aber auch die wechselvolle Geschichte Europas und Russlands in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts aufzeigen. Durch ihre Korrespondenz wird schnell klar, dass Anna der Fixpunkt seines Lebens zu sein scheint, sodass sich im Verlauf der Lektüre unausweichlich die Frage nach ihrer Beziehung stellt...eine Frage, deren Beantwortung am Ende des Romans mehr als tragisch ausfallen soll.
DES PUDELS INNERER KERN
So lückenhaft sich die Geschichte der Raubkunst darstellt, so riesige Leerstellen klaffen im Leben Arveds, um die der Roman in großen konzentrischen Bewegungen kreist. Die Lücken zwischen den Tagebucheinträgen und Briefen fordern uns auf, mitzudenken, Ereignisse und Empfindungen selbst wie ein Puzzle zusammenzusetzen, Spuren zu finden und ihnen hinter zu jagen. Zugleich jedoch erhalten wir einen unfassbar tiefen Einblick in Kunst und Kunstgeschichte, in das europäische Leben im vergangenen Jahrhundert sowie in den Nationalsozialismus und seine Raubzüge, teilweise so detailliert und fundiert, dass der Roman oft wirklich wie ein Sachbuch anmutet, da es mit Informationen und Details aufwartet, vor denen man sprachlos sitzt und bei denen man nicht umhinkommt, nach ihrem Wahrheitsgehalt zu recherchieren.

Zu nennen seien hier nur die drei konkurrierenden Unternehmen, die im Auftrag der höchsten Nazis Raubkunst erbeuten sollten: der Sonderauftrag Linz, der im Namen Adolf Hitlers Kunstwerke stahl, der ERR (Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg), der die zentrale Organisation zum Raub von Kunstgegenständen darstellte, sowie Görings private Kunsträuber. Sie alle machten Jagd auf Kunstgegenstände und nachdem zuerst jüdische Sammler enteignet und ihre Sammlungen konfisziert worden waren, plünderten die Nazis hemmungslos die europäischen Museen, darunter besonders die französischen, die bis heute zahlreiche Kunstwerke vermissen.
Der Roman endet aber nicht in der Vergangenheit, sondern führt uns die Verstrickungen der Kunstbranche eindrücklich vor Augen, indem er offenlegt, wie die Bezüge bis in unsere heutige Zeit hineinreichen. Spätestens, wenn man den Spuren folgt und erfährt, dass selbst renommierteste Museen noch bis heute Raubkunst zu ihrem Bestand zählen, sitzt man fassungslos vor der Geschichte und zweifelt an der Menschheit. (Zu empfehlen sei hier auch die überaus sehenswerte Arte Dokumentation „Der Plünderer – Das Geschäft mit der Nazi-Raubkunst“.)
Aber nicht nur über Kunst erfahren wir ungemein viel, sondern auch über die Absurditäten des Krieges (die letzten Verteidiger der Reichskanzlei im untergehenden Berlin waren französische Freiwillige der Waffen SS - bitte was???) sowie über die Machenschaften der BRD und DDR, die sich mit dem Auffinden sowie der Restitution der Kunst nicht nur schwer taten, sondern sie größtenteils unter den Tisch kehrten.
Neben all diesen historischen Wahrheiten liegen dem Text fiktive Interviews, Berichte und sogar ein Versicherungsverzeichnis der Gemäldesammlung Arveds bei. Zugleich entsteigen dem Text unvergesslich tiefe und plastische Charaktere, allesamt Kinder ihrer Zeitläufte auf einem zerrissenen Kontinent, geboren in längst untergegangenen Epochen. Und ich darf jeder und jedem versichern: Wer einmal von Zata gelesen hat, der wird sie nie wieder vergessen .
DICHTUNG UND WAHRHEIT

