- Tagebuch -


...hört gerade David Wagner zu

Im Rahmen der MEMORY LOSS Woche zum Thema Demenz las David Wagner gestern in Freiburg aus seinem Roman "Der vergessliche Riese".

 

Darin geht es um eine Familie, die keinen engeren Kontakt zueinander pflegte und erst durch die Krankheit des Vaters wieder zusammenfindet. Während sie sich um ihn kümmert, werden die Rollen innerhalb der Familie getauscht, denn der Vater verkommt immer mehr zum Kind, die Kinder werden zu fürsorglichen Eltern. Das Gedächtnis des einstigen Riesen lässt nach, doch dafür wachsen die Gefühle, was in der Freude über eine ewige Gegenwart gipfelt.

 

Wagner weiß, wovon er spricht, denn er hat selbst einen dementen Vater und dadurch im Roman Bruchstücke seiner eigenen Autobiografie literarisiert und verdichtet.

 

Zum Ende überraschte er mit seiner Sicht auf den Schreibprozess, denn wie das Erinnern nur eine Zusammensetzung von Fragmenten ist, so besteht nach Wagner die hohe Kunst der Prosa in ebenjenen Übergangen zwischen den Fragmenten.

 

Ein interessanter Gedanke!

 

 

 

David Wagner: Der vergessliche Riese

Roman

Hardcover, 272 Seiten

Rowohlt Verlag, Hamburg 2019

...hört gerade Anke Stellling zu

Gestern war Anke Stelling zu Gast im Literaturhaus Freiburg und las aus ihrem preisgekrönten Roman "Schäfchen im Trockenen".

 

Vor vollem Haus gab sie einen tiefen Einblick in die Midlife Crises der heutigen Mitvierziger, die plötzlich aufwachen und sind, wie sie niemals sein wollten - wie ihre Eltern.

 

Auf die Frage, ob ihr Roman denn ein Frauenroman sei, bejahte die Autorin schmunzelnd. Allerdings nicht in jenem Sinne, der von meist älteren Herren zur Diffamierung eines literarischen Textes genutzt wird und anhand dessen sie seichte Unterhaltungsliteratur von gehobener Literatur zu trennen versuchen. In ihrem Roman geht es vielmehr um eine weibliche Protagonistin, die sich auf Mutter, Tochter und andere Freundinnen bezieht und damit eine spezifisch weibliche Sicht auf die Gesellschaft zeichnet. Nebenbei entlarvt sie so ein ganzes Milieu, das sich in ihren engen Grenzen um Hausbau, Statussymbole und Familiengründung festgebissen hat.

 

Überragend - fand nicht nur das Publikum, das sich prächtig amüsierte, sondern auch die Jury des Leipziger Buchpreises, die die smarte und gewitzte Autorin Anfang des Jahres für ihr Werk auszeichnete.

 

 

 

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen

Roman

Hardcover, 272 Seiten

Verbrecher Verlag, Berlin 2018

...hört gerade Andreas Speit zu

Diese Woche war Andreas Speit zu Gast in Freiburg. Der Journalist und Rechtsextremismusexperte stellte sein Buch "Das Netzwerk der Identitären. Ideologien und Aktionen der Neuen Rechten" vor.

 

In der überfüllten Jos Fritz Buchhandlung hielt er einen eindrücklichen Vortrag über die Gefahren der Neuen Rechten, die mit medial aufgearbeiteten Aktionen auf sich aufmerksam machen und in die Mitte der Gesellschaft drängen. Zudem zeigte er Verzahnungen zu anderen völkischen und rechten Gruppierungen als auch zur AfD auf, beleuchtete die Rollen der Medien als PR-Maschine und gab tiefe Eindrücke in die Strukturen neurechten Denkens, in ihre von linken und grünen Aktivisten übernommenen Auftritte sowie in ihre Sprache.

 

Dabei kommt heutzutage eine Diskursverschiebung zum Tragen, so Speit, die bereits in den 90er Jahren ihren Anfang nahm, so dass sich die Neue Rechte als Opfer einer rotgrünversifften Meinungsdiktatur und als Widerstand gegen Umvolkung und Zensur gebären kann, die das Ende der Schulddebatte (Stichwort: Fliegenschiss) fordere. Zudem streben sie das Ende einer Konsensform an, das Ende der "Party" und eine vollkommen andere Sprache - unverhohlen antidemokratische Aussagen. Und so verwundert es auch nicht, dass sie sich dazu entscheiden, Wölfe zu sein, Wölfe, die unter die Schafe kommen sollen, um endlich aufzuräumen, die Demokratie abzuschaffen, Andersdenkende auszugrenzen und Migranten (angefangen bei den ersten Gastarbeitern und ihren Nachkommen) zurückzuschicken.

 

Es war ein interessanter Vortrag, der die Dringlichkeit des Problems aufgezeigt hat, in das unsere Gesellschaft ungetrübt hineinspaziert.