Bei Bildern gibt es Fälschungen und Originale – manche erkennt man, manche nicht. Und manch andere will man vielleicht nicht erkennen, weil man an sie glauben möchte. Genauso verhält es sich mit dem Roman.
Die Geschichte Arveds ist natürlich fiktiv, aber als zarter Trieb eingepflanzt in einen Garten voller Tatsachen und Wirklichkeiten, die um die Geschichte herum wuchern und sie aufnehmen, als wären sie eins und gehörten seit jeher zusammen. Auf atemberaubende und wirklich einzigartige Weise verwebt der Roman Realität und Fiktion miteinander, wie ich es noch nie gesehen habe.
So schreibwütig Arved nämlich auch ist, Gangnus steht ihm in nichts nach. Denn wer glaubt, der Herausgeber hält sich zurück und lässt die Aufzeichnungen für sich sprechen, der irrt gewaltig. Unterbrochen wird der Text immer wieder von einer Vielzahl an Fußnoten und Querverweisen, die nicht nur wichtige Informationen enthalten, sondern an viele Stellen geradezu ausufern und überborden. Auf 792 Seiten werden nicht weniger als 1229 Fußnoten gesetzt, etwa zu Lebensdaten und biografischen Abrissen von realen und fiktiven Personen, zu Beschreibungen und Hintergrundinformationen von realen und fiktiven Gemälden, zu Büchern, Zitaten, historischen Begebenheiten und Orten bis hin zu Links zu offiziellen Bilderlisten. Und das ist nur eine Auswahl von dem, was uns an Anmerkungen erwartet. Der Großteil allerdings ist real und verleiht dieser Herausgeberfiktion eine Art von Wahrheitsgehalt, wie es sonst nur bei Sachbüchern zu finden ist. Natürlich ist jede Geschichtsschreibung nur eine Interpretation von Quellen, jede history besteht aus stories, doch hier verwischen die Grenzen zwischen Geschichtsschreibung und Fiktion vollends und ergeben ein Neues, eine Möglichkeit, ja eine Wahrscheinlichkeit, dass es sich genauso zugetragen haben muss, selbst wenn Arveds Leben nur erfunden ist.
Aber nicht nur in den Fußnoten wartet der Roman mit einer Vielzahl an Querverweisen, Andeutungen, Zitaten und Reminiszenzen auf, deren Beschäftigung einer Dissertation würdig wäre, auch in den Notizen und Briefen stehen Unmengen an Geheimnissen. Jedes noch so kleine Detail erfüllt hier seinen Zweck, jede Einzelheit trägt Bedeutung, manchmal sogar nur ein einzelner Buchstabe. Jedes Zeichen deutet auf ein anderes, sodass sich der Text zu einem monströsen Teppich verwebt und gleichzeitig weit über sich hinausweist.
Was Normen Gangnus hier bietet, ist ein überwältigendes Spiel mit ineinander verschränkten Metaebenen. Mühelos verzweigt sich der Roman ins Unendliche und schachtelt Fakten und Fiktionen ineinander, reißt sie wieder entzwei, schweißt sie zusammen und errichtet daraus ein Monument, das seinesgleichen sucht. Mit einer Detailfreude, ja geradezu Detailwut entwirft Gangnus hier ein ganzes Universum, in dem man sich verlieren könnte, wenn es nicht so großartig und absolut überwältigend wäre, sich darin zu bewegen.
WAS KANN LITERATUR?
Ist das wirklich ein Debütroman?
Man sitzt staunend vor diesem Papiermonstrum und kann es kaum glauben.
Gangnus demonstriert mit seinem Debütroman, zu was Literatur im Stande ist, was diese bewirken kann, wie vielfältig, wie grandios, wie überbordend, wie einzigartig sie zu sein vermag. Er zeigt, wie sie Realität erzeugen, weiterschreiben, umschreiben und neu erfinden kann und sprengt damit ihre herkömmlichen Grenzen.
Dieser Roman ist eine Ausnahmeerscheinung, ungemein vielschichtig und komplex, dazu höchst poetisch und kunstvoll. Er vereint Gelehrsamkeit mit Poesie, Schrecken mit Zartheit, Intellekt mit großer Schuld und Liebe mit tiefem Schweigen. Es ist ein Roman, der so spannend konstruiert ist, dass man in einen intellektuellen Sog gerät, ein Roman, in dessen Zeilen so viel Feinfühligkeit steckt, dass man sich den Worten leichtfertig hingibt und unversehens in eine wahnwitzige Geschichte hineingezogen wird, die allerdings durch den ausufernden Anmerkungsapparat stets gebrochen wird, sodass man wie in Brechts Schaubühne immer wieder aus der Identifikation fällt.
Es ist eine Welt aus über sich hinaus deutenden Zeichen, gepaart mit einem detaillierten Fachwissen über den Nationalsozialismus und seine Raubkunst. Zugleich ist der Roman ein Monument des Gedenkens an alle Künstlerinnen und Künstler, die als entartet diffamiert wurden und deren Namen im beiliegenden Versicherungsverzeichnis dem Tode und der Vergessenheit entrissen werden.
Dass dieser absolute Ausnahmeroman unter dem Radar der Literaturkritik und Buchbubbles läuft, ist mir völlig unverständlich. Es ist einer der ambitioniertesten, großartigsten, kunstvollsten Romane, die ich je lesen durfte. Es ist eine wahrliche Ausnahmeerscheinung, ein gewaltiges, ein kolossales Werk, bei dem mir die Superlative ausgehen. Dieses Werk ist keines, was man an einem Abend wegliest. Dieses Werk verlangt einem unheimlich viel ab, die Auseinandersetzung mit diesem Opus magnum wäre einer mehrjährigen Beschäftigung würdig. Doch wenn man sich darauf einlässt, wird man im Gegenzug so reich beschenkt, wie ich es nur selten erlebt habe… vielleicht gar noch nie erleben durfte.
Dieser Roman gehört sicherlich zu den herausragendsten fünf Büchern, die ich jemals gelesen habe, womöglich zu den besten drei.
Vielleicht ist es auch einfach der großartigste Roman, den ich jemals lesen durfte. Auf jeden Fall sollte er von allen gelesen werden, für die Literatur mehr darstellt als nur Zerstreuung, Ablenkung und Unterhaltung.
Denn eines steht auf jeden Fall fest:
Dieser Roman handelt nicht nur von Kunst. Dieser Roman ist höchste Kunst!
Normen Gangnus: » ...mit zerrissenem Schlaf im Gesicht«. Die Aufzeichnungen und Briefe des Arved von Sternheim. Band 2. Die Jahre 1943 – 1945
Roman, Hardcover, 792 Seiten
Matthes & Seitz Berlin, 2025
Mehr Informationen und eine Leseprobe auf der Webseite des Verlags
Bildnachweis: Berlin, Adolf Hitler und Hermann Göring // Bundesarchiv, Bild 183-2004-1202-504 / CC-BY-SA 3.0: wikimedia.commons

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