 

 

 

Andreas Speit: Das Netzwerk der Identitären

Sachbuch

Broschur, 264 Seiten

Ch. Links Verlag, Berlin 2018

...hört gerade Ferdinand von Schirach zu

Ich muss zugeben: Ich habe noch nie etwas von Ferdinand von Schirach gelesen. Aber wenn sogar die New York Times schreibt, dass er ein außergewöhnlicher Stilist sei, dann muss man Kairos am Schopfe packen und eine Lesung besuchen. Und so ging ich diese Woche ins Freiburger Stadttheater, wo der Autor sein neues Buch vorstellte: "Kaffee und Zigaretten".

 

Das Buch ist eine Sammlung von Erzählungen, Notizen und Aperçus, in der es keinen linearen Handlungsstrang gibt. Es sei wie im Leben, so von Schirach, denn wir denken nunmal nicht linear, sondern in Assoziationen. Dennoch gibt es ein wiederkehrendes Motiv. Der Tod spielt eine zentrale Rolle in den Erzählungen, denn allem, was wir tun und lieben, so von Schirach weiter, wird erst durch den Tod Sinn verliehen.

 

Es war ein sehr unterhaltsamer Abend, an dem der Autor das Publikum nicht nur durch Einblicke in das Leben eines Strafverteidigers, sondern auch immer wieder durch seinen Witz begeisterte. Stilecht gab es auf der Bühne natürlich Kaffee und Zigaretten dazu.

 

Ob er nun tatsächlich ein außergewöhnlicher Stilist ist, weiß ich allerdings noch nicht zu beantworten.

 

 

 

Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten

Roman

Hardcover, 192 Seiten

Luchterhand, München 2019

...hört gerade Takis Würger zu

Skandalroman oder künstlerische Freiheit?

 

Vorgestern war Takis Würger zu Gast in Freiburg und stellte seinen neuen Roman "Stella" vor. Im Literaturhaus Freiburg gab er im Gespräch mit Torsten Hoffmann Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Romans und ging auch auf die ausufernde Kritik in den Feuilletons ein.

 

Dort wird sein neuer Roman seit Wochen regelrecht zerrissen. Die Kritik entzündet sich insbesondere an der Frage, ob sich Nachfahren der Täter des Nationalsozialismus mit solch einem sensiblen Thema beschäftigen, ihn gar literarisieren dürfen.

 

Was also darf Literatur und was nicht?

 

Für Würger darf sie alles, denn Literatur ist Kunst, und Kunst ist frei. So wählte er für "Stella" ein historisches Thema, bettete es in einen plausiblen Rahmen ein, dessen Recherchen den Autor über Auschwitz bis nach Israel führten, und spann darin eine fiktionale Geschichte.

 

Gerade darin liegt laut Hoffmann die dramatische Ironie des Romans, denn natürlich weiß der heutige Leser mehr über die damaligen Verhältnisse im 3. Reich als die handelnden Personen. Würger selbst gibt sich überzeugt davon, dass sich auch die Nachfahren der Täter mit diesem Thema immer wieder auseinandersetzen müssen, in immer neuen Formen, um Verantwortung zu übernehmen, da es ansonsten, angesichts der bald aussterbenden Generation der Zeitzeugen, bald nur noch das große Schweigen gäbe.

 

Die Veranstaltung war nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch erhellend in vielen Punkten der Literaturkritik und Erinnerungskultur.

 

 

 

Takis Würger: Stella

Roman

Hardcover, 224 Seiten

Hanser Verlag, München 2019

...hört gerade Stephan Thome zu

Eine Religion, die einen Aufstand befeuert.
Eine Rebellion, die zu einem Krieg ausartet.
Ein Schlachten, das am Ende 20-30 Millionen Menschenleben verschlingt.

 

Nein, es ist ist nicht der Erste Weltkrieg. Auch nicht der Zweite. Und mitnichten der Dreißigjährige. Es ist ein Krieg an der Peripherie unserer Aufmerksamkeit, der dieses Jahr durch Stephan Thome ins Rampenlicht gerückt wurde.

 

Diese Woche war der Autor in Freiburg und las aus seinem Roman "Gott der Barbaren", der von ebenjenem Krieg im weit entfernten China des 19. Jahrhunderts handelt.

 

Der Roman war nominiert für den diesjährigen Deutschen Buchpreis und hatte es sogar auf die Shortlist geschafft.

 

Thome las aber nicht nur, sondern gab als promovierter Philosoph - der er ebenfalls ist - Einblicke in seine profunden Kenntnisse der chinesischen Geschichte und Philosophie sowie über das seit jeher schwierige und oft auf Missverständnissen beruhende Verhältnis von Ost und West.

 

Es war ein atmosphärischer und äußerst erkenntnisreicher Abend um einen "intellektuellen Abenteuerroman":

Veranstaltet wurde die Lesung von der Buchhandlung zum Weitzstein im "Kunstraum Alexander Bürkle".

 

 

 

Stephan Thome: Gott der Barbaren

Roman

Hardcover, 719 Seiten

Suhrkamp Verlag, Berlin 2018